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WIEN / Parndorf in Mauer: DER GEIZIGE

Pathologische Zustände

27.08.2026 | KRITIKEN, Theater

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WIEN / Altes Rathaus Mauer
Gastspiel der Sommerspiele Parndorf 2026
DER GEIZIGE von Molière
26. August 2026

Pathologische Zustände

Die Sommerspiele im Burgenländischen Parndorf haben heuer ihr 30jähriges Jubiläum gefeiert. Aber mittlerweile hat es auch schon Tradition (wenn auch eine kleinere), dass man mit diesem nicht schwer zu transportierenden „Pawlatschen“-Produktionen Ende des Sommers in Wien Station macht, wobei man Mauer ohnedies auch schon als „ganz weit draußen“ bezeichnen kann (wenn auch nicht ganz so weit wie Sommerspiele).

Nach dem erfolgreichen Nestroy im Vorjahr kam man nun mit dem ebenso erfolgreichen Molière. Man spielte, den Freilicht-Gesetzen folgend, den „Geizigen“ mit vollem Tempo, das nie nachließ, sprachlich exakt und präzise (was leichter ist als sonst, da es sich hier um Prosa und nicht um die gereimten Alexandriner handelt) und vor allem – vom Blatt. (Wie es sich gehört, würden ganz alte Theaterbesucher meinen, aber pfui, dergleichen darf man ja nun wirklich nicht mehr sagen. Es wäre auch ein wenig zu kurz gegriffen.)

Man müsste lange überlegen, um sich an eine „vom Blatt“-Inszenierung Molières zu erinnern (und von anderen Autoren sowieso). Das interessiert heutzutage niemanden, aber alle Regiekopfstände beweisen ja im Grunde nur, dass man kein Vertrauen in die Stücke hat.

Nun ist der „Geizige“ rein von der Handlung her keine Kostbarkeit, einfach Boulevard des 17. Jahrhunderts, wo sich zwei junge Paare, wie es sich gehört, ihre Liebe erkämpfen und eine Menge komisches, zappelndes, intrigierendes Personal um sie herumwieselt. Wie wenig ernst die Geschichte gemeint ist, zeigt das Ende, wo sich gleich zwei junge Leute als die verlorenen Kinder eines Alten herausstellen, der eigentlich eines der jungen Mädchen heiraten sollte…

Aber was macht Molière dennoch so bedeutend? Dass er in seinen besten, immer wieder gespielten Stücken pathologische Zustände darstellt. Dass der „Menschenfeind“ von manischem Mißtrauen getrieben wird, Orgon im „Tartuffe“ von Besessenheit für einen Heuchler, der „Eingebildete Kranke“ an nichts denken kann als an seinen Körper – und der „Geizige“ Harpagon permanent und ausschließlich von der Angst um sein Geld getrieben wird.

Sie alle leben in einem völlig verzerrten Bewusstseinszustand in ihrer eigenen Welt, können von der Realität nicht mehr wirklich erreicht werden, umkreisen sich in Wahn (der durchaus auch umkippen kann) und Egoismus selbst und sind solcherart inmitten einer Komödienwelt die wahren Tragödienfiguren.

Und dass Harpagon ein pathologischer Zustand per se  ist, das schildert Georg Kusztrich in der sonst legitim durchaus pointenhaschenden Inszenierung von Intendant Christian Spatzek in einem Furioso. Dieser Mann wird von Wut getrieben und gehetzt, weil er nur einen Gedanken kennt: Man wolle ihm sein Geld wegnehmen. Das ist krank und für den Zuschauer doppelt komisch, weil infolgedessen auch alle anderen in dem Stück „verrückt“ agieren, weil sie alle Hände voll zu tun haben, sich von der Geld-Besessenheit des Mächtigen (denn wer Geld hat, hat auch die Macht über andere) nicht ihre Leben ruinieren zu lassen.

Es ist ein personenreiches Stück, in dem zwei junge Schauspielerinnen erfolgreich mit Witz und Temperament aus dem blanken Klischee der jungen Verliebten auszubrechen (Sandra Högl und Fanny Holzer). Dennoch hat die Intrigantin immer die beste Rolle unter den Damen, und Irene Budischowsky flattert als Kupplerin Frosiine effektvoll über die Bühne.

Zwei Liebhaber, die geradezu durchdrehen (Benjamin Spindelberg und Niklas Zoubek), ein Diener, der aus einer Szene alles heraus holt (Hermann J. Kogler), ein Intrigant (Intendant / Regisseur Christian Spatzek persönlich), schließlich ein Deus ex machina (Kurt Hexmann), und noch etwas Personal.

Es wurde viel gelacht, aber der fast respektvolle Beifall für Georg Kusztrich schien zu beweisen, dass das eine Gänsehaut-Leistung war, die sich der Titelrolle eines großen Stück Welttheaters würdig erwies.

Renate Wagner

 

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