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WIEN – LONDON / ROH im Kino: TOSCA

08.02.2018 | KRITIKEN, Oper

tosca london  London Live Plakat

WIEN – LONDON / UCI Kinowelt / The Royal Opera Live
TOSCA von Giacomo Puccini
7.
Februar 2018

Opernfreunde, die gerne vergleichen, konnten innerhalb kurzer Zeit dreimal „Tosca“ an drei verschiedenen Häusern, in drei verschiedenen Besetzungen erleben – in der Wiener Staatsoper die 600. Wallmann-Aufführung (mit Gheorghiu / Giordano / Schrott), in der New Yorker Met, im Kino dargeboten (mit Yoncheva, Grigolo, Lucic), und nun, ebenfalls im Kino, in London im Royal Opera House Covent Garden. Wo die stimmlich stärkste und teilweise auch interessanteste Besetzung am Werk war.

Sagen wir gleich, woran es mangelte: An der Inszenierung. Da konnte die reizende Moderatorin im Interview noch so sehr Regisseur Jonathan Kent anschwärmen, der diese Inszenierung 2006 erstellt hat, und den leider verstorbenen Ausstatter Paul Brown loben – als Rahmen für „Tosca“ ist diese Produktion nichts wert. Ein völlig verbauter erster Akt, der keine wirkungsvolle Konfiguration erlaubt, sich im Gegenteil manchmal lächerlich macht (wenn Cavardossi beim Malen kaum zu seinem Bild kommt), ein phantasieloser zweiter und dritter Akt, von dem man optisch kaum etwas sieht – es scheint, als hätten sich Karajans „schwarze Scheinwerfer“ nach London verirrt. Seltsam, dass niemand etwas gegen diese miserable Ausleuchtung und diese Nicht-Inszenierung sagt.

Allerdings hat man, wie Kent richtig ausführte, die Besetzung, auf der alles basiert, und da lieferte London einfach vom Gewicht der Interpreten her den stärksten Abend (obwohl man Wiens Tosca und Scarpia auch in der A-Klasse ansiedeln muss). Einfach, weil hier Tosca und Cavaradossi die idealen Stimmen für ihre Rollen hatten – und Scarpia einfach atemberaubend war.

Tosca London Pieczonka und Finley xMit ihm sei zu beginnen, mit dem Rollendebut von Gerald Finley, dem man schon von der Persönlichkeit, aber auch von der Stimme her den Scarpia nie zugetraut hätte – und der die Zweifler beschämte und stellenweise atemlos machte (jetzt sorgt man sich auch nicht um den Jago, den er sich für 2019 vorgenommen hat). Sicher, immer wieder war etwas Forcement nötig, da Finleys Bariton keinen Stahlkern besitzt und der Dirigent durchaus ohne Rücksicht waltete, aber die stimmliche Leistung zwischen Belcanto und Verismo war großartig und die darstellerische eine selten gesehene Meisterleistung. Ein immer eiskalter, höhnischer, souveräner Scarpia wie jener von Schrott ist prächtig, aber Finley reizte zur immer größer werdenden Spannung des Publikums die innere Erregung der Figur aus. Da ist der Mann, der um jeden Preis siegen will, Tosca besiegen und zu Füßen zwingen, der sich an ihrem Widerstand immer weiter entzündet und auch bis zum Beinahe-Kontrollverlust erregt, und der  dann in dem, was er als seinen – endlich! – höchsten Augenblick empfindet, das Messer in den Leib gerannt  bekommt…

Dass diese Szene dann so atemberaubend ausfällt, liegt auch an Adrianne Pieczonka, allein von der Stimme her eine der besten Toscas unserer Tage. Ein kraftvoll strahlender Sopran, ein echter, der immer hell klingt, nicht in der Mittellage wie ein Mezzo dahergurgelt, technisch perfekt und in allen Details der Rolle sattelfest. Sie spielt die Diva, was der beste Zugang zu der Figur ist, die Liebende und, im 2. Akt, die starke Frau, die Scarpia nicht wie zufällig, sondern absichtlich und willentlich tötet. Eine Pracht-Tosca, wenn auch eine lyrischere Version ebenso möglich ist.

Tosca London Pieczonka und Calleja x

Joseph Calleja, der den Cavaradossi noch nicht lange auf dem Repertoire hat, begegnet ihr stimmlich auf Augenhöhe. Nun hat man den maltesischen Tenor in Wien seit fast fünf Jahren nicht mehr gesehen und gehört (warum eigentlich, Frage an das Besetzungsbüro), und seither hat er einigermaßen zugelegt – und nicht bei jedem Sänger ist die Optik ein Teil der Persönlichkeit wie einst bei Pavarotti oder Botha. Auch ist Calleja (wenn man etwa an die darstellerische Meisterleistung von Grigolo zurückdenkt) nicht eben der geborene Schauspieler: Er tut was man ihm sagt und wird solcherart nie faszinieren. Aber die Stimme! Die ist eine der schönsten unter den derzeitigen Tenören, und selbst wenn ihm an diesem Abend ausgerechnet die berühmten Spitzentöne nicht wirklich gut gelangen – von Timbre, Stimmführung, schmelzendem Belcanto und technisch mit selbstverständlicher Lockerheit abgelieferter Dramatik war das (zumal bei geschlossenen Augen) der derzeit ideale Cavaradossi.

Covent Garden hat die Nebenrollen solide, aber nicht übermäßig besetzt (einzig der Spoletta des Aled Hall fiel auf, weil er ein so tückischer Erfüllungsgehilfe des Bösen war), doch Dan Ettinger (optisch sehr stylish mit Weißhaar mit Schmolle und offenem Hemd) am Pult des hauseigenen Orchesters peitschte eine hochdramatische „Tosca“ durch den Raum, vor der nur solche Interpreten bestehen konnten. Alles in allem war es ungemein packend – „Tosca“ ist nun wirklich eine Oper, die man dauernd sehen kann, zumal wenn die Besetzungen stimmen.

Renate Wagner

Dass man in der UCI Kinowelt als „Covent-Garden-Besucher“ auch noch vor der Vorstellung zu einem Glas Sekt eingeladen wird, hat wirklich Stil.

 

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