Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Leopold Museum: WIEN 1900

19.03.2019 | Ausstellungen, KRITIKEN

WIEN / Leopold Museum:
WIEN 1900 – AUFBRUCH IN DIE MODERNE
Neue Dauerausstellung auf drei Etagen
Ab 16. März 2019

Das Museum innerhalb des Museums

 
Fotos: Wesemann

Vor nicht allzu langer Zeit hatte das Leopold Museum auf seinem vierten Stock eine Kostbarkeit zu bieten: eine Überblicksschau zum Thema „Wien um 1900“, die ihresgleichen suchte. Dann musste die Präsentation der „Wow!“-Heidi-Horten-Sammlung weichen. Nun aber ist „Wien 1900“ als Dauerausstellung wieder da. Räumlich und thematisch breiter auf gestellt als zuerst. Man widmet dem Thema drei Stockwerke mit 1300 (!!!) Objekten: Das ist fast zu einem „Museum im Museum“ geworden. Und das Haus besitzt glücklicherweise noch genügend Raum für weitere Ausstellungspräsentationen.

Von Heiner Wesemann

Wien 1900 Aufbruch in die Moderne     Wahrscheinlich hat es Mitte der achtziger Jahre mit „Traum und Wirklichkeit“ so richtig begonnen: Der Traum vom Fin de Siècle. Hans Hollein hatte für eine Ausstellung des Wien Museums das Künstlerhaus in einen Feenpalast verwandelt. Das ganze Klimt’sche Gold schien sich auf die Epoche zu ergießen. Jugendstil und Secession wurden zum Export-Schlager und zu Quotengiganten bei Auktionen. Angesichts düsterer Epochen österreichischer Geschichte hatte man einen positiven Identifikationspunkt gefunden. Und tatsächlich kann man auch heute, aus der Distanz von mehr als einem Jahrhundert, nur Bewunderung für eine Welt hegen, in der „Kunst“ in jeder Form das Leben durchdrang.

 

Das Vorher und das Nachher     Das Leopold Museum lebt von der kenntnisreichen Sammelleidenschaft seines Gründers, Dr. Rudolf Leopold. Wollte man sich nur auf Jugendstil, Klimt, Schiele und die mit ihnen assoziierte „Wiener Werkstätte“ beschränken, man könnte ganze Ausstellungen füllen. (Und hat es schon getan.) Direktor Hans-Peter Wipplinger aber wollte ein in jeder Hinsicht breites Bild entwerfen. Vorgeschichte und Nachwirkungen gehören logisch dazu. Darum wird, mit roten Vorhängen für Makart, zuerst der Historismus beschworen. Schließlich ist vieles im Widerstand gegen diese Welt bedenkenloser Opulenz entstanden. Und auch darum führt man die Entwicklung nach 1918 weiter. Das Ende des Habsburger Reichs bedeutete einen politischen, gesellschaftlichen und ideologischen Bruch, den die Kunst mit trug. Es ist also viel zu erzählen in dieser Ausstellung.

 

Eine Welt von Geist durchdrungen   Wie kann man sich den Aufschwung des „Wien um 1900“ erklären? Mit der wirtschaftlichen Potenz der Habsburger Monarchie? Mit der zweifellos vorhandenen Liberalität, auch der jüdischen Bevölkerung gegenüber? Juden waren nicht nur, in ihrer Kernkompetenz, Ärzte, Anwälte und Bankiers, sie waren Musiker (Mahler), Wissenschaftler (Freud), Dichter (Schnitzler), eigentlich zum geringsten Teil Maler (Oppenheimer). Die „Traumdeutung“ von Sigmund Freud und der innere Monolog „Leutnant Gustl“ von Arthur Schnitzler erschienen im Jahr 1900 – Werke, die nicht nur Erregungen nach sich zogen, sondern auch Meilensteine waren. Eine eigene Wand listet die Prominenten der Zeit auf, eine stolze Sammlung großer Persönlichkeiten. Die Frauen werden nicht vergessen.

Alles ist Kunst    Das Verständnis, dass „alles“ Kunst sei, ist in diesem „Wien 1900“ fest verankert. Die Secessionisten malten, zeichneten, sie bauten, sie gestalteten den Alltag, sie schufen Plakate, die Kunst für jedermann auf die Straße brachte. Ihre Zeitschriften waren Kunstwerke, ebenso ihre Möbel, ihr Geschirr. Die Wiener Werkstätte postulierte die Schönheit für jeden Gegenstand. Die Mode befreite sich von Fesseln wie andere Künste auch. Und für alles gibt es Beispiele in der Riesen-Schau des Leopold Museums.

Ein Spaziergang durch die Vergangenheit    Die Gestaltung ist nobel, großzügig, kombiniert Gemälde mit Skulptur, „baut“ Räume. Wieder einmal ist ein Zimmer aus Gustav Klimts Wohnung zu sehen. Kolo Mosers prächtige Möbel kommen zur Geltung. Die Frauen erhalten viel Raum, die Schwestern Wiesenthal für ihren Tanz, Emilie Flöge für ihre Mode. Hoch elegant sind in stilsicheren Vitrinen die kostbaren „Gebrauchsgegenstände“ der Wiener Werkstätte ausgestellt. Und natürlich kann das Leopold Museum seine ganzen Schätze – darunter seine Gerstl-Sammlung – als Atout auf den Tisch legen (bzw. an die Wände hängen). Aber es gibt auch Fotodokumente, manche imaginieren wandfüllend eine Welt wie jene des Kaffeehauses. Erläuternde Texte arbeiten für den Besucher unaufdringlich mit.

Fazit       Als man „Wien 1900“ vor dreieinhalb Jahrzehnten neu „entdeckte“, war es ein Ausstellungs-Glanzstück. Heute, nach allem, was wir dazu wissen, zusammengetragen in der Dauerausstellung des Leopold Museums, ist es unser Besitz. „Wien 1900“ hat hier eine international bedeutende Pilgerstätte gewonnen.

Öffnungszeiten
Täglich außer Dienstag: 10 bis 18 Uhr
Donnerstag: 10 bis 21 Uhr
Juni, Juli, August: täglich geöffnet!

 

Diese Seite drucken