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WIEN / Leopold Museum: DEUTSCHER EXPRESSIONISMUS

25.11.2019 | Ausstellungen, KRITIKEN


Fotos: Leopold Museum

WIEN / Leopold Museum:
DEUTSCHER EXPRESSIONISMUS
DIE SAMMLUNGEN BRAGLIA UND JOHENNING
Vom 15. November 2019 bis zum 20. April 2020


Foto: Wesemann

Alle Stars versammelt

Beckmann und Nolde, Rohlfs und Schmidt-Rottluff, Pechstein und Heckel, Kirchner und Mueller, Jawlensky und Kandinsky, Macke und Marc, Campdendonk, Feininger und Klee, und, ja, ein paar Damen waren auch dabei – wer zählt die Namen, die man unter dem Begriff „Expressionismus“ subsumiert? Das Leopold Museum, selbst im Besitz von manchem Meisterwerk der Epoche, kann den Expressionismus nun in seinem Untergeschoß weitläufig und verschwenderisch vor allem aus zwei Privatsammlungen präsentieren.

Von Heiner Wesemann

Die Sammler-Ehepaare     Ehepaare, die sich in ihrer Begeisterung für Kunst finden (und das nötige Kleingeld dazu haben), sind gar nicht selten. Man kennt das Phänomen etwa schon von Herzog Albert von Sachsen-Teschen, dessen Gattin, Erzherzogin Marie Christine, sein Interesse und Verständnis voll teilte. Das Ehepaar Ludwig war entscheidend am mumok in Wien beteiligt. Zwei Privatsammlungen haben nun ihre Schätze dem Leopold Museum zur Verfügung gestellt: die Schweizer Fondazione Gabriele e Anna Braglia und die Renate und Friedrich Johenning-Stiftung aus Deutschland. Wenn Privatsammlungen hinter verschlossenen Türen verschwinden, entgeht der Öffentlichkeit viel. Wenn sie ihre Besitztümer zeigen, erweitern sie das Spektrum des Bekannten wesentlich. So lohnt sich erneut eine „Expressionisten“-Ausstellung, denn das Thema wird ja im allgemeinen keineswegs stiefmütterlich behandelt. Das „Pas de deux“ der beiden Sammlungen plus Leopold plus Nolde Stiftung Seehüll, ergab an die 110 Werke, davon 40 Ölgemälde zur Betrachtung in Wien. (Kurator: Ivan Ristić)

Mit Krach begann’s   Wenn man sich fragt, was Max Liebermann in dieser Ausstellung verloren haben mag, so besteht die Antwort nicht nur darin, dass die Johenning-Stiftung Werke von ihm besitzt. Liebermanns Streit mit Nolde, der dessen Ausschluss aus der Berliner Secession zur Folge hatte, führte schließlich zu den Neugruppierungen der „Fortschrittlichen“, in der „Brücke“ (Dresden), im „Blauen Reiter“ (München). Es ist ein Prozess, der sich in jeder Entwicklung wieder findet und geradezu nötig ist für das Fortschreiten (und manchmal auch für den Fortschritt). Die Umwertung der Werke hatte eingesetzt, es ging nicht mehr um das (schöne) Äußere, es ging vielmehr darum, das Innere nach außen zu stülpen.

Der neue Blick   Jene Künstler, die sich vom Althergebrachten abwandten, stellten Individualität vor Stil, stellten ihre Wahrhaftigkeit vor Ästhetik. Die Ausstellung wählt die „Junge Dame mit Federhut“ von Max Pechstein als Signet für Plakat und Katalog. Sie entstand bereits 1910, zu einer Zeit, als Gustav Klimt seine Objekte noch in kostbare Stoffe kleidete und mit Ornamenten umfloß. Pechstein (1881-1955) gibt seiner Frau keine elegante Pose, keinen lockend-geheimnisvollen Gesichtsausdruck, auch keine ins Augen fallenden Accessoires, sieht man von dem großen Hut ab, der mehr drückend als schmückend auf dem Kopf sitzt. Arm und hilflos scheint sie da zu stehen, aus dem Leben gegriffen. Eine andere Welt, die hier von den Expressionisten beschworen wurde.

Frauen als Thema, Frauen als Künstlerinnen     Privatsammler haben den Museen etwas voraus: Sie müssen nicht gezielt sammeln, müssen kein Augenmerk auf Vielfalt und Ausgewogenheit legen, sind niemandem Rechenschaft schuldig, wenn sie einfach nach ihrem Geschmack vorgehen. Vielleicht irrt der Ausstellungsbetrachter, aber es scheint einen Überhang an Frauen in dieser Ausstellung zu geben, Frauen als Thema, Frauen als Künstlerinnen, auch wenn „nur“ drei von ihnen vertreten sind. Paula Modersohn-Becker mit fünf Werken (den so gar nicht lieblichen Kindern), Gabriele Münter mit dreien (stilisierte Landschaften) – und vor allem Marianne von Werefkin, die offenbar für das italienische Paar einen Schwerpunkt des Interesses bildete: Es finden sich acht Werke der Jawlensky-Gefährtin, die nicht nur stupend den Tänzer Sacharoff porträtierte, so dass man den Blick kaum wenden kann. Sie fesselt auch mit den anderen gezeigten Werken, ob sie symbolistisch verfuhr oder halb abstrakt oder mystisch geheimnisvoll.

Emil Nolde      Es zeugt von bemerkenswerter Unabhängigkeit im Urteil, dass sich die Wiener Ausstellung entschlossen hat, an Emil Nolde nicht vorbei zu gehen, im Gegenteil, ihm sogar einen Schwerpunkt zu widmen. Natürlich wird man dem Werk Noldes niemals mehr unbefangen gegenüber stehen können, dennoch hat er als Künstler seinen Rang, wenn er als Mensch auch – irrte, um es am harmlosesten auszudrücken. Was nicht so leicht ist, wenn man bedenkt, dass er trotz Berufsverbots (!) den Nazis anhing und sich nachher als deren Opfer stilisieren wollte. Naivität ist da wohl kaum voraus zu setzen. Aber irgendwann wird man auch von dem moralischen Dünkel ablassen, von Künstlern tadellose Gesinnung und politisch richtige Entscheidungen zu verlangen, um ihr Werk zu würdigen – und Nolde tritt einem ja nun wirklich besonders stark entgegen, mit seiner Farbendichte, seiner Intensität, ob es um Gesichter geht oder dräuende Landschaften. Oder jene Blumen, die seltsamerweise nie aufhören zu fesseln.

Ein Feuerwerk an Strich und Farbe   Sieht man großflächig über die Ausstellung, so wird man die Kraft von Strich und Farben stark fühlen, aber darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, auch den Individuen nach zu spüren – wie eigentümlich war doch Paul Klee oder auch Lyonel Feininger, Jawlensky oder Macke, von denen (wie die meisten anderen auch) jeder seinen eigenen Weg ging, so dass man sie eher aus historischen als aus stilistischen Gründen unbedingt zusammen spannen müsste. So ist der Eindruck dieser Ausstellung weniger der expressionistisch-einheitliche, sondern der individuell-vielfältige.

Leopold Museum:
DEUTSCHER EXPRESSIONISMUS
DIE SAMMLUNGEN BRAGLIA UND JOHENNING
Bis 20. April 2918
Täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr

 

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