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WIEN/ Konzertsaal der Sängerknaben: COSÌ FAN TUTTE

13.03.2013 | KRITIKEN, Oper

MuTh – Konzertsaal der Wiener Sängerknaben: „COSÌ FAN TUTTE” – 11.3.2013

 Zum erstenmal an diesem Ort und als Kooperation war diese Aufführung, sowie noch drei weitere Vorstellungen nacheinander, für Studierende des Masterstudiums „Oper“ des Konservatorium Wien Privatuniversität Teil ihrer öffentlichen Masterprüfung.

 Das letzte Mal hatte ich im Jänner 2010 im historischen Ambiente des Schönbrunner Schlosstheaters das Vergnügen einer solchen Veranstaltung für den damaligen Abschluss-Jahrgang, der zur öffentlichen Prüfung antrat. Regie führte Reto Nickler, der Jahre zuvor im Juni 2006 an der Wiener Staatsoper eine „Moses und Aron“-Produktion gerettet hatte. Er sprang für den erkrankten Regisseur ein. Ich erinnerte mich also an Nicklers „Così“ als eine flotte, sehr junge Produktion im Stil der Fifties, wo z.B. Ferrando und Guglielmo sich als Punks mit Kapuzen-shirts derart verkleidet hatten, dass sie wirklich nicht zu erkennen waren. Die Bühne war mit allerlei Stahlgerüste-Teilen möbliert und recht viel Phantasie des Zuschauers war gefordert, auch weil Alfonso als Figur sehr gegen den Strich gebürstet war, (meiner Erinnerung nach war er so eine Art höherer Guru). Was das Musikalische anbetraf, war man jedenfalls angenehm überrascht vom Niveau.

 Diesmal tat man sich leichter mit der Optik, die Inszenierung von Michael Pinkerton war angenehm „konservativ“, Schauplätze wurden durch farbenprächtige, geschmackvolle Hintergrundprojektionen illustriert, wenige Versatzstücke genügten zur Andeutung des Geschehens. So gleich zu Beginn eine modische, von innen beleuchtete Designer-Bar auf Rollen, hinter ihr Don Alfonso (Ardalan Jabbari), der als Barmann die beiden Wettkameraden Ferrando (Sergio Tallo Torres, anfänglich indisponiert angesagt) und Guglielmo (Marco Ascani) so großzügig mit Cocktails bewirtete, dass beide binnen kurzem beduselt wirkten. Der Tenor sang sich zwar später etwas freier, erst in „un aura amorosa…“, doch sein knabenhaftes (fast kinder-trompetiges) Timbre bleibt gewöhnungsbedürftig. Die Stimme seines Bariton-Kollegen hatte da schon mehr Qualität und er machte dann im 2. Akt bei „donne miei, la fate…“ richtig auf. Don Alfonso als eleganter Roué punktete am Anfang noch allzu sehr mit Lautstärke und gab meist volle Kraft voraus. Den sogenannten älteren Stimmfach-Vertreter hörte man ihm eigentlich gar nicht recht an, dazu ist seine Klinge noch zu grob.

Überraschung gab es beim Sopran, Christina Parsson, die ihre Fiordiligi außerordentlich musikalisch und mit einem gewissen Ausdrucks-Vibrato singt – fein ziselierte sie die heikle Felsen-Arie – sie imponierte durch Körpergroße wie einst die Sutherland, und auch wie diese vor allem im Phlegma des Spiels. Speziell sie erschien mir unglücklich kostümiert (sämtliche Alltags-Kostüme: Lippitsch KEG/Alexandra Fitzinger), jedenfalls kann man sich diese ansonst beachtliche Sängerin eher im Konzertsaal vorstellen als auf der Bühne. Die seconda Donna (Wendy Wang), gibt eine jugendfrisch-exotische Dorabella aus Südostasien, zeigt in shorts gute Figur und versteht sich den ganzen Abend in zu verhaltener Komik, wie im doch sehr ironischem „smanie implacabili…“. Doch das stimmliche und darstellerische Atout der ganzen Aufführung ist eindeutig die kleine Alltags-Philosophin in „natürlich blond“. Die hinreißende Frederikke Kampman ist ein wahrer Satansbraten als Despina. Sie räumt ab als Spielmacherin mit fülliger Stimme und derartiger quirliger Spielastik, dass es die wahre Freude ist. Weder im Haus am Ring noch am Gürtel gibt es eine solche schon ausgewachsene Musikkomödiantin (eigentlich gehört sie vom Fleck weg auf größere Bretter!). –

