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WIEN – NEW YORK / Die Met im Kino: L’ELISIR D’AMORE

10.02.2018 | KRITIKEN, Oper

Liebestrank Met die zwei

WIEN – NEW YORK / Die Met im Kino:
L’ELISIR D’AMORE von Gaetano Donizetti
10.
Februar 2018

Donizettis „Liebestrank“ ist nicht zu Unrecht so berühmt – drei spektakuläre Rollen und eine gute sowie eine Handlung, die nicht Buffa-Routine abspult, sondern auch einiges an liebenswerten Charakteren und Changieren von Gefühlen einbringt. Das muss mit einer guten Besetzung immer funktionieren. Interessanterweise stand diese Oper am gleichen Abend sowohl in Wien wie in New York am Spielplan. Die Met im Kino machte den „Rutscher“ über den großen Teich einfach. Und vieles an dem Abend war sehenswert.

Nicht so sehr die Inszenierung von Bartlett Sher: Im Gegensatz zum praktischen Wiener Einheitsbühnenbild braucht man dort mehrere Schauplätze (im zweiten Akt verwandelt sich die Scheune fürs Hochzeitsessen in ein freies Feld, wo Adina und Nemorino dann, nachdem sie sich gefunden haben, gewissermaßen ins Heu plumpsen können), und die Führung der Darsteller scheint sich darauf zu beschränken, Adina einen flotten Zylinder zu bescheren, gewissermaßen um den Hochmut der reichen Frau mit einem Akzent zu versehen. (Der hat schon der Netrebko 2012 gut gestanden.)

Im übrigen müssen die Darsteller das Schiff – geleitet von dem an der Met debutierenden, aus Venezuela stammenden Domingo Hindoyan, der eher kräftig zugriff – in den Hafen des Erfolgs führen. Was als gelungen betrachtet werden kann.

Matthew Polenzani ist, obwohl er heuer erst die 50 streift, ein echter Met-Veteran (die Rede ist von über 300 Vorstellungen in 37 Partien im italienischen, französischen und Mozart-Fach) und hat den Nemorino schon bei der Premiere dieser Inszenierung gesungen. Er ist keine wirklich spektakuläre Persönlichkeit und hat auch keine überragend schöne Stimme, aber er ist ein wunderbarer Gestalter der Rolle, vielleicht, weil er kein Komiker sein will und kein Tenor, der sich selbst „ausstellt“, sondern einfach Nemorino, der einfache Kerl, der so heftig liebt und nicht bereit ist aufzugeben. Wenn er sich mit Dulcamaras „Liebestrank“ langsam das Selbstbewusstsein und die Schwerelosigkeit antrinkt, die er den Rest des Stücks nicht mehr verliert, ist er so berührend wie komisch, ohne je eine große Show abzuziehen oder mit dem Publikum zu kokettieren (was kaum einer seiner Kollegen sich versagt).

Pretty Yende, die bildhübsche, erst 33jährige Südafrikanerin, die wir 2013 im Theater an der Wien (als sie im „Comte Ory“ für die Bartoli einsprang) kennengelernt haben, ist eine Adina von wunderbarem Persönlichkeitsumriß. In der Pause im Gespräch mit Susanna Phillips (schade, dass die großen Moderatorinnen wie etwa Renée Fleming den Met-Übertragungen abhanden gekommen sind) betonte sie ihre Freude, einmal keine hoffnungslos schmachtende Heldin sein zu müssen, sondern eine entschlossene Frau sein zu dürfen… Dass diese Adina diesen seltsamen Kerl liebt, merkt man schon, wenn er aufgrund des Alkoholgenusses sein Verhalten ändert, damit die Machtverhältnisse quasi umdreht und Adina in regelrechte Verwirrung stürzt, worauf sie nach und nach ihrer Liebe konsequent näher rückt – bis zu einem hinreißenden, emotional aufgeladenen Schlußduett der beiden. Stimmlich vielleicht ein bisschen zu scharf für den lockeren Donizetti, ist Pretty Yende allerdings eine sehr gute Sängerin, die sich keine Fehler leistet (und auf deren Lucia di Lammermoor die New Yorker neugierig sein dürfen).

Ein besonderer Genuß war Ildebrando D’Arcangelo in der Rolle des Dulcamara. Man kennt ja nun wirklich viele darstellerische Facetten, von der exzentrischen Johnny-Depp-Satire, die Erwin Schrott immer abzieht, über die Spitzbüberei unseres unvergeßlichen Alfred Sramek bis zum vollsaftigen, uritalienischen Komödiantentum unseres Paolo Rumetz. D’Arcangelo trägt zwar auch einen Zylinder, ist aber kein Straßenhändler, sondern in der Kleidung elegant, und er lässt, obzwar gewiefter, wenn auch kaum vordergründiger Spitzbub, nie vergessen, dass er diese Figur als Gran Signore sieht. Ungewöhnlich und reizvoll, noch dazu, wo er alle tiefen Register seiner Stimme höchst überzeugend mobilisierte. (Er will ja auch demnächst in Berlin erstmals den König Philipp singen – das ist ja doch ein entscheidender Schritt weiter in der Karriere.)

Der Italiener Davide Luciano, der uns noch nicht begegnet ist, obwohl er schon seit einiger Zeit erfolgreich europäische Opernhäuser abgrast, debutierte an der Met als Belcore. Im Pausengespräch sagte er ganz richtig, dass man nicht versuchen sollte, Figuren extra komisch zu machen – wenn man sie ernst nimmt, entfaltet sich ihre Komik am besten, und das schaffte er, martialisch und charaktervoll-rau in der Stimme, durchaus.

Der Erfolg war groß, denn schließlich ist es auch, wie der Dirigent meinte, ein unwiderstehliches Werk.

Renate Wagner