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WIEN / Kunstforum: LIEBE IN ZEITEN DER REVOLUTION

14.10.2015 | Ausstellungen, KRITIKEN

Kunstforum Plakat 2~1  Kunstforum Plakat mit Karikaturen~1

WIEN / Bank Austria Kunstforum:
LIEBE IN ZEITEN DER REVOLUTION
Künstlerpaare der russischen Avantgarde
Vom 14. Oktober 2015 bis 31. Jänner 2016

 

Emanzipation, Kunst, Politik

Kunstforum Eingangshalle~1 
Fotos: Heiner Wesemann

Der Titel ist gut und griffig: „Liebe in Zeiten der Revolution“ mischt Privates und Weltgeschichte. Tatsächlich ging es den fünf Paaren russischer Künstler, die in der Ausstellung des Bank Austria Kunstforums im Zentrum stehen, aber vor allem um Ideologie – um einen gewandelten Gesellschafts-, Weiblichkeits-, Kunst- und Realitätsbegriff. Schon vor der Russischen Revolution 1917, die dann wirklich alles veränderte, brodelte es im Zarenreich nicht nur politisch, sondern auch künstlerisch. Nach der Revolution setzte tatsächlich kurzfristig eine Art neuer Freiheit ein, ein Bewusstseinswandel, der sich in erstaunlicher Modernität spiegelte – bis Väterchen Stalin das Erreichte zurücknahm. Ein spannendes Kapitel von Geschichte und Kunstgeschichte.

 

Von Heiner Wesemann

 

Die Frau als Partnerin     So ganz haben sie es doch nicht geschafft, die Frauen, die zusammen mit ihren Lebens- und Kunstpartnern im Mittelpunkt dieser Ausstellung stehen. „Schülerin“ mussten sie sich nennen lassen, oder auch „Mitarbeiterin“. Dennoch ist der Schritt zur Gleichberechtigung, den russische Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts taten, erstaunlich und den meisten europäischen Ländern weit voraus. Sie agierten mit einer Selbstverständlichkeit als selbständige Wesen, dass man Fragen der Emanzipation damals (anders als hierzulande beispielsweise) gar nicht berühren musste. Wie es offenbar auch die Russen waren, die – den Eindruck gewinnt man jedenfalls im Kunstforum – die „Moderne“ gewissermaßen erfunden haben. Nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel gesellschaftlicher Veränderung. Wobei die fünf Paare, deren Werke gezeigt werden, gewissermaßen schrittweise durch die Geschichte (und Kunstgeschichte) führen.

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Natalja Gontscharowa, Selbstporträt (Detail)

Natalja Gontscharowa (1881–1962) und Michail Larionow (1881–1964)     Diese beiden Künstler stehen am Anfang, hier ist gleicherweise stilistisch der Einfluß aus Europa zu fühlen, ebenso wie die – in der russischen Kunst eigentlich immer verankerte – Zuwendung zur Folklore. Man sieht dies etwa in dem Selbstporträt von Natalja Gontscharowa, das sie zwar mit Blumen vor ihren Bildern zeigt, aber doch den Eindruck einer bäuerlichen russischen Frau erweckt. Auch hat sie noch 1910 ein „Erlöser“-Triptychon geschaffen, das an die alte Ikonenkunst anschließt. Aber es ist ihr „Elektrisches Ornament“ von 1914, das den Besucher der Ausstellung als zentrales Bild im Eingangsraum wie eine Fanfare begrüßt. Zusammen mit ihrem Partner Michail Larionow, den sie später heiratete, bilden sie ein Paar, das zu den Gründerfiguren der russischen Avantgarde zählt – sich vom Hergebrachten lösend, auf die Gegenstandslosigkeit zugehend, wie etwa Larionows „Hahn und Henne“ zeigt, nur noch verfließende Farben, das Thema nur mehr rudimentär greifbar.

Olga Rosanowa (1886–1918) und Alexej Krutschonych (1886–1968)    Zwei Künstler, die die Welt bereits nicht mehr als Ganzes sehen, sondern in ihre Bestandteile zerlegen: Ihr „Frisiersalon“ von 1915 etwa wirbelt die Accessoirs eines solchen kubistisch durcheinander, dass man nur noch abstrakte Teile begreift. Die Zusammenarbeit mit Alexej Krutschonych konnte auf Grund des frühen Todes der Künstlerin (sie starb 32jährig an Diphterie) nur kurz sein, zeigt aber Bemerkenswertes wie etwa ihre „Gegenstandslose Komposition“. Darüber hinaus bedeutete die Zusammenarbeit der beiden eine futuristische Buchkunst, in der Text und Illustration als gleichwertig betrachtet und verschmolzen wurden.

