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WIEN/ Musiktheatertage/Werk 2 im Meidlinger Kabelwerk: RE-VOLT ATHENS. Uraufführung

04.09.2015 | Allgemein, Oper

Musiktheatertage Wien 2015 im WERK 2 im Meidlinger Kabelwerk (Oswaldgasse 35A) RE-VOLT ATHENS 3.9. 2015 (Uraufführung) –

RE_VOLT_ATHENS_1 ©Alex Kat
Foto: Alex Kat

Kooperiert wurde dieses Stück mit ODC Athens/VYRSO. Wie in disPLACE, so behandelt auch dieses Stück das Thema der Gentrifizierung. Nicht zuletzt durch die Finanzkrise hat sich dieses Phänomen in Athen in der jüngsten Vergangenheit stark ausgebreitet. Die großen Einkaufszentren am Stadtrand Athens zogen ab den 1980er Jahren große Käufergruppen ab und führten so zur Schließung zahlreicher alteingesessener Geschäfte im Zentrum. Die Bewohner wanderten in Folge in andere Stadtteile ab. Immigranten, die ihre eigene Kultur und Geschäfte mitbrachten, siedelten sich nun in den leerstehenden Wohnungen mit ihren billig gewordenen Mieten an. In den zentralen Bezirken Keramikos und Metxourgio öffneten ab den 1990er Jahren Call Center und Coffee-Shops. Erst mit den Olympischen Spielen 2004 wurden diese Bezirke für die „Immobilienmafia“ wieder attraktiv. Mit dem Beginn des Grexits wurde dem Immobilien-Hype aber ein jähes Ende bereitet.

Die Regisseurin Elli Papakonstantinou, Gründerin und künstlerische Leiterin des Art Centre „VYRSODEPSEIO“ und Leiterin der Theatergruppe „ODC ENSEMBLE“, studierte in Athen Dramaturgie und Regie. Sie zeigt in diesem Stück den chaotischen Alltag des krisengeschüttelten Athen auf.

Re_VOLT_ATHENS_2@Alex Kat
Foto: Alex Kat

Die Schauspielerin Rosa Prodromou, der Musiker Tilemachos Moussas und der bildende Künstler Pantelis Tzimou trafen auf der Bühne in einer hybriden Performance aufeinander. Unsere Vorurteile gegenüber Gentrifizierung und Kunst brachen sie mit dem schwarzen Humor Verzweifelter auf und stellten sie in Frage.

Den Text zu diesem Stück lieferte Tsimaras Tzanatos, die Visuals besorgte Pantelis Makkas.

Zu Beginn des Stückes hört man eine etwa 10 minütige Monodie, bei der die Töne g-e-c-g-f-g unablässig wiederholt werden, während auf einer riesigen Projektionsfläche geometrische Visuals flirren und Statistiken über den Niedergang der Wirtschaft, die steigenden Arbeitslosenzahlen und Preise, usw. auf die Leinwand projiziert werden. Es ist gleichsam die Expositur des Stückes. Der Musiker Tilemachos Moussas tänzelt dann auf der Bühne, gerät dabei ins Schwitzen und legt sein T-Shirt ab. Dann trinkt er Wasser aus einer PET-Flasche und stimmt gurgelnd die Europa-Hymne an.

Die singende Schauspielerin Rosa Prodromou erzählt dann von ihrer Übersiedlung nach Athen, von ihren Nachbarn, den Sehenswürdigkeiten und den Demonstrationen am Syntagma-Platz vor dem griechischen Parlament. Sie zeigt Fotos von sich und Freunden aus jenen Zeiten, wo es ihnen besser ging. Immerhin, so erfahren wird, haben bereits 200.000 Künstler und ebenso viele Wissenschaftler ihre Heimat bereits verlassen. Gesungen und vorgetragen wurde diese Performance übrigens auf Englisch. Nur einmal, wenn es um den Verkauf der unbewohnten griechischen Inseln (immerhin sind von den 3054 Inseln, nur 113 Inseln und 4 Binneninseln bewohnt!) geht, kommt es zu einer lautstarken Auseinandersetzung zwischen dem Musiker und der Sängerin. Während der Musiker den Verkauf befürwortet, weil er nur überleben will, lehnt die Sängerin den Verkauf der griechischen Inseln kategorisch ab.

Könnte man diese unbewohnten Inseln nicht auf 99 Jahre verpachten, so wie es China einst mit Hongkong getan hat? Mein diesbezüglicher per E-Mail an die griechische Botschafterin in Wien gerichteter Vorschlag blieb natürlich unbeantwortet…

Am Ende des Stückes bedeckt der bildende Künstler Pantelis Tzimou den entblößten Oberkörper und die Arme der Sängerin mit Lehm, die sich nun in einer Mischung aus kriegerischer Amazone und französischer Marianne bedrohlich und zum Äußersten entschlossen auf der Bühne mit stampfenden Schritten so lange bewegt, bis sich ihre Verzweiflung schließlich in einem gewaltigen Schrei entlädt…

Diese Produktion wurde vom Publikum heftig akklamiert. Zu sehen ist sie allerdings nur noch einmal, nämlich am 4. September im Werk 2.

Harald Lacina

 

 

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