
WIEN / Kunsthistorisches Museum:
CANALETTO & BELLOTTO
Vom 24. März 2026 bis 6. September, 2026
In Wien ist Bellotto König
Der eine, Antonio Canal (1697-1758), war unter dem Namen Canaletto der berühmteste Vedutenmaler seiner Heimatstadt Venedig. Der andere, ein Vierteljahrhundert jünger und Neffe Canals, Bernardo Bellotto (1722-1780), der in der Werkstatt des Onkels begann, nannte sich anfangs auch „Canaletto“, war es doch ein Markenname und zeigte die familiäre Verbundenheit. Beide Canaletti verließen Venedig, allerdings in verschiedene Richtungen – Canal ging nach London, Bellotto nach Mitteleuropa. Längst hat man den Mann, der vor allem in Dresden und Warschau, aber auch kurz in München und zwei produktive Jahre in Wien arbeitete, als „Bernardo Bellotto“ von dem großen Onkel abgekoppelt. Das Kunsthistorische Museum führt die beiden Maler nun in einer Großausstellung wieder zusammen, wo Antonio Canal mit Bildern aus Venedig und London, Bernardo Bellotto selbstverständlich mit seinen Wien-Veduten im Mittelpunkt steht.
Von Renate Wagner
Antonio Canal Geboren 1697 in Venedig, war Canal der Sohn eines angesehenen Bühnenmalers und kam solcherart von früher Jugend an mit Gestaltungskunst in Berührung. Seine glasklaren, topographisch scheinbar genauen, aber vor allem der Schönheit verpflichteten, lichtdurchfluteten Veduten von Venedig wurden schnell berühmt. Für die reichen Briten, die ihre „Grand Tour“ auf jeden Fall nach Venedig führte, waren diese Bilder ein Prestigeobjekt und wurden in hoher Zahl gekauft,

Kriege stören, einst wie jetzt, immer den Tourismus, und als infolge des jahrelangen Österreichischen Erbfolgekriegs nach der Herrschaftsübernahme durch Maria Theresia die Engländer nicht mehr nach Venedig kamen, brach Canal nach England auf, um seinen reichen Mäzenen ihre Stadt zu malen. Seine Bilder von London gelten als herausragend, und die englische Königin Elizabeth II. bekundete ihren Stolz darüber, wie viele von diesen Werken letztlich in ihrer Sammlung gelandet waren. Im Gegensatz zu seinem Neffen beschränkte sich Antonio Canal sowohl auf England wie auf einen überschaubaren Zeitraum der Abwesenheit (von 1746 bis 1755) und kehrte dann in seine Heimatstadt zurück, wo er 1768 im Alter von 70 Jahren starb.

Bernardo Bellotto Bellotto, von dem man nur ein Selbstbildnis kennt, wo er sich in venezianischer Adelstracht in eine „Idealvedute“ hinein malte (das KHM kann das Gemälde aus dem Besitz des Muzeums Narodowe, Warschau, in der Ausstellung zeigen), kam 1722 als Sohn von einer von Canals Schwestern zur Welt. Der Onkel förderte das Talent des Neffen und nahm schon den Vierzehnjährigen in seine Werkstatt auf. Die Werke Bernardos waren von denen des Onkels anfangs nicht zu unterscheiden, er nannte sich auch noch „Canaletto“ wie dieser, also begann seine Abnabelung erst, als er ein Jahr nach seinem Onkel, 1747, seinerseits Venedig verließ, sich aber nach Dresden wandte. Dort war er elf Jahre lang Hofmaler, dann vertrieben ihn politische Querelen. Er verbrachte nur zwei Jahre in Wien, aber diese waren hoch produktiv. Mit einem Empfehlungsbrief Maria Theresias (den die Ausstellung zeigen kann) ging er nach München zu deren Cousine, kehrte nach Dresden zurück, wo die goldenen Jahre allerdings vorbei waren. Er fand sie wieder ab 1776 in Warschau als Hofmaler bei bei König Stanislaus Poniatowski. Dort hinterließ er ein reiches Ouevre, als er 1780 fern der Heimat starb.

