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WIEN / Nationalbibliothek: SCHATZKAMMER DES WISSENS

26.01.2018 | Ausstellungen, KRITIKEN

NB _schatzkammer Plakat

WIEN / Nationalbibliothek / Prunksaal:
SCHATZKAMMER DES WISSENS
650 Jahre Österreichische Nationalbibliothek
Vom 26. Jänner 2018 bis zum 13. Jänner 2019

Von der Karteikarte zum Tablet…

Wer „Schatzkammer“ sagt, denkt im allgemeinen an Kronen und Juwelen. Glücklicherweise war den Menschen immer klar, dass es auch Schätze geistiger Art gibt. In Österreich hat man sie durch den Lauf der Geschichte gewissenhaft gesammelt. Ein Ort, wo sich das Beste vom Besten konzentrierte, war stets die zentrale Bibliothek – einst die Hofbibliothek der Habsburger, heute die Nationalbibliothek Österreichs. Sie feiert mit dem „650er“ ein halbrundes Jubiläum, bedeutend genug, um Schätze aus den Archiven zu holen, „die man wohl nur einmal im Leben im Original sehen kann“, sagt Generaldirektorin Johanna Rachinger. Denn „Jubiläen sind das Rückgrat unserer Erinnerungskultur“. Dass heute alles bereits „im Netz“ ist, dafür hat sie selbst in ihrer Ära gesorgt. Aber es sind die Originale, die die Ausstellung „Schatzkammer des Wissens“ zu einer Wunderkammer von Geschichte und Kultur machen.

Von Heiner Wesemann

Die Gründung    Eine Gründungsurkunde gab es nicht. Aber als der Habsburger-Herzogs Albrecht III. bei Johannes von Troppau ein Evangeliar in Auftrag gab, ganz „in Gold“ geschrieben, und dieses im Jahr 1368 vollendet wurde, setzt man den Beginn der heutigen Nationalbibliothek an – vor 650 Jahren. Bis vor hundert Jahren, dem Ende der Monarchie, hat kein Habsburger-Herrscher das Sammeln von Büchern (im allerweitesten Sinn) und Dokumenten vernachlässigt. Und auch die Republik fügte ihre Dokumente bei. Damit die Geschichte nachvollziehbar und greifbar ist – und das heute für jedermann leichter denn je, auf Computern, Tablets, Smartphones. Die Menschheit ist einen weiten Weg gegangen.

NB  Katalogzettel Laptop~1

Durch Zeiten und Welten       Die Ausstellung wurde von Mag. Michaela Pfundner so übersichtlich kuratiert, dass sie einerseits einen chronologischen Weg durch die Geschichte bietet, von Habsburgischen Sammlern bis zum Anschluß an die Gegenwart. Dabei vergisst man auch nicht auf das Dritte Reich, das seiner Nachwelt viele Probleme bereitet hat – die gnadenlose, aggressive und verbrecherische „Sammlertätigkeit“, die sich straflos an jüdischem Eigentum vergriff, bescherte der Nachkriegszeit eine Flut von Recherchen und Restitutionen. Diese waren vor allem für Johanna Rachinger immer ein „moralisches Anliegen“. Mittlerweile haben mehr als 50.000 Objekte aller Art den Rückweg zu den Erben der einstigen Besitzer gefunden.

Sammeln, erwerben, ergänzen   Großartige Handschriften, meist geistlicher Art, waren die frühesten Objekte, die in die Habsburgischen „Bibliotheksbestrebungen“ fielen. Wenn ein Kaiser wie Maximilian I. sich auch selbst als Autor betätigte, ist der mit einem Holzschnitt zu seinem „Theuerdank“ vertreten. Interessante historische Details: Man kaufte (billig, weil ausgerechnet die Fugger ausnahmsweise kein Geld hatten!) 15.000 Bände der Fugger’schen Bibliothek; man plünderte kühn die Bestände, die die Habsburger in Tirol auf Schloß Ambras zusammen getragen hatten, und brachte sie nach Wien; man erwarb die Bibliothek des Prinzen Eugen, die heute noch im Prunksaal der Nationalbibliothek (das Gebäude ließ Kaiser Karl VI. errichten) aufbewahrt wird.

