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WIEN / Literaturmuseum: WIEN – EINE STADT IM SPIEGEL DER LITERATUR

16.04.2019 | Ausstellungen, KRITIKEN

WIEN / Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek im Grillparzer Haus:
WIEN – EINE STADT IM SPIEGEL DER LITERATUR
Vom 12. April 2019 bis zum 16. Februar 2020

Der kritische Blick

So richtig „schön“ war Wien nur in den Filmen der Fünfziger Jahre und ist es heute noch in der Tourismus-Werbung. Dass gerade die Dichter diese Stadt kritisch hinterfragen, verwundert niemanden. Das Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek hat für die Ausstellung „Wien. Eine Stadt im Spiegel der Literatur“ jede Menge Dichtermeinungen zusammen getragen. Wien als Reibebaum der Schreibenden, die es – wenn sie nicht ohnedies hier leben – dennoch immer wieder hierher gezogen hat.

Von Renate Wagner

Raumgreifend      Man weiß, dass die Österreichische Nationalbibliothek ungewöhnlich viele Dichter-Nachlässe besitzt (und schon „Vorlässe“ von Lebenden kauft), also verwundert es nicht, dass man über 300 Objekte fast ausschließlich aus eigenen Beständen zusammen tragen konnte. Auch das Bildarchiv steuerte bei, Fotos und Zeichnungen spielen für die Wien-Reflexion eine Rolle, Filmausschnitte laufen: Die von Bernhard Fetz und Katharina Manojlovic kuratierte Ausstellung hat stellenweise Installationscharakter, umkreist ihr Thema aus vielen Blickwinkeln. Über 40 Namen sind vertreten, und es sind die ganz Großen, Doderer und die Bachmann, Bernhard und Handke, Jandl und Sperber, Spiel und Zeemann, und viele andere mehr. Jeder wird persönliche Lieblinge finden.

Kritisch und gar nicht liebevoll     Nein, wenn man sich so umsieht und „anliest“, was an Texten geboten wird – eigentlich hat keiner der Dichter, die hier zu Wort kommen, Wien gemocht, im Gegenteil: kritisch bis bösartig stehen sie der Stadt gegenüber. Einen „Hymnus an den Kahlenberg“ dichtet keiner mehr. Emotional und real herrscht Düsternis.

Mit der Bachmann beginnt’s       Die Kärntnerin, die in Rom starb und manisch unterwegs war, ist doch in ihren jungen Jahren in Wien gelandet, hat hier gelebt, ist erwachsen und zur Schriftstellerin geworden. Dabei wollte sie – wie man aus Entwürfen zu dem sieht, was später als „Malina“ berühmt wurde – die Stadt auch mit dem Blick der Fremden, quasi touristisch sehen. Die Nationalbibliothek kann hier erstmals ein Originalmanuskript ausstellen, Fans werden andächtig sein. Manche, die das Thema „Stadt“ grundsätzlich in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellten, sind hier gleichfalls vertreten, wie der 2010 im Wiener Exil gestorbene Serbe Bogdan Bogdanović – die Kuratoren spannen den Bogen weit.

Erwanderte Topographie     Die einen sind „Geher“ – Thomas Bernhard, Peter Handke, nehmen wahr und schreiben nieder. Andere hören zu, auch viele Frauen – die Marzik, die Nöstlinger geben die Sprache wieder, die nicht zu den noblen Bezirken gehört. Andere wieder, die sonst auch schreiben, fotografieren – Robert Menasse warf seinen Blick in den 79er Jahren auf „G’stetten“, wie es sie in allen Vorstädten gibt. Wien ist groß, wenn man es von einem Ende zum anderen ausschreitet. Man kann – manchmal blinzelnd – nachlesen, was Dichter niederschrieben. Man kann es auch ansehen.

Dreharbeiten: „Der dritte Mann“ Filmszene am Neuen Markt, dahinter sichtbar Kriegszerstörungen. Foto: Ernst Haas

Der Wien-Krimi       Den Wien-Krimi gibt es, es ehrt eine Ausstellung, dass sie nicht nur hohe Literatur berücksichtigt, sondern auch, was (viel gelesen) Autorinnen wie Edith Kneifl schreiben. Aber am spannendsten war Wien ja – und da wird es Grau in Grau pittoresk – in der Nachkriegszeit, in der Welt des „Dritten Mannes“: Da legt die Nationalbibliothek auch Graham-Greene-Bücher hin, hängt ein Filmplakat auf, bringt Fotos von den Dreharbeiten. Ja, und dann hat ja Josef Haslinger Mitte der neunziger Jahre geplant, die Besucher des Opernballs allesamt glatt umzubringen. Zu seinem „Opernball“-Roman gibt es interessantes Recherche-Material. Alles noch auf Papier – was heute fast nur noch im Computer ist.

„Vergessenshauptstadt“   Robert Schindel prägte den Begriff über die Vertriebenen. Hilde Spiel ist aus der Emigration zurückgekehrt, nicht ohne Schauder. Frederic Morton, Amerikaner geworden und geblieben, blickt zurück. Ruth Klüger tut es auch. Keiner mit Sentimentalität oder Liebe. Aber sie tun es. Ein Buch von Friedrich Heer, der auch an dieser Stadt gelitten hat, liegt am Ende. Der Titel könnte bezeichnender nicht sein: „Scheitern in Wien“. Moloch einer Stadt und ihrer Bewohner, ohne den Kaiserstadt-Glanz und Nostalgie. Dichter sind oft erstaunlich nüchtern. Und begreiflich böse.

Manuskripte, Typoskripte     Die Ausstellung gibt auch einiges zu denken, nostalgisch gewiß, aber nicht ohne Berechtigung. Wenn man hier Handschriften (!) sieht, wo durchgestrichen und eingefügt wird, maschinengeschriebene Texte mit handschriftlichen Korrekturen, dann wird der dichterische Prozeß weit fühlbarer als heute, wo der Computer jede Korrektur definitiv macht und die vorangegangene Fassung (die ja auch interessant ist) tilgt. Die ganze alte Liebe zum Papier, die mancher in der digitalen Welt vergessen hat, kann man hier wieder entdecken…

Literaturmuseum Wien im Grillparzer Haus
Wien – Eine Stadt im Spiegel der Literatur
Vom 12. April 2019 bis zum 16. Februar 2020
Oktober bis Mai: Di bis So 10 bis 18 Uhr, Do bis 21 Uhr, Montag geschlossen
Juni bis September: täglich 0 bis 18 Uhr, Do bis 21 Uhr

 

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