Die Wiener Ausstellung Die Wiener Ausstellung steht mit ihren 32 meist großformatigen Gemälden unter dem Motto von zwei Künstlern und drei Städten, wobei sich noch eine vierte mit zwei Bildern dazwischen schiebt. Es beginnt mit Antonio Canal und einigen herausragenden Ansichten von Venedig, darunter der „Bucintoro“, das Prunkstück der Venezianer auf dem Canal Grande (tatsächlich ist ein Canal Grande Bild von Bellotto von dem des Onkels in der Technik und Wirkung nicht zu unterscheiden). Dann einige Bilder von London, wo dann die Themse die führende Rolle einnimmt, die in Venedig der Kanal hat. Zweimal der Dresdner Bellotto – und dann ist man beim Schwerpunkt der Ausstellung, der Bellottos Wien Bildern gilt, die hier geschlossen zu sehen sind.

Das Kaiserpaar blickt hernieder Bellotto war, wie gesagt, nur zwei Jahre in Wien, hat aber schier ununterbrochen gearbeitet. Für seine berühmten Schönbrunn-Bilder, die Fassade und die Gartenseite, hat man eine eigene Ecke gestaltet, mit den von Matthäus Donner geschaffenen Büsten von Maria Theresia und Franz Stephan, Für das Kaiserpaar malte er auch mehrere Ansichten ihrer „Außenstelle“, dem Schloss Hof, für den Fürsten von Liechtenstein Bilder von dessen Gartenpalais. Und im übrigen die zahlreichen Ansichten von Wiener Plätzen, grundsätzlich bis heute zu erkennen, vielfach in geradezu dramatischen Kontrasten von Dunkel und Hell.

Flankierende Werke Die von Mateusz Mayer, dem Kurator der Gemäldegalerie, gestaltete Ausstellung wird gewissermaßen durch „Zeitzeugen“ angereichert, wozu auch eine Camera obscura zählt, die von Bellotto als Hilfsmittel herangezogen wurde (vielleicht wurde dieses Stück tatsächlich von ihm selbst benützt), Kupferstiche der von ihm gemalten Orte, Stücke aus der Kunstkammer, die eine Atmosphäre jener Zeit verbreiten, in der er lebte.

Realistisch oder „behübscht“? Und da steht noch eine Frage im Raum. Wer je zu früh im Theater in der Josefstadt war und die Zeit nutzte, den Eisernen Vorhang des Hauses genauer zu betrachten, hat Bellottos weltberühmten Blick auf Wien vom Belvedere auf die Stadt vor sich. Und wird dann schon bemerken, dass – und das hat nichts mit der Distanz der Jahrhunderte zu tun – da einiges „nicht stimmt“. Die Salesianerkirche, rechts im Bild, ist niemals so groß, der Schwarzenberg-Garten links vom Belvedere-Garten gleichfalls nicht. Bellotto hat also, für die Ausgewogenheit des Bildes, „getrickst“, und das sagt man seinem Onkel und ihm immer nach. Sie seien nicht topographisch getreu, sondern hätten die Vorlagen nach Gesetzen der Schönheit, des Ideals, korrigiert.

Und dennoch hat man sowohl in Dresden wie in Warschau auf Bellottos Gemälde zurück gegriffen, um dort die im Zweiten Weltkrieg zerbombte Architektur wieder herzustellen. Womit er den Ländern aus der Distanz von Jahrhunderten einen unschätzbaren Dienst zur Bewahrung ihrer Tradition geliefert hat. Und zumindest die Menschen, denen man auf den Bildern begegnet und die zu betrachten ein eigenes Vergnügen ist, „stimmen“ in ihrer Kleidung, ihrer Stellung und vermitteln eine Ahnung von jenem 18. Jahrhundert, das so glanzvoll und schmerzvoll war.
Kunsthistorisches Museum
Canaletto & Bellotto
Vom 24. März 2026 bis 6. September, 2026
Täglich außer Montag, 10-18 Uhr,
Donnerstag10-21 Uhr

