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WIEN / Neue Oper Wien: PALLAS ATHENE WEINT

26.10.2016 | KRITIKEN, Oper

Pallas Athene weint  plakat~1

WIEN / Neue Oper Wien im MuseumsQuartier:  
PALLAS ATHENE WEINT von Ernst Krenek
Premiere: 25. Oktober 2016 

Wer wird nicht einen Krenek schätzen? Doch wird ihn jeder spielen? Nein! 1984 gab es „Karl V.“ an der Staatsoper, 2002 ebendort „Johnny spielt auf“, und die Volksoper lud 2009 zum „Kehraus um St. Stephan“. Das war’s im Großen und Ganzen in den letzten 30 Jahren und mehr. Dass einem „Pallas Athene weint“ untergekommen wäre, daran erinnert man sich nicht. Darum auch der besondere Dank an die Neue Oper Wien, dass man wieder einmal etwas Neues kennen lernen durfte. Gleichzeitig begriff man auch, warum die Opernhäuser so selten nach einem Werk wie diesem greifen – es ist wirklich schwieriger, als ihm gut tut.

Krenek schrieb es in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre. Das Libretto ist eigentlich ein ganzes, komplexes Theaterstück, das man möglicherweise als solches spielen könnte. Dass er in das 5. Jahrhundert v. Chr. zurück ging, in die Zeit des Peloponnesischen Krieges, und historische Figuren wie den Feldherrn Alkibiades (der in den Auseinandersetzungen mehrfach die Seiten wechselte) und den Philosophen Sokrates in den Mittelpunkt stellte, war ihm ein Vehikel für das politische Gleichnis von Krieg („für den Frieden!“ geführt, was zur richtigen Frage führt, ob man für den Frieden Krieg führen kann…), von der unterdrückten Freiheit der Meinung, von Manipulation, brutaler Grausamkeit und letztendlich der Unmöglichkeit der Demokratie, wenn sie von Machtmenschen betrieben wird – kurz, für eine Oper eine fast zu komplexe Geschichte, bei der am Ende drei Leichen auf der Bühne herumliegen.

Nun hat man zwar in der Neuen Oper Wien sicher mit harter Arbeit für bemerkenswerte Textdeutlichkeit der Sänger gesorgt, man bietet den Text auch auf zwei Bildschirmen rechts und links im Zuschauerraum, aber dennoch könnte man es schwerer nicht machen, weil Krenek weitgehend kompromisslos auf schwierige Verstrickungen bestand, von denen man bei der ersten Begegnung sicher nicht alles mitbekommen kann.

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Fotos: Neue Oper Wien

Obwohl man dem Regisseur Christoph Zauner eine Inszenierung dankt, die das Stück – bei logischer Betonung des „Krieges“ –  erkennbar ablaufen lässt und die Zuschauer durch keine zusätzlichen willkürlichen „Ideen“ verwirrt. Die Säulen, die Jörg Brombacher dekorativ auf der Bühne drapierte, hätte man im Odeon als Raum gleich mitbekommen… Die Kostüme von Mareile von Stritzky sind heutig für die Herren, eine Spur abenteuerlicher für die Damen.

Kreneks Stück, das nun auch sein Libretto ist, läuft gewissermaßen zwischen zwei musikalischen Schienen ab. Immer wieder scheint es, als habe der Gesang mit dem Orchesterpart nicht viel zu tun, Unterstützung erfahren die Sänger jedenfalls keine. Auch war Krenek als Orchesterschöpfer hier weit überzeugender als in der Behandlung der menschlichen Singstimme: Dass er weit eher Sprechgesang erfordert als melodische Gesangslinie, erfüllt die Aufführung vorbildlich. Dass die Orchestersprache, zwischen raffinierter Kleinteiligkeit und oft überbordenden Fortissimo-Massen, zwischen zwölftönig und tonal changierend, ein aufregendes Erlebnis ist, verdankt man dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter der Leitung von Neue Oper-Chef Walter Kobéra. Stark beschäftigt und sehr überzeugend war auch der Wiener Kammerchor – das angesichts der wilden Ereignisse ziemlich ratlose und entsetzte Volk bekam eine Stimme.

Die Entdeckung des Abends war zweifellos der junge Franz Gürtelschmied (jetzt schon raffiniert genug, dass sein Geburtsdatum nirgends aufscheint): Mit einem Stahlkern in seinem Tenor, vorbildlicher Artikulation, größter Konzentration im Ausdruck und bemerkenswerter Ausdauer stellte er schlank und nachdrücklich den wankenden Alkibiades auf die Bühne. Weniger interessant als sympathisch war dagegen der vergleichsweise brave, weise, im Tod so würdevolle Sokrates des sonoren Klemens Sander. Als der politische Agitator und Opportunist, der hier immer auf der Gewinnerseite ist, machte Lorin Wey als Meletos nachdrückliche Figur. Karl Huml als Spartanerkönig, Hanzhang Tang, Yevheniy Kapitula und Kristán Jóhannesson (in zwei Rollen) prägten sich noch ein, und man kann sagen, dass die Männer es mit ihren Rollen stimmlich leichter hatten als die Damen.

Von ihnen kam nur Mareike Jankowski mit der verhältnismäßig kleinen Rolle der Titelheldin (Pallas Athene weint nur im Prolog und zum Finale) zurecht, während Megan Kahts als treulose Spartaner-Königin (sie büßt ihre Affäre mit Alkibiades auf die schlimmste Weise) und Barbara Zamek als Priesterin Althea mit Kreneks mörderischen, immer wieder in extreme Höhe geschraubten Stimmverrenkungen ihre Mühe hatten und mehr als einmal das bereiteten, was Thomas Bernhard „Ohrenfolter“ nannte. Sie konnten wahrscheinlich nichts dafür – und beim Komponisten kann man sich nicht mehr beschweren.

Würde man auch nicht wollen, denn es war im Ganzen ein sehr interessanter Opernabend, den man gerne einmal als Alternative zum normalen Betrieb sieht. Fürs Opernrepertoire, das wird wieder klar, hat Krenek ja letztendlich doch nicht geschrieben.

Renate Wagner

 

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