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WIEN / Palais Niederösterreich: 1848

05.09.2018 | Ausstellungen, KRITIKEN

WIEN / Palais Niederösterreich:
1848 – DIE VERGESSENE REVOLUTION
Vom 4. September 2018 bis zum 31. Oktober 2018

Zwischen Information und Installation

Heute „Palais Niederösterreich“ genannt, hat der Riesenbau an der Herrengasse, der einen ganz Block zwischen vier Straßen in der Innenstadt umfasst, eine vielfältige Geschichte. Aber es war dieses damalige Landhaus der Niederösterreichischen Stände, wo 1848 jene Revolution ausbrach, die sich nach und nach über das Habsburger-Reich erstreckte und das Ende der absoluten Monarchie und Freiheit und Bürgerrechte begehrte. Hier haben sich heute nun zahlreiche Institutionen zusammen gefunden, um „1848“, der „vergessenen Revolution“, wie man sie nennt, ein zeitgemäßes Denkmal zu setzen.

Von Heiner Wesemann

Das brodelnde Europa     Die Französische Revolution hatte 1789 eine Tochter Maria Theresias (Marie Antoinette als Königin von Frankreich) auf die Guillotine geschleppt und unter den Adeligen des „Ancien Régime“ ein sagenhaftes Blutbad angerichtet. In der Folge überzog Napoleon mit seinen Kriegen Europa, und nach dem Wiener Kongreß blieb die Angst: Das „Metternich’sche System“ sorgte in der Habsburger Monarchie mit Gewalt für Ruhe und Ordnung. Die Französische Juli-Revolution von 1830 hatte nicht auf Österreich übergegriffen, aber die Ängste der Mächtigen verstärkt: Irgendwann würde es kommen, das Aufbegehren des „Volkes“. Die Geschichtsschreibung – die retrospektiv natürlich alles weiß – lässt das Biedermeier im Grunde mit 1830 enden und benennt die nächsten 18 Jahre „Vormärz“. Denn im März 1848 brach dann tatsächlich die Revolution aus.

Die Sammlung Steiner   Herbert Steiner (1923-2001), Historiker, Begründer des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, hat Materialien zur Revolution gesammelt – rund 5500 Objekte, die u.a. Flugblätter, Drucke, Karikaturen, Zeitungsausschnitte umfassen. Er hat sie der Arbeiterkammer Oberösterreichs anvertraut, diese hat sie als Dauerleihgabe dem Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung weitergegeben. Diese Institution ist nun zusammen mit dem Österreichischen Staatsarchiv und dem Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich für diese Ausstellung zuständig, die Steiners Material (wenn auch mit wenigen Ausnahmen im Faksimile) reichhaltig zugänglich macht.

„Chronologie der Ereignisse“     Die Chronologie der Ereignisse läuft an der Wand als „Band“ durch die Ausstellungsräume und ermöglicht, wenn man sich die Zeit nimmt, das Geschehen Tag für Tag zu verfolgen, mit Illustrationen und Kommentar. Der allerdings aussetzt, wenn die Gestalter zwar per Kupferstich-Darstellung zeigen, wie der gelynchte Kriegsminister Latour an einer Laterne aufgehängt wurde, dies aber keinerlei Kommentars würdigen. Wie dem auch sei, das Material ist reichlich und vielfältig. Auch zahlreiche Karikaturen zeigen, dass man in den Monaten des „Freiheitsrausches“ (als Franz Joseph am 2. Dezember 1848 seine Regierung antrat, hielt die Liberalisierung nicht mehr lange) geradezu überbordete. Über die Chronologie hinaus setzt die Ausstellung ihre Schwerpunkte auf einzelne führende Persönlichkeiten der Revolution und bietet mit beschrifteten Wandbehängen reichlich zusätzliche Information.

Der Beitrag von heute: die Installation   Man merkt, dass Hans Hoffer, der Ausstellungsgestalter, auch Bühnenbildner ist. Er hat die Exposition (die teilweise in Prunkräumen des Hauses stattfindet) regelrecht „inszeniert“. Schon mit dem Zeichen für „1848“, wo der zweite Achter umgelegt und zum „Unendlich“-Zeichen wurde. Die „fliegenden Blätter“ scheinen tatsächlich von der Decke herabzuregnen, die Pflastersteine erinnern an die zahlreichen Barrikaden, die in der ganzen Stadt errichtet wurden, um dem Militär seine Arbeit zu erschweren, und spektakulär zeigt ein mehr oder minder zerstörtes Klavier, dass es mit der Idylle der Epoche (so es sie gegeben hat) zu Ende war.

Mehr verdrängt als vergessen     Und dann geht es den Ausstellungsgestaltern auch noch darum zu betonen, wie sehr Österreich versucht hat, die Erinnerung an diese Revolution zu verdrängen. Nicht nur damals, auch heute. 1864 wurde für die „Märzgefallenen“ ein Obelisk auf der Schmelz errichtet, der gerade für die Arbeiterschaft als Pilgerstätte galt. 1888 hat man ihn auf den Zentralfriedhof transferiert, und seither steht eher unbeachtet in Gruppe 26. Der Versuch, das Mahnmal für die Ausstellung in die Innenstadt zu schaffen, missglückte: Es sei schließlich ein Grabmal, wurde befunden. Das rot-grüne Wien hat es offenbar nicht so mit seiner Vergangenheit. Hans Hoffer hat als „Ersatz“ eine acht Meter hohe Stahlstele geschaffen, die im Treppenhaus des Palais Niederösterreich nun auch die Toten von damals nennt.

Palais Niederösterreich, Herrengasse 13:
1848 – Die vergessene Revolution
Bis 31. Oktober 2018, Dienstag bis Freitag von 11 bis 19 Uhr, Samstag von 11-15 Uhr
Der Eintritt ist frei

 

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