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WIEN / MusikTheater an der Wien: BENAMOR

Das kommt einem spanisch vor…

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Fotos: Monika Rittershaus

WIEN / MusikTheater an der Wien: 
BENAMOR von
Pablo Luna:
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 23. Jänner 2026

Das kommt einem spanisch vor…

Wiens Musikfreunde sind keine großen Kenner in Bezug auf Zarzuelas, die spanische Form der Operette. In der Volksoper wurde einmal ein Stück versucht, und Placido Domingo brachte (mit sich selbst als Zugpferd) einen Abend in das damals  noch so genannte Theater an der Wien. Nun haben sich in Wien neben Offenbach (und den amerikanischen Musicals) kaum andere heitere Musiktheaterformen durchgesetzt, nicht einmal die brillanten Engländer. Interessant also der Versuch, wieder einmal eine Zarzuela zu zeigen, wobei man genau weiß, warum Regisseur Christof Loy unter den vermutlich Hunderten Werken, aus denen man hier wählen kann, ausgerechnet „Benamor“ von Pablo Luna aus dem Jahr 1923 wähle. Denn es geht um „genderfluid“ – und aktueller könnte das Thema aus der Distanz eines Jahrhunderts in unserer trans- und gendergeschüttelten Welt nicht sein.

Im Gegensatz zu dem, was der Wiener Theateralltag teils Schreckliches an „genderfluid“ bietet (von weiblichen Lilioms und Tartuffes bis zu Horvaths zarter Marianne als grobschlächtigem Männerkerl), hat diese irgendwann in einem fiktiven Persien spielende Geschichte zumindest einen möglichen dramaturgischen Anhaltspunkt. Wenn eine Herrscherin zuerst einen Sohn gebären muss und es erst danach eine Tochter sein darf, das Schicksal aber nicht mitspielt und das Geforderte umdreht, muss man kreativerweise die Geschlechter vertauschen. Um Glaubwürdigkeit ist es in diesem Genre noch nie gegangen – dass Sultan Darío zwar keine Lust auf seine Haremsdamen hat, aber nicht wissen sollte, dass er kein Mann ist, ebenso wie seine „Schwester“, Titelheldin Benamor, sich in ihrer Prinzessinnen-Rolle zwar  nicht wohlfühlt, aber doch nicht weiß, dass sie eigentlich ein Mann  ist… sei’s drum. Die Werber um die junge Dame treten jedenfalls auf, und der dritte, ein wahrer Räuberhauptmann, sticht nicht Benamor, sondern Dario ins Auge… Das ist ein erster Akt im Palast samt Harem, der in seiner Exposition der Problematik geschlossen und lustig wirkt.

Dann wird das Libretto von Antonio Paso y Cano, Ricardo González del Toro ein wenig wirr, wenn alle Beteiligten der aus dem Palast geflohenen Benamor auf den Hauptplatz der Stadt folgen. (Dort schwenkt die bis dato rein „orientalisierende“ Ausstattung auf heutige Kostüme um, was aber keine Rolle spielt.) Hier passiert nun kaum etwas, außer dass ein Mädchenhändler mit einer hübschen Blondine auftaucht und die beiden abgewiesenen Bewerber um Benamor ihre schwule Neigung für einander erkennen… Außerdem gibt es völlig aus der Luft gegriffen plötzlich ein Mithras-Zeremoniell, was zwar schöne, pastose Musik ergibt und weitere Gelegenheit für eine der zahlreichen choreographischen Einlagen, aber Sinn macht es nicht..

Im dritten Akt, zurück im Harem, zieht es sich dann, bis (Frau) Dario seinen / ihren Räuberhauptmann bekommt und (Herr) Benamor die aus dem zweiten Akt herbei geflatterte Blondins. Hätten die Geschwister, was so einfach gewesen wäre, ihre Gewänder getauscht, wäre alles zügiger gegangen – am Ende waren es dreieinviertel Stunden, und weniger als zweieinhalb hätten auch mehr als gereicht.

Denn – der Abend spielt sich komplett auf Spanisch ab. Nun ist es keine Frage, durchkomponierte Opern in ihrer Originalsprache zu spielen, aber Operetten, wo so viele Pointen im gesprochenen Text liegen? Und dann, wie es hier geschieht, diese Sprechszenen noch endlos auszuwalzen, womit man den Teil des Publikums, der nicht Spanisch spricht (90%?), auf die Übertitel wirft. Die sind wiederum klein und nicht sehr gut lesbar. Selbst wenn die meisten der Künstler „native speakers“ sind, hätte man diesen Teil des Abends doch radikal kürzen und ihnen etwas Deutsch abverlangen können?

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Christof Loy, nun auch schon seit zwanzig Jahren Dauergast im Theater an der Wien (mit einem „Peter Grimes“ als Höhepunkt, während eine „Frau ohne Schatten“ bei den Salzburger Festspielen als gewaltsamer Regietheater-Tiefpunkt gelten kann), hat sich diesmal ganz auf die Komödie eingelassen, nichts weiter inszeniert als die beabsichtigte Heiterkeit, wobei die Choreographie (Xavier Pérez) viel zur lockeren Leichtigkeit des Abends beiträgt, die Bühne (Herbert Murauer) bescheiden bleibt, die Kostüme (Barbara Drosihn) vor allem bei den Haremsdamen auch ulkige Akzente setzen.

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Neben der Titelheldin (Koloratursopranistin Marina Monzó, jeder Zoll eine Frau, als Mann ginge sie nie durch) macht ihr überzeugender „Bruder“ in Gestalt von Federico Fiorio staunen, wenn er den Mund öffnet und die schier reinste Frauenstimme erklingen lässt.

Der Rest erfüllt seine Funktionen: Milagros Martin als betriebsame Mutter der beiden, David Oller als fröhlicher Räuberhauptmann, David Alegret als geplagter Großwesier, Alejandro Baliñas Vieites und César Arrieta als Benamors Werber, die schließlich einander entdecken, Sofía Esparza als Erwählte von Benamor. Joselu López als Mädchenhändler wie aus dem Bilderbuch, Francisco Javier Sánchez als unglückseliger Herr der komischen Wachmannschaft… Sie alle wirken eher wie ein Zarzuela-Gastspiel aus Madrid als wie eine original Wiener Produktion.

Warum spielen wir so selten Zarzuelas? Weil die Musik zwar absolut schön ist, tonal, schwungvoll, mit einem Hauch von spanischem „Olé“-Schmiß (mit Orientalismen gab sich der Komponnist allerdings nicht ab), aber gänzlich ohne die Ohrwürmer, die wir von Operetten gewöhnt sind. Das hört man gerne, haften bleibt nichts, aber es ist schön, wie das ORFRadio-Symphonieorchester unter der Leitung von  José Miguel Pérez-Sierra das Publikum einhüllt und wie viel Spaß der Arnold Schoenberg Chor. vor allem die Damen als Haremsdamen, zu haben scheint.

Wie gesagt, die Sache war eindeutig zu lang, und Spanisch wird man dafür auch nicht lernen wollen, aber das Publikum war vergnügt und applaudierte herzlich.

Renate Wagner

 

 

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