Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / MusikTheater an der Wien: STIFFELIO

Rache, Religion oder Trompete?

01 stiffelio (c) wernszene etitsch 11 kl~1
Fotos: (c) Werner Kmetitsch

WIEN / MusikTheater an der Wien: 
STIFFELIO von Guiseppe Verdi
Premiere: 13. Mai 2026

Rache, Religion oder Trompete?

Was tut ein betrogener Ehemann in einer italienischen Oper (ob „Cavalleria“, ob „Maskenball“, ob in zahlreichen anderen Werken)? Er bringt den Rivalen um, und die Ordnung ist wieder hergestellt. Dieses Gelüst würde auch Stiffelio plagen, als er vom Ehebruch seiner Frau erfährt, aber er hat ein Problem: Er ist eine Art Priester, und da ist Rache nicht erlaubt, ist vielmehr die Religion vor…

Verdis „Stiffelio“, nach „Luisa Miller“ und vor „Rigoletto“ entstanden, ist musikalisch gänzlich auf der Höhe seiner Ausdruckskraft. Aber das, was er mit seinem Trio Rigoletto / Troubadour / Traviata erreicht hat, nämlich seine Musik melodisch so zu gestalten, dass sie als „Ohrwurm“ unvergeßlich bleibt, das hat er in diesem Werk noch nicht umgesetzt. Und da es inhaltlich nicht sonderlich spannend ist, wenn es den betrogenen Stiffelio, die reuige Gattin Lina und ihren tobenden Vater Stankar innerlich zerreißt, machen die Bühnen um dieses Verdi-Werk meist einen großen Bogen. In der Staatsoper war es Ende der neunziger Jahre zu sehen, weil José Carreras und Placido Domingo Lust auf den dramatisch-verquälten Titelhelden hatten, später wurde das Werk für José Cura noch einmal aufgenommen, und seither ist es für Wien verschwunden.

Im MusikTheater an der Wien ersteht es nun auf, soweit das eben möglich ist. Man hat wieder den Russen Vasily Barkhatov geholt, dem es so atemberaubend gelungen ist, Bellinis „Norma“ aus dem alten Rom in eine faschistische Welt zu versetzen. Er „übersiedelt“ auch den Stiffelio, der im Original in einer evangelischen Gemeinde im Deutschland des 19. Jahrhunderts spielt. Aber dass man sich nun bei den amerikanischen Amish findet, wohl heutzutage, stört nicht, den optisch sehen die Mitglieder immer gleich (altvaterisch) aus (Kostüme: Stefanie Seitz) – und es wird nur eine enge religiöse Gemeinschaft von einer anderen ersetzt, die Geschichte kann also so erzählt werden, wie sie gemeint ist:

05 xx stiffelio (c) wer vner kmetitsch 6 kl

Was macht ein tobsüchtiger Mann mit seinen Rachegelüsten, wenn die Religion ihm nur Milde und Verzeihung auferlegt. Vasily Barkhatov hat die Figur des Stiffelio, von dem man bei Verdi nur erfährt, dass er als Flüchtling in die Gemeinde kam, bevor er hier zu einem ihrer Priester (oder Prediger, wie es bei den Amish heißt) wurde, ausgeführt. Die ganze Ouvertüre ist „Filmmusik“, denn man erlebt auf der Riesenleinwand die Geschichte eines amerikanischen Musikers im Glitzergewand, mit Trompete in der Hand, der in einer Bar eine schöne schwarze Dame anlächelt, mit ihr offenbar eine tolle Nacht verbringt – und in der Früh erkennt, dass sie von ein paar Mafia-Bodyguards abgeholt wird. Für ihn gibt es da nur eines: Flucht. Als er in einen vorbeifahrenden Amish-Wagen springt, ist die Ouvertüre zu Ende, und wir haben Stiffelios Vorgeschichte (der einmal Rudolf Müller hieß).

