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WIEN / Leopold Museum: EGON SCHIELE

04.03.2018 | Ausstellungen, KRITIKEN

  
Fotos: Wesemann

WIEN / Leopold Museum:
EGON SCHIELE. DIE JUBILÄUMSSCHAU
Vom 23. Februar 2018 bis zum 4. November 2018

Schiele und seine Welt

Ob man den 100. Todestag eines tragisch jung Verstorbenen zum „Jubiläum“ umfunktionieren kann? Es wäre doch weit eher ein Gedenken? Kurz, das Leopold Museum – schon dank der Leistung seines Gründers Rudolf Leopold die Schiele-Hochburg Wiens – hatte eine besonders schöne permanente Schiele- Ausstellung, die hoffentlich wiederkehren wird (ebenso wie die Permanenzausstellung „Wien um 1900“ im vierten Stock). Nun wurden zum „Jubiläum“ die Schiele-Bestände des Hauses noch einmal neu geordnet. Wirklich neu ist dabei nur das biographische Material in den Vitrinen, viele Briefe, Fotos, auch der Partezettel. Der Rest ist Schieles Werk, 70 Ölgemälde, 70 graphische Werke, Meisterhaftes konzentriert. Möge man es also „Jubiläum“ nennen.

Von Heiner Wesemann

Egon Schiele      Egon Schiele, geboren am 12. Juni 1890 in Tulln als Sohn des dortigen Bahnhofsvorstands (seine Mutter stammte aus Krumau, was seine enge Verbundenheit mit dieser Stadt erklärt), hat im Jahr 1917 eine Büste von sich selbst hergestellt: Sie zeigt einen noch jungen Mann, war er doch erst 27 Jahre alt. Es war nicht zu erahnen, dass er am 31. Oktober 1918 tot sein würde, Opfer der verheerenden Spanischen Grippe, an der zuvor schon seine Frau Edith gestorben war. Die Totenmaske, die Gustinus Ambrosi ihm abgenommen hat, findet sich ebenso in der Ausstellung wie der Partezettel von Schiele. Rudolf Leopold, dessen Verdienst um Schiele gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann (er hat ihn in den Fünfziger Jahren nach dem Krieg „entdeckt“ und gekauft, als Schieles Prestige denkbar gering war), war ein Allround-Sammler, der auch private Objekte erwarb. Leopold-Sohn Dr. Diethard Leopold, der die Ausstellung kuratiert hat (und erzählte, dass sein Vater noch von seinem Totenbett aus bei der Auktion um einen Schiele-Brief mitbot!), hat Privates in Vitrinen gegeben, Fotos, Objekte, vor allem Briefe (die auch transkribiert sind für geduldige Besucher). Auch eine Haarlocke seiner Gattin Edith (der man in seinen Bildern und in einem Foto begegnet) ist dabei. Der stark biographische Aspekt ist angestrebt, wenn die Gliederung der Ausstellung auch nach einzelnen Themenschwerpunkten erfolgt. Die, so Leopold, natürlich auch immer wieder auf die Biographie zurückweisen. Bedauerlich, dass die Ausstellung keinen Katalog bekommen hat – zumal Diethard Leopold so viele neue Interpretationen zu einzelnen Werken anbietet.

 

Das Ich und das Selbst     Egon Schiele, der manische Arbeiter, hat im Lauf seines Lebens etwa 170mal sich selbst dargestellt, tatsächlich in jeder Form, nur das Gesicht, der Körper, meist nackt, vielfach in bewussten Verzerrungen, aber auch extrem stilisiert – so malte er sich sogar als Heiliger mit Heiligenschein. Rätselhaft und faszinierend ist etwa seine „dreifache“ Selbstdarstellung in Rot auf einem Blatt, wo er aus einem Körper dreifach herauszuwachsen scheint. Der „Mystiker“ Schiele ist schon in den drei Gemälden zu erkennen, die großformatig den Eingangsraum bestimmen: Der nackte Männerakt, in dem das Gelb vorherrscht und der als Plakatsujet gewählt wurde; die so genannte „Entschwebung“ sowie „Die Eremiten“, beide Male zwei Männer darstellend, Schiele und … Klimt? So sah man es bisher. Aber die Interpreten wissen es natürlich  nicht genau. Vielleicht auch ein gespaltener, ein doppelter Schiele, wie es  sich Diethard Leopold vorstellen könnte. Schiele lebte schließlich in der Welt Sigmund Freuds, der Zugang zum Ich war nicht mehr simpel – am allerwenigstens bei einem so tiefgründigen Künstler , der alles hinterfragte. Dass er sich als Person immer stilisierte, ist auch auf Fotos zu beobachten (etwa mit seinen bekannt gespreizten Handhaltungen).

Die Anderen     Die Menschen in Schieles Umgebung werden unter den Gesichtspunkten „Mutter“, „Kind“, „Frauen“ (speziell nackte) und „Porträts“ subsumiert, eine Fülle von Darstellungen, von denen ihn einige einst ins Gefängnis brachten, während wir heute auch die früher so genannten „pornographischen“ Darstellungen als durchaus existenziell empfinden. Eine mit gespreizten Beinen liegende nackte Schwangere war ein überaus mutiger Zugang zur weiblichen Problematik. In den Porträts finden sich Schieles Zeitgenossen, und unter den Frauenbildnissen sind seine Geliebte Wally und seine Frau Edith verständlicherweise stark präsent.

Die Umwelt    Am verhältnismäßig schmalsten ist der Anteil von Werken zum Thema „Landschaft“ ausgefallen, mit einigen „mystischen“ Beispielen seiner nicht realistischen Natursicht, während die Städtebilder, vor allem Ansichten von Krumau, ihre bekannte volle Wirkung entfalten.

Schiele als Referenz     Seit Hans-Peter Wipplinger Direktor des Leopold Museums ist, gibt es keine „Klassiker“, ohne dass die Moderne nicht quasi als Kommentar dazu befragt wird. Im Zweiten Untergeschoß findet sich im Grafikkabinett die Ausstellung „Absturzträume“, die „Schiele – Brus – Palme“ gewidmet ist, drei obsessive Zeichner, wie Kurator Roman Grabner erklärte.

Schiele, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts starb, Günter Brus (geboren 1938), der – wie Schiele  –auch zu Gefängnis verurteilt wurde, steht für die Mitte und zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts (Schieles rund 4000 Zeichnungen stellt er 40.000 gegenüber!), und der Deutsche Thomas Palme ist als Beitrag des 21. Jahrhunderts zu verstehen – wobei der „Schiele-Block“ mit 288 Zeichnungen, den er anlässlich dieser Ausstellung in fünf Monaten geschaffen hat, durchaus einen Höhepunkt „im Keller“ darstellt. Der Abstieg lohnt sich auch für Schiele-Fans – hier sind doch noch einige seiner Meisterzeichnungen zu sehen.

Diese Ausstellung ist bis 11. Juni geöffnet

Leopold Museum: EGON SCHIELE. Die Jubiläumsschau.
Bis 4. November 2018, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr.
Im Juni, Juli, August durchgehend die ganze Woche geöffnet.
Aus konservatorischen Gründen werden die Zeichnungen und Aquarelle alle drei Monate ausgetauscht.

 

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