Durchaus komisch sind die angewandten „Masken“ für die beiden verkleideten Amanti, die ausschauen wie das einstige Euro-Grand-Prix-Duo Waterloo & Robinson, der eine größer mit dem bekannt dunklen zottigen Langhaar, der andere heller und geschneckerlt und durchaus einen Kopf kleiner! Was besonders amüsante Wirkungen ergibt, wenn der doch kleinere Tenor-Partner nun mit der richtig angestammten Stimm-Fach-Partnerin, dem großgewachseneren Prima-Donna-Sopran, diesen vor allem in der Garten-Szene immer von unten her anschmachtet.

 Der Produktionsleiterein Stefanie Kopinits, die auch für Regieassistenz, Texte, Übertitel etc. zuständig war, gebührt ein Sonderlob. Es wirkte alles hochprofessionell.

 Das für mich als Theaterraum neue MuTh ist akustisch trefflich ausgefallen, mit viel –helfendem Holz rundherum. Ich saß in Reihe 2 und wurde vom üblicherweise sonst so weit vorne gar nicht geschätzten, weil meist zu direkten Klang keinesfalls irritiert. Probeweise setzte ich mich nach der Pause einige Zeit ganz nach hinten, was subjektiv wenig ausmachte, vielleicht mehr eingebundene Rundung brachte. Dirigent Erich Polz und das Orchester der KONSuni brachten jedenfalls eine stimmige, stimmungsvolle Aufführung – flott und federnd – von Mozarts subtilster, schwierigster und für mich besonders und noch immer am meisten geliebten und verehrten aller drei Daponte-Opern.

 Hingewiesen sei hierbei besonders auf die im Programmheft aus einem Buch (H.E.Jacob 1978 bei Heyne) abgedruckte Theorie, wie es denn zugehen hätte können, dass die Damen die beiden verkleideten Herren so gar nicht und nicht erkannten, was ansonst doch immer und ewig auf krassen Unglauben in Libretto, Regie und bei den Connaisseuren stößt. Zitiert wird da, dass diese „Brautwerbung übers Kreuz“ nur bei Gelegenheit im Rahmen einer „Wiener Redoute“, also bei einem Maskenball geschehen sein hätte können: Musik, Tänze, Champagner und die exotischen Masken (als Albaner!) taten in dieser Nacht das Ihre, um die schwachen Frauen-Herzen zu betören und derart in einer Taumel-Atmosphäre so gewaltig zu verwirren…“Cosi fan tutte!“

Norbert A. Weinberger

 Anmerkung: das wohl profundeste Werk über das Thema ist die historisch fundierte musikwissenschaftliche Neudeutung durch Constanze Natosevic, „Mozart, die Liebe und die Revolution von 1789“, erschienen 2003 im Bärenreiter-Verlag, ein Buch selbst für eine einsame Insel zum immer-wieder-nachschlagen mit brillanten Antworten auf das komplexe Netzwerk der Anspielungen und Codes.

 

PS. 13.3.: Der sehr spielfreudigen, mit beweglichem Sopran und dezentem Humor sowie auch tiefem Ernst ihr nicht nur beneidenswertes Schicksal besingenden Fiordiligi von Albena Evtimova darf man für ihr weiteres Bühnendasein ebenfalls beste Wünsche mit auf den Weg geben. –Nach der sonst ident besetzten Vorstellung konnte ich alle Aussagen meines Merker-Kollegen bestätigen. So viel puren Mozart-Stil bekommt man heute selten geboten. S.Pf.

 

 

 

 

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