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Bühnenbild von Alexander Wesnin

Ljubow Popowa (1889–1924) und Alexander Wesnin (1883–1959)     Ihr Werk „Malerische Architektonik“ (von der Abstraktion bis zum Futurismus vielfach zuzuordnen) ist in seiner souveränen Gestaltung roter, weißer, schwarzer und verschwindend blauer Felder so stark, dass man es für eines der Plakate und als Titelbild des Katalogs gewählt hat. Angesichts ihrer Gemälde lässt nicht nur der Kubismus, sondern auch der Surrealismus grüßen, während von Alexander Wesnin, gleich stark im gleichsam „geometrischen“ Abstrakten, darüber hinaus noch Arbeiten fürs Theater, Bühnenbilder und Kostüme für Tairow, zu sehen sind. Auch in diesem Fall wurde die Zusammenarbeit durch den frühen Tod der Frau abrupt beendet – Ljubow Popowa starb 35jährig an Scharlach.

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Warwara Stepanowa / Alexander Rodtschenko: Selbstporträts

Warwara Stepanowa (1894–1958) und Alexander Rodtschenko (1891–1956)     Zwei der stärksten Bilder der Ausstellung verdankt man Warwara Stepanowa und Alexander Rodtschenko: Beide schufen 1920 Selbstporträts von solch „böser“, starker Intensität, dass sie geradezu erschreckend wirken. Dieses Paar, das sich als „avantgardistisch“ verstand und dies auch durch Performances und Maskeraden ausdrückte, hat nach der Oktoberrevolution die Funktion der Kunst in Richtung alltäglicher Gebrauchsgegenstände revidiert. Im übrigen bietet die Ausstellung viele Beispiele ihrer Collagen und titellosen Abstraktionen, Konstruktionen und Kompositionen, die sich völlig von jedem realistischen Kunstbegriff gelöst haben und gelegentlich schlechtweg absurd werden. Hingegen sind die Stoffmuster, die Warwara Stepanowa auf ihrem Weg zur praktischen Verwendbarkeit gestaltete (sie unterrichtete auch Textilgestaltung), konventionelle Versuche in Ornamentik. Die Karikaturen als Clowns, die sie von sich und Rodtschenko 1924 anfertigte und die amüsant-verspielt sind, zieren gleichfalls ein Ausstellungsplakat.

Valentina Kulagina (1902–1987) und Gustav Klutsis (1895–1938)       Die Schicksale von Valentina Kulagina und Gustav Klutsis sind wohl die tragischsten. Hier haben sich zwei Künstler ganz der Politik verschrieben, ihr Können dazu eingesetzt, erst etwa Variationen zu „Hammer und Sichel“ zu schaffen, später vor allem in Plakaten die Sowjetunion in deren klobigem Stil zu preisen. Aber so sehr konnte Gustav Klutsis gar nicht die heroischen Arbeiter, die Pläne der Partei und immer wieder Väterchen Stalin und den Sieg des Sozialismus in seinem Lande feiern – als Angehöriger der lettischen Minderheit fiel er den stalinistischen Säuberungen zum Opfer.

Gustav Klutsis x~1
Gustav Klutsis, Entwurf für Plakat Sieg des Sozialismus

Vom Zaren bis zu Stalin     Die Repressionen des zaristischen Russlands haben zu Widerstand, zu Anarchismus, zur Revolution geführt, in der Kunst und in der Gesellschaft. Das konnte, wie man an den Paaren und ihren Schicksalen in der jeweiligen Zeit sieht, nicht lange wirklich gelebt werden. Nach 1917 hat die Oktoberrevolution Freiheiten postuliert und gebracht, doch Lenin zog sich schon 1922 zurück und die Stalinistische Diktatur begann zu greifen, die alle Errungenschaften (auch jene der weiblichen Emanzipation) zurücknahm. Auch das kann man im Kunstforum sehen, wenn man sich von Paar zu Paar bewegt.

Bis 31. Jänner 2016, täglich von 10 bis 19 Uhr, Freitag bis 21 Uhr

 

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