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MEDIZIN IM WANDEL DER ZEIT
VON DER ANTIKE ZUR MODERNE
Ohne Ärzte geht es nicht
Medizin ist ein Thema, das nun wirklich jeden betrifft. Es wird wenige Menschen geben, denen ihr Körper im Laufe ihres Lebens nicht irgendwelche Probleme bereitet hat, die der Heilung bedurften. Darum kann die Österreichische Nationalbibliothek in ihrem Prunksaal die neueste Großausstellung guten Gewissens „Medizin im Wandel der Zeit. Von der Antike zur Moderne“ nennen und diese Behauptung mit eigenen Beständen gewissermaßen lückenlos beweisen.
Von Renate Wagner
Durch die Menschheitsgeschichte Es gibt kaum eine Gesellschaft, die nicht Medizinmänner, Schamanen, heilkundige Priester kannte, die höchste Anerkennung genossen, abgesehen von den immer „weisen Frauen“, die wussten, wie man mit Kräutern, also den Kräften der Natur, Leiden linderte, vielleicht sogar heilte. Was heute eine Industrie geworden ist, gab es seit der Antike – Ärzte wurden zum Berufsstand, legten ihre Erkenntnisse nieder und schon von damals sind Namen wie Hippokrates und Galen auf uns gekommen. Dass man ihre Werke, die in den Völkerwanderungszeiten verloren gingen, im Mittelalter wieder kannte, dankt man arabischen Kopien und Übersetzungen, die vor allem in Bagdad anfertigte (wobei die arabischen Ärzte selbst wie etwa Avicenna einen großen Ruf genossen). Die Nationalbibliothek kann mit prunkvollen mittelalterlichen Handschriften aufwarten, in denen Wissen aufbewahrt und mit eindrucksvollen Szenenbildern illustriert wurden.

Mittelalter Im Mittelalter waren Salerno, Montecassino und Toledo medizinische Zentren, die die Erkenntnisse früherer Epochen aufarbeiteten. Inzwischen hatten vor allem die Klöster die Krankenpflege übernommen, und mit der Entwicklung der Städte kam es zu einer regulierten Gesundheitsvorsorge. Die Kriege brauchten Feldärzte und Wundschere, die sich um die verletzten Soldaten kümmerten. Sobald Universitäten gegründet wurden, war Medizin eine der wichtigsten Disziplinen (auch in Wien).
Pocken, Pest und Cholera Ein Problem, das sich durch die Jahrhunderte zog, waren die großen Seuchen – Pest, Pocken, Cholera (die bis Ende des 19. Jahrhunderts wütete!). Der Pestsäule, die bis heute den Wiener Graben ziert, wurde nach der überwundenen Epidemie von 1679 im Auftrag von Kaiser Leopold I. errichtet – und „bespielt“ in der Ausstellung im Prunksaal eine Ecke mit großen historischen Darstellungen,

Wiens erste große Zeit der Medizin Das 18. Jahrhundert wurde zu Wiens erster großer Zeit der Medizin. Das ging nicht nur darauf zurück, dass Maria Theresia aufgeschlossen genug war, die Pocken-Impfung für ihre Untertanen zu befehlen (sie hatte fünf Mitglieder ihrer Familie an diese Seuche verloren und sie selbst gerade noch überlebt). Es hatte auch damit zu tun, dass sie ihrem fortschrittlichen Leibarzt Gerard van Swieten freie Hand in der Entwicklung der Medizin ihrer Zeit ließ. Er begründete gegen einigen Widerstand die Ersten Wiener Medizinischen Schule (und die Ausstellung hat sogar ein handschriftliches Rezept von ihm zu bieten).

Die großen Krankenhausbauten Maria Theresias Sohn Joseph II. hat im Rahmen seiner Reformen besonderes Augenmerk auf die Gesundheit der Bevölkerung gelegt (nicht zuletzt deshalb ließ er die Friedhöfe aus dem Stadtgebiet in die Vorstädte verlegen). Die großen Krankenhausbauten in der Alservorstadt (bis heute das Medizinerviertel von Wien) gehen auf ihn zurück. Beim „Narrenturm“ bestand der Kaiser darauf, dass es keine Keller geben dürfe, um jede Möglichkeit auszuschließen, Kranke auf Nimmerwiedersehen wegzusperren…
Medizin und Fortschritt Die Ausstellung, die ihren Schwerpunkt nach und nach auf Wien verlegt, zeigt auch auf, wie sehr städtebaulicher und soziologischer Fortschritt mit der Bekämpfung von Krankheiten Hand in Hand gingen. Was die Römer immer wussten, was aber als Wissen zu lange verloren gegangen war, kam erst angesichts der Hygiene-Probleme wieder ins Bewusstsein, nämlich dass eine Bevölkerung sauberes Wasser brauchte, um vor Epidemien geschützt zu werden. So kam es zur Wiener Hochquellenwasserleitung, bis heute eine der großen Errungenschaften der Stadt.

Material- und Themenfülle Die Geschichte der Medizin greift in alle Lebensbereiche ein, wie mit Krankheiten umgegangen wird, ist ebenso ein medizinisches wie gesellschaftliches Problem, Die Ausstellung kann auf ihre eigenen reichen Bestände und auf Leihgaben des Josephinums (einst von Joseph II. zur Ausbildung von Ärzten und Wundärzten gegründet, heute ein medizinhistorisches Museum) zurückgreifen und, bietet rund 100 Originale, mittelalterliche und neuzeitliche Handschriften, Autografen, Inkunabeln, außergewöhnliche Drucke, Grafiken, Karten, Fotografien und großformatige Stadtansichten sowie chirurgische Instrumente des Leibarztes Joseph II..
Würdigung der Frauen Die Ausstellung wurde von Monika Kiegler-Griensteidl und Ingeborg Formann kuratiert, die am Ende noch die ersten Ärztinnen Österreichs würdigt wie Bianca Bienenfeld oder Gabriele Possanner, die sich dem männlichen Urteil „Die Frau sei zum Studium der Medicin nicht tauglich“ erfolgreich widersetzt hatten…
Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek
Medizin im Wandel der Zeit – Von der Antike zur Moderne“
Vom 20. November 2025 bis zum 1. März 2026
Dienstag bis Sonntag 9 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr

