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WIEN / MusikTheater an der Wien: L’OPERA SERIA

Schon im 18. Jahrhundert…

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Fotos . (c) Werner Kmetitsch

WIEN / MusikTheater an der Wien: 
L’OPERA SERIA von
Florian Leopold Gassmann
Premiere: 28. Februar 2026

Schon im 18. Jahrhundert…

Schon im 18. Jahrhundert haben sich das Theater und  die Oper über sich selbst lustig gemacht, man denke nur an Carlo Goldonis prächtigen „Impresario von Smyrna“ von 1760. Für das Genre der Oper haben das Teatro alla Scala (die Premiere war im Vorjahr in Mailand) und das Theater an der Wien ein Werk hervorgeholt, das mehr als 250 Jahre alt ist und zu einem hoch lebendigen, sprühend vergnüglichen Opernabend geriet: „L’opera seria“ (1769 im Burgtheater, damals noch nicht das deutsche Sprechtheater, uraufgeführt und seither nie wieder in Wien zu sehen).

Komponist war Florian Leopold Gassmann (1729 -1774), der aus der böhmischen Provinz über Italien an den Wiener Kaiserhof kam und sich dort der besonderen Gunst von Kaiser Joseph II. erfreute. Nun gewann er mit einer komischen Oper, die sich über die „ernste“ Oper lustig macht, die Gunst des Wiener Publikums.

Das Libretto von Ranieri de’ Calzabigi scheut keinerlei Klischees, wenn es darum geht, die klassische Opera seria gewissermaßen auf die Schaufel zu nehmen. Akt 1 stellt die üblichen  Protagonisten vor: den Impresario, den Komponisten und den Librettisten (für die Fragen wie Prima la musica keine Relevanz haben), die Sänger, in diesem Fall gleich drei Damen, die Primadonna (gewissermaßen „Ich bin die erste Sängerin“), die sich nicht nur von der zweiten Sängerin, sondern auch vom skrupellosen Nachwuchs bedrängt fühlt, den Tenor, der hier keinerlei Konkurrenz bekommt. Und da ist auch noch der Choreograph, der um seine Ballettszenen kämpft,

Dann die erste Pause. Anschließend wird die Opera seria, die aufgeführt werden soll (sie heißt „L’Oranzebe“ und huldigt dem typischen barocken Exotismus), geprobt – hier setzen sich nicht nur die Damen und der Herr mit ihren Arien in Szene, da fliegen auch die Ressentiments nur so durch die Luft. Man beleidigt einander, streitet wild und alles landet im Chaos – ein Akt von entschiedener Durchschlafgkraft.

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Wieder eine Pause. Im dritten Akt ist man in der Aufführung der „Indien-Oper“, die allerdings nicht weit gedeiht, da die Kulissen offenbar so schäbig sind, dass sie während der Vorstellung zusammen brechen. Das Abenteuer der Opera seria ist zu Ende – aber nicht ganz. Da müssen (dramaturgisch entschieden überflüssig) noch die drei Mütter der Sängerinnen auftreten (Chargen für Männer in Frauenkleidern), und wenn die Truppe beschließt, demnächst anderswo weiter zu machen, schwören sie, dass sie stets alles darein setzen werden, den Impresario, dem sie alles Böse nachsagen, zu vernichten… Kein Wunder, dass dieser schon davor ins Publikum gesungen hat: „Wer von ihnen je auf die Idee kommen sollte, ein Theater zu leiten – vergessen Sie’s!“

Wieder zu entdecken ist die Musik von Florian Leopold Gassmann. Man kann nicht jedem Zeitgenossen von Gluck und Mozart die Genies entgegen halten – wenn jeder ihre Größe hätte, wären sie nicht, was sie sind. Aber Gassmann, dessen Musik im ersten Akt eher wie  routiniertes Gefälligkeits-Können wirkt, wächst im zweiten Akt, wenn er genau zwischen den künstlichen Opera seria-Arien, die geprobt werden, und jenen, mit denen die Sänger sich persönlich ausdrücken, unterscheidet. Da schickt er seine ganze musikalische Ironie in diese Art von „Vergangenheitsbewältigung“, aber er fährt auch zu prächtigen, hoch emotionalen Klängen auf, wenn sich die Herrschaften zanken – und das tun sie faktisch ununterbrochen. Wenn es am Ende auch nicht „orientalisch“ klingt (Mozart hat etwas mehr als ein Jahrzehnt später in die „Entführung“ jede Menge alla turca-Wendungen eingebracht), so verliert Gassmann jedenfalls nicht seinen Humor.