Der Glücksfall der besonderen Interessen   Spezielle Interessen einzelner Habsburger führten zu Sammlungs-Schwerpunkten: Dass das Haus heute über ein eigenes Papyrus-Museum verfügt, geht auf Erzherzog Rainer zurück. Das Sonderinteresse von Kaiser Franz I. an den Naturwissenschaften führte zu großartigen Aquarellen der Tierwelt, Pflanzenwelt und der Landschaften des Habsburgischen Reichs, die von ihm in Auftrag gegeben wurden.

NB Katalog der verbotenen Bücher~1
Verzeichnis verbotener  Bücher

Eine kleine Bibliothekskunde     Im Laufe der Ereignisse lässt sich auch verfolgen, dass große Sammlungen die natürlichen Probleme des Registrierens, Ordnens und Findens mit sich bringen. Handschriftliche Verzeichnisse führten nicht nur die „normalen“ Bücher auf, sondern widmeten auch dicke Wälzer den „verbotenen Büchern“. Werke zur „Bücherkunde“ wurden gedruckt, und gegen Ende des 18. Jahrhunderts erfand man dann den „Zettelkatalog“, der auf der Grundlage des Alphabets der erste Schritt zur Beweglichkeit des Arbeitens bot. Dass diese frühen Zettel zusammen mit einem Tablet in einer Vitrine liegen, verdeutlicht wortlos den Weg, den die Menschen gegangen sind – in Bezug auf Bücher und darüber hinaus.

Schwerpunkt Dichter     Die Österreichische Nationalbibliothek gönnt sich nicht von ungefähr seit einiger Zeit ein eigenes Literaturmuseum (dort, wo Franz Grillparzer einst über Akten brütete): Das Sammeln von Dichter-Nachlässen ist geradezu ein Schwerpunkt der gegenwärtigen Arbeit. Dabei geht es nicht nur um handschriftliche Briefe (ausgestellt: Freud, Wittgenstein), nicht nur um korrigierte Entwürfe zu Dichtungen, nicht nur um Dokumente (ein Meldezettel von Ingeborg Bachmann) – auch Kuriosa sind zu verzeichnen: Die Einkaufsliste sieht aus wie viele andere in vielen Haushalten (Obst, Wein, Bier… Klopapier…) – aber Ernst Jandl hat sie geschrieben.

NB  Gründungsbuch

Das Objekt des Monats     Als besonderen Anziehungspunkt für eine Ausstellung, die ein volles Jahr laufen wird (üblicherweise setzt man die Laufzeit höchstens mit einem halben Jahr an), hat man sich das „Objekt des Monats“ vorgenommen – in einer Glasvitrine rechts, sobald man den Saal betritt. Derzeit ist es der dazu erklärte „Gründungs-Beleg“, das Evangeliar des Johannes von Troppau, in geschlossenem Zustand, mit seinem prachtvollen, golden und silbern gehämmerten Einband. In einem Jahr wird man aufgeschlagen „hineinsehen“ können. Dazwischen werden es wohl Mozarts Requiem sein, das Musikfreunde anzieht (ab 30. März 2018), oder eine der wenigen erhaltenen Gutenberg-Bibeln aus der Frühzeit der Buchdruckerkunst (ab 1. Juni) für die historisch Interessierten, um nur zwei Beispiele zu nennen. Und dennoch denkt die NB ganz an heute – die kostenlose ÖNB-App zum Jubiläumsjahr bietet „650 Jahre in der Hosentasche“…

Bis 13. Jänner 2019, derzeit täglich außer Montag, 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr.
Mai bis Oktober täglich geöffnet

 

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