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WIEN / MusikTheater an der Wien: LA CALISTO

Hier kocht der Chef

 

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Foros: © Matthias Baus

WIEN / MusikTheater an der Wien: 
LA CALISTO  von
Francesco Cavalli
Koproduktion mit Staatsoper Unter den Linden Berlin
Premiere: 16. September 2026 

 Hier kocht der Chef

 Dass aus einer Nymphe der antiken Götterwelt ein „Großer Bär“ am Himmelszelt werden konnte, das war im Barock durchaus ein Stoff für eine große Oper. Allerdings war „La Calisto“ von Francesco Cavalli bei der Uraufführung 1651 in Venedig kein besonderer Erfolg. Doch Ende des 20. Jahrhunderts hat man das Werk wieder entdeckt und oft gespielt, auch als Barockspektakel, als solche beim Publikum beliebt waren.

Im MusikTheater an der Wien lässt sich Intendant Stefan Herheim, diesmal selbst am Regiepult, darauf nicht ein. Die Bühne von Silke Bauer bildet als Hauptmotiv eine Art unendliche Röhre, aus Bögen bestehend, die mit Beleuchtung „alles“ kann, farblich, stimmungsmäßig, wirkt aber doch kühl zeitgemäß. Eigentlich gibt es nur eine „zaubrische“ Szene, wenn vor der Pause schwarz gekleidete Tänzer mit Lichtern in den Händen einen Sternenhimmel schaffen… Im übrigen bleibt die Szene kühl, gelegentlich meint man, das Auge eines Kino-Aliens zu erblicken, das hier herein sieht. Nein, auf ein optisches Spektakel hatte es „Chef“ Herheim nicht abgesehen.

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Die Kostüme von Yashi sind vielfältiger und zeigen, dass im Rahmen einer Oper, die keine vernünftige Handlung hat, gewissermaßen alles möglich ist. Wenn Calisto anfangs im dicken braunen Pelzmantel auftritt, mit dem sie am Ende auch die Bühne verlässt (sie ist ja nun schließlich, von Juno verwandelt, ein Bär), so trägt sie doch sonst antikes Nymphenkleidchen, sogar mit einem nackten Busen, aber der ist natürlich nicht echt, sondern Body. Auch wenn ein zarter Jüngling auf die Bühne schwebt, tut er es im kurzen Kleidchen, wie es sich für die Antike gehört, und die Faune sehen mit ihren Hörner auch „authentisch“ aus.

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Aber für Jupiter und seinen Begleiter Mercurio hat man sich mehr ausgedacht – wenn sie heutige Anzüge tragen, dann dürfen sie auch ihre Feuerzeuge zücken und rauchen, ja, und Handys haben sie auch, am Ende wird damit mitgefilmt. Und wenn sich Jupiter wieder einmal in die mythologische Figur verwandelt – ja, dann sieht er am Ende aus wie Ludwig XIV. ..

Es ist ein Mix, aber er hat Hand und  Fuß, denn wenn Stefan Herheim in Interviews auch, wie es sich gehört, tiefsinnig philosophiert (etwa über „göttlichen“ Machtmißbrauch), so wusste er doch, was in dreieinviertel Stunden zu erzählen ist: Stückwerk, das manchmal nur mühsam zusammen hängt, keine große Dramaturgie hat, aber von Szene zu Szene Ideen erfordert, um das Publikum bei der Stange zu halten.

Denn die Geschichte der Nymphe Calisto, die Jupiter ins Auge sticht, der sie aber nur in Gestalt der Göttin Diana verführen kann, prägt zwar (nach einem typischen barocken Prolog) den Anfang des Geschehens, aber dann verschwindet sie für einige Zeit, denn die Oper  verfängt sich in vielen Nebenhandlungen. Da liebt die Göttin Diana einen schönen Jüngling Endimione, der wiederum von Gott Pan begehrt wird, der mit seinen Anhängern ganz schön herumrümpelt, da macht die zu Diana gehörende Linfea jeden Jokus, und während sich Jupiter und Merkur wie Geschäftsleute von heute unterhalten, ist Juno ununterbrochen dabei, in ihrer wütenden Eifersucht Unruhe zu stiften. Die Szenen springen wild umher, und manchmal wird es, vor allem im ersten Teil, ein bißchen länglich.

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Nach der Pause legt der Abend an Schwung zu, da lässt Herheim die nun glücklich Liebenden Calisto und Jupiter im Doppelbett in die Lüfte schweben, was als Einfall mehr überzeugt als die Verkleidung der Pan-Rowdys in Kirchenleute… Diana küsst ihren Endimione fast zu Tode, und da geht die Sache auch schon ihrem Ende zu, Jupiter tut nichts, um Calisto zu retten, Juno hat ihre Rache, großes Finale, während die bepelzte Titelheldin abgeht…

Einen großen Teil des Schwungs, den der Abend doch immer wieder gewinnt, dankt man auch der Choreografie von Beate Vollack – wann immer die Tänzer unterwegs sind, gewinnt der Abend an phantasievollem Leben.

 

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Vera-Lotte Boecher ist ein entzückendes blondes Rübensüßchen als Calisto, muss aber die Aufmerksamkeit des Abends mit der intensiven Juno der Giuseppina Bridelli teilen, eine Schönheit und ganz schön fies und stimmlich intensiv unterwegs. Letzteres gilt auch für die Diana der Luciana Mancini, nur sind ihre Möglichkeiten beschränkter.

Milan Siljanov als Jupiter ist der wahre Herr (um nicht zu sagen: Gott) des Abends, was er mit seiner Stimme anstellen kann, ist erstaunlich, und der Humor, mit dem er sich durch alle Verwandlungen seiner Rolle bewegt, bereitet wirkliches Vergnügen. Unübersehbar an seiner Seite: Renato Dolcini als Mercurio. Vergnügliche Krawallmacher sind der Pan von Juan Sancho, mit Jake Arditti und João Fernandes an seiner Seite. Publikumsliebling war Arnaud Gluck als der zarte Jüngling Endimione.

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Dass Marcel Beekman, teils im Nacktbody, als Linfea mit dem denkbar intensivsten Humor ein Schlager des Abends war, hat man ja nicht zum ersten Mal erlebt.

Am Pult des von ihr gegründeten Ensembles L’Arpeggiata  dirigiert Christina Pluhar (mit unser Erika weder verwandt noch verschwägert) Cavalli mit so viel Schwung, wie es die Partitur zuließ, immer wieder waren Längen nicht zu vermeiden.

Starker Beifall, aber nicht der lang andauernde frenetische Jubel, den Barockopern in diesem Haus schon geerntet haben.

Renate Wagner

 

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