Gewiß, wenn man die „drei Mütter“ an Ende und die zweite Pause gestrichen hätte, wäre der nun mehr als dreieinhalbstündige Abend um einiges kürzer geworden, aber man hat angesichts der Inszenierung von Laurent Pelly fast ohne Ermüdungserscheinungen durchgehalten. Denn diese Produktion ist eine Perle an Regie-Könnerschaft, hat sich für die totale parodistische Verfremdung entschieden und führt diese in jedem körpersprachlichen Detail der Darsteller aus.

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Was an Klischees vorgegeben ist, wird gezeigt, wird ausgestellt, darf verlacht werden. Den Sängern fordert es Ungeheures an Präzision ab, und alles gelingt. Allein, wie Pelly am Ende des zweiten Aktes die vorgegebene Turbulenz in ein „Gewure“ der Körper umsetzt, ist ein Meisterstück für sich.

Das alles findet in einem Bühnenbild (Massimo Troncanetti) statt, das anfangs nur schlichte Räume darstellt und, wenn nötig, ein paar Sessel und auch ein Klaiver herein- und wieder hinaustragen lässt. Im dritten Akt sind dann ergötzlich die Kulissen und Soffitten typischer Barockausstattungen paraphrasiert (selbstverständlich mit einem Elefanten für das indische Milieu). Hier brilliert übrigens das Ballett (Choreografie: Lionel Hoche) hinreißend komisch dahingehend, was man sich einst (und vielleicht gelegentlich noch heute?) als „indisch“ vorstellt…

Pelly selbst ist auch (wie meist) für die Kostüme zuständig. Interessanterweise hat er sich neben Weiß ganz für gedeckte Pastellfarben entschieden, selbst beige und grau sind auf das Minimum herunter gefahren. Das macht die Optik des Abends (dem ein paar Farbtupfer sicher nicht geschadet hätte) blaß, aber glücklicherweise sind es die als Darsteller bis zum Exzess geforderten Sänger nicht.

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Freilich hätte man sich den geplagten Impresario durchaus als Buffa-Figur vorstellen können (wie hätte ein Erich Kunz so etwas gespielt!): Aber es ist auch eine Entscheidung, dass Pietro Spagnoli zwar immer wieder unter der Last des Theatervolks seufzt, aber doch jeden Zoll ein Gran Signore bleibt. Diese Zurückhaltung haben die anderen nicht – Roberto de Candia als hektischer Librettist, Petr Nekoranec als alberner Komponist und Alessio Arduini als zynischer Choreograph. (Arduini und Andrea Carroll kennen wir noch aus der Staatsoperndirektion von Dominique Meyer,)

Intendant Herheim entschuldigte Julie Fuchs, aber man hatte nicht den Eindruck, dass sie ihrer Virtuosenrolle als erste Sängerin Stonatrilla etwas schuldig blieb, wenn der Komponist für die zweite Sängerin Smorfiosa auch noch alberne Kehlenverrenkungen (von den höchsten bis zu den tiefsten Tönen, gleich ein paar Oktaven hin und her) vorgesehen hatte: Andrea Carroll machte das vorzüglich. Und Serena Gamberoni als das Nachwuchs-Rübensüßchen Porporina behauptete mit brachialem Humor eisern ihren Platz.Blieb noch der einzige Tenor, und Josh Lovell zog stimmlich wie darstellerisch eine prachtvolle Show ab.

Für den musikalischen Teil hatte man Les Talens Lyrique Unter der Leitung von Christophe Rousset geholt, was anfangs ein wenig nach Harnoncourt-Original-Zeigefinger klang, aber bald durch geradezu stürmische musikalische Interpretation überzeugte.

Das Publikum wusste die brillante Regie zu schätzen, amüsierte sich köstlich und verhalf dem Abend mit Applausstürmen am Ende zu seinem  verdienten Triumph

Renate Wagner

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