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WELTMACHT LIEBE
EINE REISE DURCH DIE JAHRHUNDERTE
20. März 2026 bis 1. November 2026
Liebe zwischen vielen Buchdeckeln
Wichtige Themen erfahren zwangsläufig ihre künstlerische Gestaltung, und was könnte wichtiger sein als die Liebe? (Manche meinen, das Geld, aber die Liebe wird schon Platz eins erringen…) Also kann die Nationalbibliothek aus den reichen Beständen ihrer zahlreichen Abteilungen üppiges Material zum Thema hervorholen – zumal dieses von heiliger Ekstase bis zu plumpen Sex zahlreiche Facetten hat, wie man sich im Prunksaal des Hauses überzeugen kann.
Von Renate Wagner

Bücher voran Allein der Prunksaal der Nationalbibliothek, wo jede Wand bis in hohe Höhen mit dicht gefüllten Buchregalen bedeckt ist, beweist es: Hier geht es – noch – um Papier. Gedrucktes Papier. Jenes Papier, das über Jahrhunderte Wissen weiter gegeben und den Menschen dieses Wissen vermittelt hat. In Text und auch Bild. Darum bietet auch die Ausstellung über Liebe eine solche Unmenge aufgeschlagener, meist sehr alter Bücher, wo dann (oft noch handgemalte) Bilder zeigen, was man heutzutage ohne Fachkenntnis nicht mehr lesen kann: Es geht um die reiche Beziehungswelt jenes Gefühls, das man „Liebe“ nennt und von dem schon die Minnesänger (und davor auch Griechen und Römer) „sangen“ – abgesehen davon, dass Liebe als „Beziehungsgeschichte“ natürlich mit Adam und Eva beginnen muss…

Was ist Liebe? Definitionen von „Liebe“ sind endlos. Man kann die „normale“ Liebe zwischen Mann und Frau auch deshalb anfänglich in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen, weil einzig sie den Fortbestand der Menschheit garantiert. Aber dass diese eheliche Liebe nicht immer gelebt wird, ist eine Tatsache über Jahrhunderte. Dafür stehen in der Ausstellung Habsburgische Paare und zwar solche, die das Gegenteil beweisen, in Abbildungen in den Vitrinen: Der spätere Kaiser Ferdinand I. wurde als Kind ungefragt aus dynastischen Gründen mit Anna von Ungarn vermählt und fand in ihr eine Gefährtin, die er leidenschaftlich liebte. Erzherzog Ferdinand II., von Tirol liebte die bürgerliche Philippine Welser so sehr, dass er gegen alle Widerstände eine morganatische Ehe durchsetzte. Es gibt ein Bild von der Hochzeit Maria Theresias, die später fast alle ihrer Kinder gnadenlos lieblos verheiratete, selbst aber die Liebe zu Franz Stephan von Lothringen durchsetzte. Und Marie Christine gelang als einziger ihrer Töchter die Ehe mit dem Mann, den sie liebte. Sie war denkbar glücklich mit Albert von Sachsen-Teschen, und die Ausstellung zeigt auch eine Skizze jenes Grabmals, das er der „besten aller Gattinnen“ in der Augustinerkirche setzen ließ – übrigens nur ein paar Schritte vom Prunksaal der Nationalbibliothek entfernt…

Wer liebt wen? Nicht wenige Menschen lieben schlicht und einfach vor allem sich selbst, was man schon mit der klassischen Figur des Narziss belegen kann. Es gibt die ewige Liebe (Orpheus), die verbotene Liebe (Abelard und Heloise). Mancher liebt auf die ehrenwerteste Art Gott, und diese spirituelle Liebe bedeutet für viele Menschen einen erfüllenden Lebensinhalt. Ebenso wie die Nächstenliebe, die nebenbei von höchster sozialer Relevanz ist und in der Ausstellung u.a. mit einem Überblick über einstige soziale Einrichtungen (Spitäler etc.) in Wien dokumentiert wird.
Fragwürdige Liebe? Liebeslyrik, Liebesbriefe, Liebesgesänge – am Beispiel von Briefen, Notizen, Telegrammen zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan wird klar, wie problembehaftet Beziehungen sein können, die man „Liebe“ nennt. Die aus den verschiedensten Gründen „verbotene“ Liebe führte zu berühmten Geschichten und tragischen Ereignissen. Wie problematisch der Exzess „Liebe“ werden konnte, zeigte Goethe an der Figur des Werther. Und wenn „Liebelei“ ein einschmeichelndes Wort ist – Arthur Schnitzlers berühmtes Theaterstück hat bewiesen, dass es da schlechtweg um gesellschaftliche Ausbeutung von Gefühlen ging.

Und wenn es gar um Sex geht… Sigmund Freud, der die Menschen zwang, ihren dunklen Begierden ins Gesicht zu sehen, und Arthur Schnitzler, der mit dem „Reigen“ klar machte, dass unter dem Vorwand der „Liebe“ einfach der Sexualakt gemeint war, nach dem man sich möglichst schnell wieder entfernen wollte, trugen viel zur Entromantisierung der Liebe bei. Die sich um die Jahrhundertwende, nicht zuletzt dank Sacher-Masoch, auch in wahre Untiefen begab.

Das Thema ist zu groß, um „alles“ zu behandeln, gibt aber in den gewählten Aspekten viel Interessantes zu betrachten und zu bedenken. Und doch, allen zurecht gemachten Einwänden und Einschränkungen zum Trotz, wie sagte doch Goethe: „Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! Und lieben, Götter, welch ein Glück!
Österreichische Nationalbibliothek
WELTMACHT LIEBE
EINE REISE DURCH DIE JAHRHUNDERTE
20. März 2026 bis 1. November 2026
Dienstag bis Sonntag 9 bis 18 Uhr,
Donnerstag 9 bis 21 Uhr,
Juni bis September: täglich geöffnet

