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WIEN / KHM / FALSCHE TATSACHEN – Privilegium Maius

15.10.2018 | Ausstellungen, KRITIKEN

WIEN / KHM / Kunstkammer
FALSCHE TATSACHEN
Das Privilegium Maius und seine Geschichte
Vom 16. Oktober 2018 bis zum 20. Jänner 2019

Diese Fälscher waren Meister

Es ist eine alte Erkenntnis der Museumspraxis, dass man „Flachware“, sprich: Dokumente, nicht gerne ausstellt. Angeblich geben sie nicht viel her. Glücklicherweise hat sich das Kunsthistorische Museum diesmal nicht daran gehalten und zwei Zimmer ihrer Kunstkammer für eine Ausstellung besonderer Art frei gemacht: „Falsche Tatsachen“ nennt man die Präsentation zur Problematik des „Privilegium Maius“, das hier wirklich in seiner Geschichte gezeigt werden kann. Alle fünf Urkunden stehen zur Verfügung, flankiert von aussagekräftigem Material zum Thema. Ein wichtiges Stück österreichischer Geschichte.

Von Renate Wagner

 

Die Protagonisten: Rudolf IV.     Im Vorraum hängen sie einander gegenüber, die Kontrahenten aus dem Hause Habsburg und dem Hause Luxemburg. Links der Habsburger Herzog Rudolf IV. (1339-1365), der nur 26 Jahre (!) alt wurde und sich dennoch den Namen „der Stifter“ mehr als verdient hat. Nicht nur die Gründung der Wiener Universität, die bis heute Alma Mater Rudolphina heißt, geht auf ihn zurück, er ließ den Stephansdom ausbauen, er erwarb Tirol – und er versuchte, die Stellung des Hauses Habsburg entscheidend zu verbessern, indem er das „Privilegium Minus“, das die österreichischen Lande auf einen Entscheid von Friedrich Barbarossa einst 1156 von Bayern abtrennte und selbständig machte, zerstören und durch ein gefälschtes „Privilegium Maius“ ersetzen ließ. Rudolf ist hier auf jenem berühmten Gemälde aus dem Dommuseum vertreten, das man kennt. Im Hauptraum hat das KHM etwas Besonderes aufzuweisen: Eine 130 cm hohe Kalksteinstatue von Rudolf mit Krone und dem Kirchenmodell im Arm, das man von Singertor des Stephansdoms „entlehnen“ konnte – mit dem Hinweis, dass die Plastik dort so hoch angebracht ist, dass man sie ohnedies nicht gut sehen kann. Ein echter Fortschritt für Interessenten, die dem kostbaren Stück hier wirklich nahe kommen können.

Kaiser Karl IV.   Vis a vis der große Kontrahent, wenngleich Rudolfs Schwiegervater: Der Luxemburger Karl I V. (1316-1378), seit 1355 römisch-deutscher Kaiser, hatte in der „Goldenen Bulle“ (die in ihrem „böhmischen Exemplar“ aus dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv in der Ausstellung zu sehen ist) die sieben Kurfürsten bestellt, jene Männer, die jeweils den Kaiser wählen sollten und damit zur Creme de la Creme des Reiches gehörten. Die Habsburger waren nicht unter ihnen, obwohl Rudolf 1353 Karls Tochter Katharina (1342–1395) geheiratet hatte. Dem Kaiser ging es wohl darum, dieses ehrgeizige Geschlecht nicht hochkommen zu lassen – Rudolf war fest entschlossen, hier zurückzuschlagen. Karl IV. wird in einem Porträt Rudolf gegenüber gestellt, Reichsapfel und Szepter waren bei ihm. Wie man weiß, sollte dies dann seit Kaiser Friedrich III. mit wenigen Ausnahmen bis zum Ende des Heiligen Römischen Reichs in den Händen der Habsburger bleiben…

 

Aus Klein mach Groß   Man muss sagen, dass das Mittelalter – wie unsere Zeit – eine hohe Epoche der Fälschungen war, dass Rudolfs Vorgehen also keinen ungewöhnlichen „kriminellen Akt“ darstellte, sondern von allen Beteiligten wohl als Politik betrachtet wurde. Aus dem „Kleinen Freiheitsbrief“ von einst einen großen zu machen, lag als Idee vielleicht sogar in der Luft. Die heutige Wissenschaft bestätigt, dass Rudolfs Fälscher geradezu Meister waren, als sie das Privilegium Minus akkurat abschrieben (und das Original vorsichtigerweise vernichteten – man kennt es nur aus Abschriften) und perfekt, in den Übergängen nicht zu erkennen, neue Sonderrechte für Habsburg hinzufügten, die sie rangmäßig den Kurfürsten gleich stellten und die Erzherzöge von Österreich (unter ihrem Erzherzogshut als Krone) quasi in den Hochadel des Reiches katapultierten. Zum neuen, falschen „Original“ verfasste man noch flankierende Dokumente, die die Behauptungen des „Maius“ unterstützen sollten…

Schon Julius Caesar…. In einem dieser Dokumente ging man so weit zu bestätigen, dass schon Julius Caesar und Nero den österreichischen Ländern besondere Privilegien zugestanden hätten. Das kam dem Kaiser, dem alles vorgelegt werden musste, dann doch zu seltsam vor. Er befragte Francesco Petrarca, berühmter Humanist, Dichter, Historiker, der die Dokumente mühelos als Fälschung entlarvte und es dem Kaiser ermöglichte, die Ratifizierung des Privilegium Maius abzulehnen. Da Rudolf wenig später starb, geriet die Angelegenheit in den Hintergrund. Doch als der Habsburger Friedrich (Rudolf blieb kinderlos, Friedrich war der Enkel seines Bruders Leopold) als Friedrich III. Kaiser wurde, zeigte sich, was Kaiser können und welche Fakes sich lohnen: Er bestätigte das Privilegium Maius, die Habsburger waren für alle Zeit in ihren Ländern „Erzherzöge“, erst nach Auflösung des Heiligen Römischen Reichs gab es den österreichischen Kaisertitel. Davor hatten die Habsburger ihn nicht nötig – als römisch-deutsche Kaiser überragten sie alle Fürsten. Wie Rudolf IV. es sich einmal erträumt haben mag… Seine Fälschung hatte auf Zeit ihren Zweck erfüllt.

Die Ausstellung     Die Ausstellung zeigt die Originale, die von KHM und Haus-, Hof- und Staatsarchiv (Österreichisches Staatsarchiv) im Rahmen eines Forschungsprojekts mit aller Sorgfalt neu untersucht wurden – mit „sanften“ naturwissenschaftlichen Mitteln, die am Ende nur eines beweisen konnten: Wie meisterlich in den Werkstätten von Rudolf IV., den man nach wie vor den „Stifter“ und nicht den „Fälscher“ nennen will – gefälscht wurde. Man kann die Dokumente, geschmückt mit prachtvollen Siegeln, teilweise auch mit Ornamenten verziert, nicht lesen: Aber man weiß, dass man ein wesentliches Stück österreichischer Geschichte vor sich hat (und außerdem gibt es Transkriptionen…).

KHM / Kunstkammer:
FALSCHE TATSACHEN
Das Privilegium Maius und seine Geschichte
Bis zum 20. Jänner 2019
Täglich 10 bis 18 Uhr, Do bis 21 Uhr

 

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