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WIEN / KosmosTheater: TÖCHTER DES JIHAD

06.05.2016 | KRITIKEN, Theater

Töchter des Jihad
Foto: Bettina Frenzel

WIEN / KosmosTheater
TÖCHTER DES JIHAD von
Barbara Herold
Uraufführung
Koproduktion von dieheroldfliri.at,
KosmosTheater und Theater Reutlingen Die Tonne
Premiere: 4. Mai 2016, besucht wurde die zweite Vorstellung am 6. Mai 2016  

Der IS, der „Islamische Staat“, versorgt uns täglich über die Medien mit Horrormeldungen. Besonders erschüttert aber war man über den heimischen Fall zweier Teenager, die von zuhause ausgerissen sind, um sich dem Jihad in Syrien anzuschließen. Sie sind kein Einzelfall. Theatermacherin Barbara Herold hat zu dem Thema ausführlich recherchiert und viel Material zusammen getragen.

Teils zeigt sie, teils lässt sie einfach als Aussage vermitteln, wie diese Rekrutierung junger Frauen – als Sex-Futter für die Kämpfer und letztlich als Kanonen-Futter, wenn man ihnen selbst die Kalaschnikoffs in die Hand drückt – von statten geht, nämlich nach dem Modus Operandi von Sekten (das machen übrigens die Rechtsradikalen ganz ähnlich), mit Hilfe eines ideologischen Gerüsts, mit  Ausbeutung der Unsicherheit der Jugend, ihrer Sehnsucht nach Idealismus, ihrem Wunsch, es der verhassten Mitwelt, in der sie sich nicht aufgehoben fühlen, zu zeigen.

Barbara Herold reiht viele Szenen aneinander, wobei wahrscheinlich die Skype-Gespräche einer angeblichen Konvertitin hierzulande mit einem Kämpfer in Syrien (ohne Internet funktioniert die Welt schließlich nicht mehr) am aufschlussreichsten sind, hat doch eine recherchierende Journalistin, die unter einem Gesichtsschleier in die Rolle der halb willigen, halb zweifelnden Europäerin schlüpfte, hier aus den Männern alles an Eingeständnissen über ihre Brutalität, Erbarmungslosigkeit und Weltherrschaftsgelüste herausgeholt. (Sie lebt heute, von einer Fatwa bedroht, unter falschem Namen.)

Ausgewertet wurde zweifellos viel „echtes“ Material, Aussagen der jungen Menschen, die sich hier in einen Strudel der Begeisterung hineinsteigern, den die meisten mit dem Leben bezahlten, die Verzweiflung der Eltern, die nicht wissen, was geschehen ist (und die Zeichen nicht zu deuten wussten). Man erfährt, was von „braven“ islamischen Frauen verlangt wird, und muss sich anhören, dass IS-Kämpfer es goldrichtig finden, „besiegte“ Frauen in die Sklaverei zu zwingen (weil man dann jemanden hat, den man straflos vergewaltigen kann…).

Im Endeffekt bleibt man fassungslos angesichts dessen, was man in sonst nicht gebotener Ausführlichkeit erfährt, aber es geht um Auswüchse, nicht um den Islam selbst – am Ende setzen die drei Darsteller den „zerrissenen“ Orientteppich, innerhalb dessen sie agiert haben (Bühne: Caro Stark), wieder zusammen. Hoffen wir zu Allah, dass das, was IS aus dem Islam macht, nicht der „echte“ ist…

Die drei Darsteller, Maria Fliri, Diana Kashlan und Peter Bocek, sind innerhalb der pausenlosen 100 Minuten mehr als vorzüglich. Der Abend macht aber dennoch nicht völlig glücklich, weil er seinen Ansatz nicht wirklich klärt. Er ist nämlich äußerst theatergerecht (man kennt das von Barbara Herold als Regisseurin) – und als solcher immer wieder sehr lustig und parodistisch, inklusive der Staubsauger als Requisiten (warum eigentlich?). Und das, obwohl die Aussage des Ganzen nicht unlustigster sein könnte. Muss das Angebot „Es darf gelacht werden“ auch dann offeriert werden, wenn es so gar nichts zu lachen gibt? Die immer leicht veräppelnde Darstellung der Protagonisten reißt eine Kluft zwischen Form und Inhalt auf.

Renate Wagner

 

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