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WIEN – NEW YORK / Die Met im Kino: ARIADNE AUF NAXOS

ariadne met
Fotos: Metopera

WIEN – NEW YORK / Die Met im Kino: 
ARIADNE AUF NAXOS von Richard Strauss
Kino-Übertragung: 12. März 2022

Die Übertragungen aus der Metropolitan Opera umfassen durchaus nicht nur Premieren, sondern auch Repertoirevorstellungen. Die „Ariadne auf Naxos“-Inszenierung von Elijah Moshinsky, der im Vorjahr als Covid-Opfer starb, stammt aus dem Jahre 1993. Man würde sie hierzulande vermutlich als “alten Hut” bezeichnen – aber wenn man sich grundlegend für eine historisierende Inszenierung entscheidet wie hier, dann altert sie höchstens in der Dekoration, nicht im grundlegenden Zugang.

Wie lange ist es her, dass man sich bei Ariadne nicht mit “Zimmer mit Klavier” oder “Flugzeughangar” abgeben musste, sondern einfach ins Barock plumpsen durfte, wo der reichste Mann von Wien sich in seinem barocken Palais eine barocke Oper mit klassischem Thema (Ariadne eben) bestellt und außerdem eine Commedia dell’arte Gruppe engagiert hat? Davon geht ja eigentlich auch das Textbuch von Hofmannsthal aus (und immer wieder wurde vermutet, mit dem “Komponisten” könnte der junge Mozart gemeint sein).

In dem Bühnenbild von Michael Yeargan, das im Vorspiel sehr kleinteilig ist, erzielt die Regie einige Übersichtlichkeit, was bei diesem “Drunter und drüber”-Werk gar nicht so einfach ist. Die Oper selbst spielt eher unspektakulär in einer “Höhle”, die wenig mehr zu bieten hat als blauen Stoffhintergrund, der sich gelegentich öffnet. Die einzige wirkliche Idee besteht darin, dass man die drei Nymphen in (von ihren Kleidern verdeckte) Riesengerüste gesteckt hat, in denen sie bei ihren Auftritten herumgerollt werden. Immerhin hebt dergleichen das Geschehen hübsch in eine Märchenwelt. Mehr ist von der Inszenierung nicht zu berichten, außer dass sie den Vorteil hat, das Geschehen schnörkellos zu zeigen, statt davon abzulenken. Das passiert ja heutzutage auch nicht oft.

Als Wiener Opernbesucher interessiert man sich vordringlich für Besetzungen, und da stach der Name Lise Davidsen heraus, die erst kürzlich – offenbar wegen ihrer Riesenstimme – in Wien in “Peter Grimes” so viel Beachtung bekommen hat. Sicherlich haben wir da den Wagner-Star der nächsten Jahrzehnte vor uns. Wäre die 35jährige nicht Norwegerin, würde man – wie bei Nilsson und Stemme – von Schwedenstahl sprechen. Jedenfalls ist die Kraft dieses dramatischen Soprans überwältigend, und wie er strahlend aufblüht, das ist ein nicht allzu oft zu erlebendes Ereignis. Von “Totenreich” in der Tiefe bis “Hermes” in der Höhe hat sie in den Registern keine Schwierigkeiten. Es ist nur klar, dass sie lieber laut, sehr laut, statt piano singt – und wenn sie nächstes Jahr an der Met die Marschallin sein wird, muss sie ihr Material zu Mezzavoce und Parlando bändigen, sonst wird es nicht klappen. Aber man freut sich auf all die großen Wagner-Rollen, mit denen sie uns hoffentlich erfreuen wird. Darstellerisich war sie (beglückt jene Ariadne-Krone tragend, die schon die bewunderte Jessye Norman geziert hatte) bemüht, so viel hat die Dame ja nicht zu spielen, dass da über den Gesang hinaus eine große Leistung zu erwarten gewesen wäre.

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Da hat die quirlige Zerbinetta mehr Möglichkeiten, und man hätte nicht gedacht, dass Brenda Rae (in einem echten Colombina-Kostüm) so viel aus der Rolle herausholen würde, als herzlich-liebenswürdige Darstellerin und als Sängerin, die jeden Ton ihrer Mörder-Arie traf. Die Gruberova ist tot, Reri Grist singt nicht mehr, wir haben die Besten gehört und sind dankbar für jene, die so gut mit der Partie zurecht kommen.

