22.10.2026: Konzerthaus Mozart-Saal Christian Gerhaher, Bariton, Gerold Huber, Klavier

Christian Gerhaher. Foto: Sony
Seit Jahrzehnten gilt der hörbar bei Dietrich Fischer-Dieskau in die Lehre gegangene Christian Gerhaher als Leuchtturm Interpretation des deutschen Lied-Oeuvres. Sein diesjähriger Liederabend im Wiener Konzerthaus war ganz dem Schaffen Robert Schumanns gewidmet. Die zu Gehör gebrachten Werke auf Basis unterschiedlicher Poeten aus den Jahren 1840 und 1850 zeigten die Reichhaltigkeit und die Ausdruckspalette des romantischen deutschen Liedgottes. Chamisso (nach Andersen), Eichendorff. Lenau, Heine sind die Dichter, die viel – zumeist unglückliche – Liebe, viel Traurigkeit, Todessehnsucht und Schwermut, viel Natur und Wetter, viel Träume und Soldatenehre und -leid in Worte setzten. Schumann vertonte sie dann so kongenial.
Christian Gerhaher hat dort seine starken Momente, in denen der Ausdruck überwiegt, wo die Stimme aufgehen kann, aber auch dort, wo Textdeutlichkeit gefragt ist. Expressiv Der Soldat (Chamisso) und Waldesgespräch (Chamisso), einfühlsam Auf einer Burg (Eichendorff), melancholisch Der schwere Abend (Lenau), artikuliert Der arme Peter (Heine), warnend Zwielicht (Eichendorff) – Letzteres wahrscheinlich der Höhepunkt des Programms.
Dort und da kämpft Gerhaher allerdings mit Höhenproblemen (Die Blume der Ergebung, Loreley, Die Sennin), beim wohl berühmtesten der vorgetragenen Lieder, der Mondnacht fehlt es an innigem Legato, an Weichheit, ganz generell klingt vieles schlicht nicht frisch.
Natürlich, er ist immer noch ein großer Gestalter, beherrscht mit seiner Präsenz das Podium des wunderschönen Mozart-Saales, vermag Melancholie zu verbreiten, letztlich bleibt aber ein stimmlich etwas glanzloser Eindruck.
Wäre da nicht Gerold Huber, einer der besten seines Fachs, der in nicht wenigen Momenten das Klavier zum wahren Hauptprotagonisten macht: Sei es bei der fast an Bach gemahnenden, düsteren Begleitung zum Muttertraum, bei den immer wieder aufkommenden martialischen Momenten des Soldatenlebens und beim Schlusspunkt, dem Requiem (Text: Dreves), bei dem Huber dem Publikum die breite Palette seines ausdrucksstarken Könnens zu Gehör bringt.
Wenn auch mit einigen Abstrichen: Ein starker, romantisch-melancholischer Konzertabend.
Sabine Längle

