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WIEN / Leopold Museum: GUSTAVE COURBET

Spiegelungen eines Ichs

19.02.2026 | Ausstellungen, KRITIKEN

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WIEN / Leopold Museum / Erstes Untergeschoß:: 
GUSTAVE COURBET
REALIST UND REBELL
 Vom 19. Februar 2026 bis zum 21, Juni 2026 

Spiegelungen eines Ichs

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Gustave Courbet (1819-1877) wurde schon zu seinen Lebzeiten in Wien ausgestellt, fand damals aber wenig Zustimmung. Zu Kaisers Zeiten sah man in ihm eher den politischen Rebellen als den interessanten Maler. Es ist sehr viel später, wenn das Leopold Museum nun endlich  mit unendlicher Mühe eine 128 Objekte umfassende Großausstellung zusammen tragen konnte, wobei 40 Kuriere die Werke von 68 Leihgebern nach Wien brachten. Keine Frage, dass nun der Künstler Courbet im Mittelpunkt steht und seine Würdigung erfährt. Und – es geht um ein berühmtes Skandal-Bild. 

Von Renate Wagner

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Gustave Courbet   1819 in einer sehr kleinen Stadt im Arrondissement Besançon geboren und 1877 im Schweizer Exil gestorben, gleicht manches an Courbets äußerem Lebensweg jenem seines Zeitgenossen Honoré Daumier (1808 -1879), dessen Werk derzeit in der Albertina zu besichtigen ist – ein vermutlich zufälliges, aber für den Kunstinteressenten faszinierendes Zusammentreffen. Das Frankreich des 19. Jahrhunderts konnte sich von den Wirren der Napoleonischen Ära nicht erholen, und Männer wie Courbet und Daumier, die an die Republik glaubten, gerieten mit den neuen König- und Kaiserreich-Bestrebungen schwer in Konflikt. Beide saßen Gefängnisstrafen ab, beide mussten am Ende ihres Lebens in die Schweiz flüchten.

Courbet hat sich als Künstler früh definiert: Er wollte keiner Schule, keiner Kirche, keiner Institution, keiner Akademie und insbesondere keinem Regime angehören. „Aausgenommen dem Regime der Freiheit.‘“ Entsprechend vielseitig ist sein Werk, dem das Leopold Museum in allen Facetten nachspürt.

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Spiegelungen des Ich    Wenige Künstler haben so beharrlich ihr ganzes Leben hindurch Selbstporträts angefertigt wie Gustave Courbet. Er betrachtete sie als „Spiegel meines sich wandelnden Geisteszustandes“, er schrieb sein Leben, indem er sich malte. Und der Blick auf sich ist vielfältig – ein sinnender junger Mann, dem eine Pfeife locker aus dem Mund hängt, aber auch ein Verzweifelter, ein Mysteriöser mit schwarzem Hund, gar ein „Vor Angst Wahnsinniger“.

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An die 50 Selbstporträts wurden es im Lauf seines Lebens, und besonders interessant ist die Selbstdarstellung auf dem Bild „Die Begegnung – Bonjour, Monsieur Courbet“. Er selbst als Wanderer mit einem Stab (ein solcher ist auch in der Ausstellung zu sehen), in Begegnung mit seinem Mäzen und dessen Diener, der Künstler stolz und gerade, keine Spur unterwürfig, obwohl auch Courbet Zeit seines Lebens darauf angewiesen war, von seinen Werken zu leben (und es darum in seinen letzten Jahren in der Schweiz schwer hatte, weil er seine Bilder nicht mehr so verkaufen konnte wie einst in Paris).

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Der „Realist“   Stilistisch sei, so urteilt die Kunstgeschichte, Courbet vom Romantiker zum Realisten geworden. Das bezieht sich allerdings nicht ausschließlich auf seine Technik. Da spielt auch die Wahl seiner Sujets mit – Alltagsszenen aus seiner bäuerlichen Heimat, Blick auf das Proletariat („Die Steinklopfer“), später so seltsame Sujets wie etwa eine Forelle oder Äpfel, die alles andere sind als ein konventionelles Stillleben … da kann man nachdenklich werden. Was seine Technik betrifft, so versinkt er gelegentlich in einem Hell-Dunkel, das an Rembrandt gemahnen könnte, um später in seinem Leben „helle“ Meeresbilder zu schaffen. Es ist das Interessante an diesem Künstler, dass er nie auf einen Nenner zu bringen ist und offenbar gar kein Interesse daran hatte, eine „verkäufliche“, a priori erkennbare Handschrift  zu bieten.

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Blick auf die Natur    Die Naturverbundenheit, die seine Kindheit prägte, verließ Courbet – der wohl als Auftragswerke auch eine Menge Porträts schuf – so gut wie nie. Dabei geht es weniger um Erkennbarkeit als um Stimmung, und man könnte Begriffe wie Realismus, Expressionismus, Impressionismus bei einzelnen Werken zu entdecken glauben.

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Sachlichkeit? Pornographie? Spekulation? Provokation?  Akte zu malen, ob männliche oder weibliche, ist ein integraler Teil der Kunst (und ein viel diskutierter in der Kunstgeschichte). Courbet malte klassische Busen-Bilder („Die Frau in den Wellen“) und bemäntelte eine lesbische Umarmung („Die Schläferinnen“) mit den allegorischen Begriffen „Trägheit und Wollust“. Aber nicht das ist es, was ihn vordringlich berühmt gemacht hat, sondern ein einziges Bild, das er „Der Ursprung der Welt“ nannte und das einen weiblichen Unterleib per se zeigt. Keine Dame dazu, die verführerisch lächelt, sondern einfach jenes Stück Natur, aus dem menschliches Leben kommt. Und vielleicht war es gar die a-sexuelle Konnotation, die so viel Aufruhr verursachte. Selbst heute noch musste sich Hans-Peter  Wipplilnger, der Direktor des Leopold Museums, fragen lassen, warum er (wenn auch in einer „angeschnittenen“ Version) dieses Bild als Werbesignet auf die Plakate der Aussstelllung gegeben hatte. Provokation? Oder schlicht und einfach „Sex sells“? Es gibt natürlich auch ein unwiderlegbares Argument. Das Leopold Museum ist das Haus von Egon Schiele. Dieser hat den weiblichen Unterleib in zahlreichen Werken thematisiert, und niemand spricht heute dabei mehr von Pornographie. Warum sollte man bei Courbet plötzlich prüde werden? Und wenn die Neugierde auf dieses Werk ein paar Besucher mehr in die Ausstellung bringt – sie bekommen auch in reichem Maße anderes zu sehen.

WIEN / Leopold Museum / Erstes Untergeschoß:: 
GUSTAVE COURBET
REALIST UND REBELL
Vom 19. Februar 2026 bis zum 21, Juni 2026 
Täglich außer Dienstag  10 bis 18 Uhr,

 

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