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WIEN / KHM: PIETER BRUEGEL

08.10.2018 | Ausstellungen, KRITIKEN

WIEN / Kunsthistorisches Museum:
BRUEGEL
Vom 2. Oktober 2018 bis zum 13. Jänner 2019

In Wien – wo sonst?

Vor zwei Jahren war es der 500. Todestag von Hieronymus Bosch, der die Kunstwelt umtrieb. 2019 wird sich der 450. Todestag von Pieter Bruegel jähren. Die große Ausstellung des Künstlers, von dem man das genaue Geburtsdatum nicht kennt, findet nicht in Belgien statt (immerhin kam der belgische König zur Eröffnung), sondern in Wien. Wo sonst? Schließlich besitzt das Kunsthistorische Museum die umfangreichste Bruegel-Sammlung der Welt. In sechsjähriger Arbeit ist es nun gelungen, mit 99 Objekten die größte Werkschau des Künstlers je an einem Ort zu vereinen. „Once in a Lifetime“ geschähe so etwas, erklärt das KHM. Stimmt.

Von Heiner Wesemann

Pieter Bruegel    Es gibt extrem wenige Dokumente zum Leben von Pieter Bruegel. Er wurde vermutlich zwischen 1525 und 1530 in Brabant geboren, vielleicht in dem Ort Breugel, vielleicht in Antwerpen. Sein Todesdatum steht fest, er starb 1569 in Brüssel. Im besten Fall ist er wenig über 40 Jahre alt geworden. Er studierte in Antwerpen bei einem Meister und gehörte Antwerpens Malergilde an. Er hat sich nur einmal, für eine zwei- bis dreijährige Reise aus seiner Heimat wegbegeben. Über Frankreich reiste er nach Italien, ließ sich dann in Antwerpen nieder, heiratete und wurde Vater von zwei Söhnen (der jüngere wurde ein Jahr vor Bruegels Tod geboren). Seine Kunden waren vor allem bürgerliche Auftraggeber. Er schuf in einer kurzen Lebenszeit etwa (die Angaben schwanken in der Literatur) an die 40 Gemälde und an die 60 Zeichnungen, von denen viele als Vorlagen für Kupferstiche dienten. Bedenkt man, dass es Mitte des 16. Jahrhunderts in Antwerpen rund 300 bildende Künstler (Maler, Bildhauer, Kupferstecher u.a.) gab, im Vergleich zu etwa 170 Bäckern in der Stadt, so musste man schon ein Pieter Bruegel sein, um so turmhoch herauszustechen wie er, um bereits von der Mitwelt als Nachfolger von Hieronymus Bosch gepriesen zu werden und in der Nachwelt die Position eines der Großmeister der Malerei einzunehmen.

Wiens Bruegels       Wenn zu Beginn der Ausstellung ein Hinweis darauf geliefert wird, wie Wien zu seinen Bruegels kam, darf natürlich das berühmte Bild nicht fehlen, das „Erzherzog Leopold Wilhelm in seiner Galerie in Brüssel“ zeigt, gemalt von David Teniers um 1650 – im Zeitalter Bruegels. Dieser Habsburger sammelte „ehrlich“, er kaufte, er raubte nicht, obwohl er es in seinen Jahren als Statthalter der Niederlande (1647–1656) vermutlich gekonnt hätte. Ein prachtvolles Verzeichnis der Habsburgischen Bildschätze zeigt Bruegels „Turm von Babel“ im Zentrum. Er selbst grüßt in diesem ersten großen Raum unter seiner Unterschrift mit der Zeichnung „Maler und Kenner“, einem der Schätze der Albertina:

Wenn auch der Maler, der hier mit seinem Pinsel bei der Arbeit dargestellt ist, nicht als Selbstbildnis gilt – zweifellos charakterisiert es Bruegels Situation als Künstler, dem der Käufer begierig über die Schulter blickt.

Der „Wiener Bruegel“ ist das Markenzeichen     Wien besitzt ein Dutzend nachweisliche Bruegel-Großgemälde und dazu noch mehrere, die man mit „Umkeis“ oder „Kopie nach“ führt und die natürlich auch ganz eng mit dem Künstler verbunden sind. Die berühmtesten dieser Werke sind „Bauernhochzeit“ und „Bauerntanz“, die den Maler in ein falsches folkloristisches Eck rücken, zumal die dampfende Fröhlichkeit und Verfressenheit so gar nicht verniedlicht und beschönigt wird. (Es heißt übrigens, eines der wenigen bekannten biographischen Details, dass Bruegel gern an solchen Volksfesten teilnahm.) Die anderen „Stars“ der Wiener Sammlung, fast genau so berühmt, sind zwei der im ganzen sechs „Jahreszeitenbilder“ (fünf existieren noch): „Die Heimkehr der Herde“ und „Die Jäger im Schnee“. Weniger oft zeigt das KHM sein drittes Jahreszeiten-Bild, „Der düstere Tag“. Das Metropolitan Museum in New York hat die „Kornernte“ nicht geschickt, wohl aber die Prager Burg die „Heuernte“: Vier der Jahreszeiten-Bilder hängen solcherart nebeneinander.