Nicht gänzlich überzeugend war (zumindest an diesem aus New York gesendeten Nachmittag, de uns traditionsgemäß am Samstagabend im Kino erreicht) Isabel Leonard als Komponist. Es war ihr Debut in dieser Rolle, überhaupt ihr erster Strauss, bevor sie nächstes Jahr der Octavian (mit Lise Davidsen) sein wird. Es ist nicht nur ihr Deutsch, an dem sie arbeiten muss. Von dem “rich Mezzo”, den Matthew Polenzani als Moderator pries, war nichts zu hören, das ist einfach eine Zwischenfach-Stimme, der die Mezzo-Farbe fehlt. Nun hat Strauss den Komponisten eher höher angelegt, aber permanent so schrill sollte er nicht ausfallen. Gespielt hat sie ihn sehr hübsch, der stolze Komponist, der schnell sehr kleinlaut und verzagt wird, aber dann die “heilige Kunst” doch aus ganzem Herzen preist. Überzeugender noch war allerdings Johannes Martin Kränzle als Musiklehrer, der eine Präsenz hatte, die nicht jeder in dieser Rolle erreicht.

Durchaus witzig der Auftritt von Wolfgang Brendel als Haushofmeister, der weniger den Hochmut, als die Boshaftigkeit eines Domestiken ausspielte, der anderen etwas antun kann. Mein Gott, dieser Mann war einmal Sachs und Holländer… sic transit Gloria mundi.

Und da ist noch die Mörder-Partie des Bacchus. Tatsächlich hat Brandon Jovanovich die Circe-Rufe mit geradezu unermüdlicher Kraft geschmettert. Und in der Folge hielt er bewundernswert und mit der Partnerin auf Augenhöhe durch. Wenn die beiden zum Finale dann  richtig, so mit voller Kraft loslegen – ja, als wir noch jung, ungestüm, frech und furchtlos waren, hätten wir gesagt: Zwei Brüllaffen. Nun, da wir gesetzt, gereift und vom Leben verschreckt, ungemein seriös, ernsthaft und humorlos sind und gelernt haben, jedes falsche Wort zu fürchten, sagt man bewundernd, wie selten es vorkommt, dass zwei Sänger dieser ungeheuren Dramatik gerecht werden, die Strauss in die Oper ab dem Auftritt von Bacchus hinein gelegt hat…

Früher bot die Met die Möglichkeit, sich das Programmheft aus dem Netz zu holen und damit die gesamte Besetzung. Diese Freude macht sie uns nicht mehr, damit fallen die Nebenrollen-Sänger brutal unter den Tisch.

Marek Janowski, bekanntlich vor allem von Wagnerianern geschätzt, hat auch noch mit über 80 die Spannkraft, sowohl die verspielte Detailfreude wie den großen, dramatischen, ja pathetischen Bogen der Strauss-Musik auszukosten. Das Met-Publikum zeigte sich sehr begeistert. Das Wiener Kino in der Landstraße war nicht einmal halb gefüllt.

Renate Wagner

Fritz Krammer hat im ORF-Radiopgrogramm die komplette Besezung gefunden (die drei Nymphen und derTanzmeister verdienen Erwähnung):

Lise Davidsen (Ariadne),
Brenda Rae (Zerbinetta),
Isabel Leonard (Komponist),
Brandon Jovanovich (Bacchus),
Sean Michael Plumb (Harlekin),
Johannes-Martin Kränzle (Musiklehrer),
Wolfgang Brendel (Haushofmeister),
Deanna Breiwick (Najade),
Tamara Mumford (Dryade),
Maureen McKay (Echo),
Brenton Ryan (Tanzmeister),
Miles Mykkanen (Brighella),
Alok Kumar (Scaramuccio),
Ryan Speedo Green (Truffaldino),
Patrick Carfizzi (Ein Lakai),
Thomas J. Cappobianco (Ein Offizier),
Philip Cokorinos (Ein Perückenmacher)

Orchester der Metropolitan Opera;
Dirigent: Marek Janowski

 

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