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WIEN / Literaturmuseum

18.04.2015 | Ausstellungen, KRITIKEN

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Alle Fotos: Heiner Wesemann

WIEN / Literaturmuseum
Ab 19. April 2015 

 

Regale zum Leben erweckt

 So vielfältig kann „Literatur“ sein: Nicht nur die Bücher selbst – die stehen noch immer millionenfach in der Nationalbibliothek selbst (so sehr man auch, der Zeit gehorchend, an deren Digitalisierung arbeitet), sondern alles „rundherum“, was die Geschichte von Literatur ausmacht – die Manuskripte, Bilder, Dokumente, Devotionalien rund um jene, die Literatur schaffen, die Dichter. Die Österreichische Nationalbibliothek hat Wien nun ein „Literaturmuseum“ gegeben: ein großes Unterfangen, ein in hohem Maße gelungenes.

Von Heiner Wesemann

Der Ort     Dass er „Grillparzer Haus“ heißt, ist neu. Einst war das, was sich in den Räumlichkeiten von Johannesgasse 6 befand, seit seiner Erbauung 1848 das „Hofkammerarchiv“, später hat man es noch bis in unser Jahrtausend (2006) als Staatsarchiv verwendet. Die Aktenmengen in den hohen Stellagen waren schier unglaublich (und vor allem die Idee, dort in den Mengen von handschriftlich Verwahrtem etwas zu finden!). Die Österreichische Nationalbibliothek hat unter Direktorin Johanna Rachinger eine Aktivität und Effizienz entwickelt, wie sie in einem Staatsbetrieb vermutlich nicht so leicht durchzusetzen ist. Doch es gelang – das Haus wurde saniert, insgesamt 750 Quadratmeter, und nun gibt es hier das Literaturmuseum (ein Unternehmen, wie es ähnlich Agnes Husslein-Arco in der benachbarten Himmelpfortgasse zustande brachte, als sie das Winterpalais des Prinzen Eugen für das Belvedere als Ausstellungsräumlichkeiten gewann). Das Parterre des neuen Literaturmuseums gilt Räumlichkeiten, die u.a. für Veranstaltungen gedacht sind. 1. und 2. Stock gehören der Dauerausstellung, die nun zugänglich ist, in der dritten Etage wird es ab 2016 Wechselausstellungen geben, projektiert für die erste sind 10 lebende Schriftsteller.

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Das Grillparzer Zimmer    Früher konnte man das Hofkammerarchiv, wenn auch nicht ohne Mühe (nach Voranmeldung und nur zu gewissen Zeiten, weil dann ein Beamter abgestellt werden musste) besichtigen. Man wanderte durch Gänge mit ungeheuren Stellagen in labyrinthischer Anordnung, bis man schließlich in ein Eckzimmer geriet, das man auch noch betreten durfte. Einst hatte dort Franz Grillparzer in seiner Eigenschaft als Direktor der Hofkammerarchivs gewirkt. Damals stand auch noch der wunderbare Spruch über der Tür:

„Hier sitz ich unter Faszikeln dicht,
Ihr glaubt verdrossen und einsam,
und doch, vielleicht, das glaubt Ihr nicht,
mit den ewigen Göttern gemeinsam“

Der Spruch steht nun nicht mehr da, das Zimmer gibt es glücklicherweise noch immer, umgeben von dem Torso dessen, was einst verstaubte Aktenberge waren. Immerhin hat man Grillparzers Zitat bewahrt, er wolle durchaus ein gewisserhafter Beamter sein, aber doch täglich im Amt ein bisschen etwas Poetisches arbeiten… (Immerhin hat er „im Amte“ den ersten Akt „Hero und Leander“ vollendet!) Kurz, Grillparzer hat die Literatur in die Finanz- und Verwaltungsakten eingebracht und damit gewissermaßen metaphorisch die Tür zum Literaturmuseum aufgestoßen.

Neues in alten Regalen    Die Neugestaltung der beiden Stockwerke (wohin sind eigentlich die Hekatomben von alten Akten verschwunden?) fand unter Einbeziehung der alten Regale statt, die in großer Vielfalt nun ihrem neuen Thema gelten: der Rundumgestaltung österreichischer Literatur, das Ausstellen von Schätzen, wobei auch ein Regenschirm von Franz Grillparzer, eine Locke von Arthur Schnitzler oder ein „Regiestuhl“ von Ernst Jandl als „Auflockerung“ zu sehen sind. Wobei „Papier“ aller Art so vielfältig wie nur denkbar präsentiert wird. Abgesehen von den heutzutage unentbehrlichen Zutaten wie etwa Hörstationen – man kann sich niederlassen und Texte von Autoren hören, Touchscreens führen zu weiteren Informationen, überall laufen Filme, langes Verweilen sei eingeplant.  Zumal die Fülle des Gebotenen keinesfalls mit einem einzigen Besuch auch nur andeutungsweise zu erfassen ist.

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Fragestellungen    Literatur ist nicht nur (die meist fälschlich so genannte) „schöne“ Literatur – hier wird sie in zahllosen Fragestellungen nach politischen und historischen und soziologischen Aspekten aufgeblättert und zu Themenblöcken zusammen gefaßt. Nur vereinzelt erhält ein Dichter (wie Grillparzer, Stifter, Franz Kafka) eine ihm allein gewidmete Ecke, im allgemeinen sind es Überblicke, die abwechslungsreich gestaltet werden, und jeder Besucher kann sich auf Anhieb nur heraussuchen, was ihn besonders interessiert – die Schau führt von der Aufklärung bis in die unmittelbarste Gegenwart. Man fragt nach Themen wie beispielsweise dem „Dorf“, der „Arbeiterbewegung“, dem „Volksstück“, dem „Kabarett“, dem „Anschluss“ und vielem mehr. Bernhard Fetz, Leiter des Hauses, und seine Mitarbeiter haben nicht nur mit Sachverstand, sondern auch spürbarer Liebe zur Sache ein „Museum“ zusammengestellt, dessen Lebendigkeit dem Betrachter (und Leser) entgegen springt.

Katalog    Der Katalog bietet im Anhang eine Auflistung aller ausgestellter Gegenstände, stellt aber unter dem griffigen Titel „101 Objekte und Geschichten“ (Hrsg. Bernhard Fetz) eben so viele Einzelobjekte in das Zentrum – beispielsweise eine k.u.k. Leutnants-Uniform, die Schnitzlers „Leutnant Gustl“ getragen haben mag, damit man sich diesen „Helden“ der österreichischen Literatur auch korrekt vorstellen kann…

Fazit    Mit dem „Literaturmuseum“ hat Wien ein neues Haus, das es verdiente, in kürzester Zeit nicht nur zum geliebten Eigentum der Wiener Bevölkerung, sondern auch zu einem „Muss“ für Touristen zu werden. Auch an englischsprachige Besucher ist gedacht: Sie bekommen mittels eines Tablets zumindest die Einleitungen für die  41 Themengruppen übersetzt.

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Täglich außer Montag von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr

 

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