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WIEN – NEW YORK / Die Met im Kino: AKHNATEN

24.11.2019 | KRITIKEN, Oper

WIEN – NEW YORK / Metropolitan Opera im Kino:
AKHNATEN von Philip Glass
23.
November 2019

Die Metropolitan Opera in New York durchbricht in dieser Spielzeit zweimal das klassisch-romantische Opernrepertoire der üblichen bekannten Titel mit zwei Raritäten: derzeit mit dem „Akhnaten“ des Philip Glass, davor mit Gershwins „Porgy and Bess“ (die Aufführung kommt in der zweiten Serie nächstes Jahr ins Kino). Das Publikum reagierte fasziniert auf das Ungewöhnliche: die Glass-Oper (nach den hymnischen Premierenkritiken auf Anhieb für alle Vorstellungen ausverkauft) wurde mit stürmischem Jubel aufgenommen. In der ganzen Welt konnte man per „die Met im Kino“ daran teilhaben.

Der 82jährige Komponist gilt zwar als großer Vertreter der amerikanischen Moderne, aber er ist niemand, der es dem Publikum schwer macht – vorausgesetzt, man lässt sich auf seinen nie endenden Strom der „Minimal Music“ ein, die den Zuschauer in einen wahren Sog des Klangrausches taucht. Verbunden mit einer Fülle geradezu magischer Bilder auf der Bühne vollendete sich das, was man gut und gern als „Gesamtkunstwerk“ für unsere Zeit bezeichnen kann, auch wenn das Geschehen in meisterlicher Stilisierung das alte Ägypten beschwört.

Glass hat nach Einstein („Einstein on the Beach“) und Gandhi („Satyagraha“) in dieser 1984 in Stuttgart uraufgeführten Oper den rätselhaftesten aller ägyptischen Pharaonen in den Mittelpunkt gestellt. Denn „Akhnaten“ ist Echnaton aus dem 14. Jahrhundert vor Christus, der „Ketzerkönig“ und Anbeter der Sonne als größtem und einzigem  Gott. Die Oper beginnt mit der Mumifizierung und dem Begräbnis seines Vorgängers, es folgt Echnatons  Machtübernahme, handelt von ihm und seiner legendären Gattin Nofretete, bietet die legendäre Sonnenanbetung und die radikale Ausrufung des Monotheismus, die Gründung der neuen Hauptstadt Amarna anstelle von Theben – und schließlich seinen Sturz. Am Ende ist man kurz im Museum und hört, wie wenig von der 17jährigen Regierung des Echnaton, unter dessen Nachfolger die alte Götterwelt wieder in ihre Rechte eingesetzt wurde, bekannt ist…

Glass, der auch am Libretto beteiligt war, lässt nicht nur in englischer Sprache singen, sondern zitiert auch ägyptische und andere Texte in alten Sprachen, was man als Betrachter nur als reine Lautmalerei wahrnimmt und was den mystischen Eindruck des Geschehens noch unterstreicht. In der Inszenierung von Phelim McDermott (sie war schon in der Londoner National Opera und in Los Angeles zu sehen) und der unendlich einfallsreichen, immer hoch stilisierten Ausstattung von Tom Pye / Kevin Pollard ist der Abend an der Metropolitan Opera eine einzige große Zeremonie‚ meist in getragener Bewegung, Szenen von geradezu zen-buddhistischer Verhaltenheit und Poesie. Dabei wird die „Ägyptomanie“ in den Kostümen gelegentlich mit späteren Epochen, mit skurrilen und auch mit theater- und zirkusartigen Elementen versetzt, zu der ein Dutzend Artisten beitrugen, die auf der Bühne geradezu Kriegshandlungen verkörpern können…

Diese Jongleure, die völlig im Rhythmus der Musik agieren, haben Philip Glass selbst begeistert. In den Pausen der Met-Aufführung, die von Joyce DiDonato moderiert wurde, erzählte Bühnenbildner Tom Pye, dass man Bilder solcher Artisten, die mit Bällen und Keulen spielten, auch in ägyptischen Reliefs gefunden hat. ´

Die Besetzung entspricht den besonderen Anforderungen des Werks und lässt keinen Wunsch offen. Der Countertenor Anthony Roth Costanzo, glatzköpfig, zu Beginn nackt wie aus einem Kokon entsteigend, teilweise ganz in Gold, ist in der Titelrolle faszinierend anzusehen und anzuhören.

Mezzosopranistin J’nai Bridges als Nefertiti (mit der klassischen Kopfbedeckung, wie man sie aus dem Berliner Museum kennt) und Dísella Lárusdóttir als Königin Tye, seine Mutter, sind die starken Frauen, die Echnaton umgeben. Zachary James als Amenhotep, sein Vater, hat auch die Funktion eines Sprechers inne, die er mit großem Nachdruck erfüllt und solcherart durch die ganze Handlung schreitet.

Dass musikalischer Minimalismus keinesfalls Einförmigkeit bedeutet, bewies die Dirigenin Karen Kamensek reich facettiert am Orchesterpult, unterstützt von dem oszillierenden Chor.

Es waren, zwei Pausen inbegriffen, dreidreiviertel Stunden. Mag sein, dass im Wiener Kino hier und dort geschlafen wurde. Aber es war ein spannender, faszinierender und ästhetisch überwältigend schöner Abend., ein Fest für die Augen und die Ohren.

Heiner Wesemann

 

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