Im Original gibt es viele, teils romantische Schauplätze, im Theater an der Wien ist das Bühnenbild von Christian Schmidt fast das stärkste Argument der Aufführung. Er hat auf eine Drehbühne, die fast dauernd in Bewegung ist, in einem Riesenhaus zahlreiche karge Schauplätze einer Art von Pfarrhaus mit Privaträumen und öffentlichen Räumen gebaut. Die Sänger müssen nie herumstehen, können sich bewegen, ein Versammlungssaal mit schlichten Holzbänken bringt den Chor ideal unter, und ganz selten (ein paar Videoprojektionen, ein paar kleine Hinweise) wird die Musikervergangenheit von Stiffelio beschworen – und seine Sehnsucht danach. Im übrigen dichtet der Regisseur ein paar stumme Szenen aus der nicht sehr gemütlichen Amish-Welt, kommt aber nicht darum herum, eine eher läppische Handlung, in der dauernd irgendwelche Briefe kursieren, zu bebildern. Und alle winden sich in ihren Seelenschmerzen…

02 stiffelio (c) werner kmetitsch 20 kl~1

Das Ende, bei Verdi mildes Verzeihen, lässt der Abend offen, die Aussage bleibt diffus: Schließlich hat sich Stiffelio wieder seinen Musiker-Glitzeranzug angezogen – ist er tot, wenn er da sitzt? Oder wird er als braver Priester und verzeihender Ehemann da bleiben oder zurück ins alte Leben gehen? Wir wissen es nicht – es ist auch egal. So interessant ist die Geschichte wieder nicht.

Luciano Ganci, der bei uns in der Staatsoper zuletzt kein sehr überzeugender Pinkerton war, ist hier in einer Rolle viel besser, die fast ins Heldentenorale reicht. Zwar scheint seine Stimme Metall pur, aber er kann sie zu glanzvoll tenoralem Leuchten bringen, mit strahlenden Spitzentönen obendrauf. Zweifellos keine Durchschnittsstimme, und auch darstellerisch ist Ganci in seiner permanenten Wut und Unsicherheit recht überzeugend.

Ihm ebenbürtig sein Schwiegervater, eine ganz große Verdi-Bariton-Rolle, ein Mann, der gleichfalls von Wut und Erregung getrieben wird: Franco Vassallo als Stankar erhielt für seine große Arie den stärksten Szenenapplaus des Abends.

03 stiffelio (c) werner kmetitsch 18 kl~1

Schön, bescheiden, leidgequält war Joyce El-Khoury als Lina, die stimmlich vor allem in ihren Pianopassagen überzeugte. Sehr eindrucksvoll Luigi Morassi als ihr Verführer, nicht nur mit ordentlichem Tenor, sondern auch so gut aussehend und überzeugend, dass verständlich ist, wenn eine Frau da schwach werden konnte…  Alessio Cacciamani und James Kryshak geben zwei knorrige Amish-Alte, während Štěpánka Pučálková nichts dafür kann, dass sie nicht auffällt, die Rolle ist einfach zu unbedeutend.

Am Pult des ORF Radio-Symphonieorchester Wien stand Jérémie Rhorer, der gewaltig loslegen ließ, so dass man nicht sagen könnte (so gut kennt man das Werk ja nicht), ob es da nicht auch vielleicht subtilere Elemente gibt?

Einer der Helden des Abends war jedenfalls der Arnold Schoenberg Chor (geleitet von Erwin Ortner), der diesmal besonders gefordert war und wieder einmal bewies, welches Glück das MusikTheater an der Wien hat, auf einen Klangkörper von solcher Qualität zurückgreifen zu können.

Der Abend ist inszenatorisch keine Sensation, wie es „Norma“ war, aber eine vernünftige Aufführung, in der Tenor und Bariton durchaus glänzen. Also Oper, die sich lohnt und die bei der Premiere heftig beklatscht wurde.

Renate Wagner

 

 

Diese Seite drucken