Religion, intellektuelle Spielereien   Die Wiener Schätze umfassen allerdings mehr, wenn man auch Meisterwerke wie die „Kreuztragung Christi“ vermutlich meist zu wenig beachtet: Die Ausstellung hängt das Bild „frei“ in den Raum, man kann die unglaublich gegliederte Vorderseite so nah betrachten wie noch nie (und es ist faszinierend, wie die Besucher die Köpfe recken, um möglichst viele Details wahrzunehmen), Wien besitzt auch die unendlich kleinteiligen, tatsächlich an Bosch erinnernden Bilder „Kinderspiele“ und „Kampf zwischen Fasching und Fasten“ – und schließlich jenen weltberühmten „Turmbau zu Babel“, zu dem das KHM durch Leihgabe eine zweite Version bieten kann.

Die Erkenntnisse der Leihgaben      Was die Ausstellung an Leihgaben aus aller Welt nach Wien bringen konnte, erweitert das Spektrum Bruegel enorm. Nicht nur, dass der „Turmbau zu Babel“ aus Rotterdam (Bruegel hat, anders als Kollegen, selten ein Sujet wiederholt) nur prinzipiell dasselbe, aber im Grunde eine andere, schlichtere und auch im Umfang kleinere Sicht auf das Thema bietet. Ein Werk wie die aus Antwerpen kommende „Dulle Griet“ mit der kämpfenden Frau im Zentrum zeigt, dass Bruegel die Welt des blutigen Chaos, in der er lebte, auf die Leinwand brachte. Ähnliches drückt der sicherlich nicht nur religiös gemeinte „Triumph des Todes“ aus, den der Prado aus Madrid geschickt hat. In eine ganz andere Welt wiederum führt der „Hafen von Neapel“, aus Rom geliehen, der eines der nicht sehr zahlreichen konkret „topographischen“ Beispiele aus Bruegels Werk ist und auf seine Italien-Reise verweist.

Verschränkung des Werks     Der Zeichner Bruegel war, nicht zuletzt die Schätze der Albertina beweisen es, von höchster Bedeutung. Die Ausstellung lässt in den einzelnen Themenschwerpunkten („Religion“ etwa oder „Landschaft“) Zeichnung und Gemälde in Dialog treten und gibt auch den Kupferstichen, die nach Bruegel-Zeichnungen entstanden sind, Raum. Die „Sieben Tugenden“ und die „Sieben Hauptsünden“ sind vertreten, und natürlich fehlt eines seiner berühmtesten „Gleichnis-Bilder“ nicht: „Die großen Fische fressen die kleinen“ aus der Albertina.

Fakten statt Interpretationen     Ein Bild wie dieses hat wohl schon hunderte Ausdeutungen erfahren, und mit den meisten Werken von Bruegel, die immer auch eine Metaebene haben (oder vielleicht sogar mehrere), geht es ähnlich. Vielleicht hat sich das KHM deshalb nicht in die Deutungswut gestürzt, die ja letztlich immer nur die Meinung bietet, die der interpretierende Wissenschaftler bevorzugt (wobei Bruegel, in dem zerrissenen Zeitalter der spanischen Besatzung und der religiösen Spannungen lebend, auch politisch hoch ergiebig wäre). Dass man in den Kabinetten rund um die Hauptsäle „Sachliches“ behandelt, das gewissermaßen keinen Zweifeln unterliegt, ist durchaus ein starkes Argument der Ausstellung, die viele Fragen stellt. Etwa anhand der großartigen „Zwei angeketteten Affen“ (aus Berlin gekommen) die Stationen nachstellt, wie ein Bild entsteht. Aber auch Schritte einer Restaurierung. Oder Holz, Farbe, Strich des Malers untersucht. So hat man als Ergebnis der langen Vorarbeit auch eine unanfechtbare wissenschaftliche Ebene eingezogen.

Praktische Informationen     Die Ausstellung hat die ganze Woche über offen (auch an den sonst geschlossenen Montagen). Um Ansturm zu bändigen, wurden zwei Kassenhäuschen ins Freie gestellt, was die Situation im Haus entlastet. Mit seinem Ticket (oder Permanenzkarte oder Ausweis, der zum Eintritt berechtigt – Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre haben freien Eintritt) muss man sich allerdings vor dem Ausstellungseingang im 1. Stock noch für ein „Zeitfenster“ anmelden. Alle 20 Minuten dürfen neue Zuschauer in den Raum (jeweils zu den Minuten 10, 30, 50), die Aufenthaltsdauer drinnen ist nicht beschränkt. Dennoch sorgt das Haus dafür, dass die Ausstellung nie so hoffnungslos überlaufen ist, dass man am Ende keinem Bild mehr in die Nähe kommt. Dieses Zeitfenster kann übrigens auch im Internet bestellt werden. Als Orientierungshilfe gibt es kostenlose Mini-Broschüren, die die 99 Werke charakterisieren,  in deutscher und englischer Sprache, sowie groß bedruckte, besser leserliche lamierte Blätter in den Sälen. Reichlich Literatur und Souvenirs (auch Bruegel-T-Shirts) im Shop.

Kunsthistorisches Museum: BRUEGEL
Vom 2. Oktober 2018 bis zum 13. Jänner 2019
Täglich von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr
Führungen mit Führungskarte (4 €) täglich um 11, 12, 13, 14, 15, 16 Uhr, Donnerstag auch 19 Uhr

 

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