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WIEN / KHM: FÄDEN DER MACHT

14.07.2015 | Ausstellungen, KRITIKEN

Ausstell Fäden der Macht, Plakat am Tor~1 Foto: Wagner

WIEN / Kunsthistorisches Museum:
FÄDEN DER MACHT
Tapisserien des 16. Jahrhunderts aus dem Kunsthistorischen Museum
Vom 14. Juli 2015  bis zum 20. September 2014 

Mehr als nur
bunter Hintergrund

Erst einmal sollte man sie nicht verwechseln: Tapisserien sind jene großen bis riesengroßen Wandgehänge (haben sie nur einen Umfang von etwa 2 Metern, nennen die Kuratoren sie gleich „Briefmarken“), die im 16. Jahrhundert in Flandern, vordringlich in Brüssel hergestellt wurden, wo sich die anerkannteste Manufaktur befand. Jene Wandgehänge, die man als Gobelins bezeichnet, stammen ein Jahrhundert später aus den französischen Werkstätten. Da diese Tapisserien vor allem für die Habsburger eine besondere Rolle gespielt haben, sind sie im Laufe der Geschichte in dem Besitz der Republik und solcherart des Kunsthistorischen Museums übergegangen. Das KHM hat nun aus seinen Besitztümern eine bemerkenswerte Ausstellung zusammen getragen.

Von Renate Wagner

 Thronbaldachin x~1   Fortitudo aus den 7 Tugenden~1
Thronbaldachin  /  Fortitudo, Tapisserie aus der Serie „Die sieben Tugenden“

Der reiche Schatz des Hauses     Mit rund 750 Tapisserien, deren größte bis zu acht und mehr Metern breit sind, ist das Wiener Kunsthistorische Museum (nach Madrid) das diesbezüglich „reichste“ Haus der Welt. Das hat, neben den Habsburgischen Beständen, auch damit zu tun, dass Franz Stephan von Lothringen zu seiner Hochzeit mit Maria Theresia auch viele Tapisserien seiner ebenfalls diesbezüglich reich bestückten Familie nach Wien gebracht hat. Wie sehr Tapisserien „dazu gehörten“, zeigt etwa ein Gemälde von der Aufbahrung von Herzog Karl III. von Lothringen, an dessen Wänden Tapisserien hängen, die man heute noch in Wien besitzt. Die Kostbarkeit der Werke beruht auf vielen Elementen: der künstlerischen Hochleistung sowohl im Entwurf wie in der Ausführung, der mühevollen, teuren Herstellung, dem historischen Wert, den sie verkörpern.

Karls Wappen~1
Tapisserie mit dem Wappen Kaiser Karls V.

Rund um Karl V.    Das 16. Jahrhundert war im großen und ganzen für Habsburg das Zeitalter von Karl V., und gerade für ihn waren diese Tapisserien besonders wichtig: Ein „vazierender“ Kaiser, der keine feste Residenz hatte, konnte diese Tapisserien – ungeachtet ihrer Größe waren sie geeignet, gerollt transportiert zu werden – mit sich führen, und sein Hofstaat konnte in kürzester Zeit jeden Saal, in dem Karl V. repräsentierte, auf das reichste und eleganteste ausschmücken. Ein Kaiser musste auch zeigen, was er hatte und sich leisten konnte (auch wenn er es, ohne seine Geldgeber, nicht gekonnt hätte…) – eingewebte Goldfäden machten die guten Stücke noch teurer. Sie demonstrierten etwas: die  „Macht und Magnifizenz“ der Herrscherpersönlichkeit, wie Kuratorin Katja Schmitz-von Ledebur es so richtig ausdrückte. Hier ging es um weit mehr als nur um einen „farbigen Hintergrund“, auch wenn in unseren Augen das dekorative Element von enormer Wirkung ist.

Karl V Tunis~1
Ein erfolgloser Ausfall der Türken aus La Goleta

Politik mit Tapisserien     Als Karl V. im Krieg gegen das Osmanische Reich 1535 seinen Feldzug nach Tunis unternahm (natürlich in der Hoffnung auf ein siegreiches Ende), begleitete ihn auch die Maler Jan Cornelisz Vermeyen und Cornelius Antonisz. Tatsächlich waren sie in einer Zeit, die nicht von Medien erstickt wurde, die „Kriegsberichterstatter“, nur dass die zwölf monumentalen Tapisserien, die dann allerdings erst 1546 in Auftrag gegeben wurden, Kunstwerke für die Ewigkeit sind. Das KHM zeigt derzeit in einer anderen Sonderausstellung die „Kartons“ (also die originalgroßen gezeichneten und gemalten Vorlagen) zu diesen Werken, die Ausstellung „Fäden der Macht“ bringt als Höhepunkt „Ein erfolgloser Ausfall der Türken aus La Goleta“ (5,2 mal 8,5 Meter groß!) aus dieser Serie auf die Wände des KHM. Ebenso eine politische Demonstration war es, wenn 1540 eine (wenn auch mit knapp 2 mal 2,75 Metern verhältnismäßig „kleine“) Tapisserie mit den Wappen von Karl V. hergestellt wurde, der Doppeladler eingebettet in ein hoch kompliziertes florales Muster.

Herkules und die Hydra~1
Herkules schlägt mit der Keule die Köpfe der lernäischen Hydra ab

Bibel, Geschichte, Mythologie     Die sorgfältige Auswahl von Kuratorin  Katja Schmitz-von Ledebur gibt Einblick in den thematischen Reichtum der Tapisserie, die im 16. Jahrhundert noch höher gehandelt wurden als Gemälde. Von ungeheurer Dynamik ist etwa „Herkules schlägt mit der Keule die Köpfe der lernäischen Hydra ab“ aus der Serie „Die Taten des Herkules“ (ca 4,2 mal 5,5 Meter) – einen der Köpfe der Hydra hat man zum Signet für Ausstellungsplakat und Katalog gewählt. Serien waren überhaupt beliebt, aus der Bibel „Szenen aus dem Leben des Apostels Paulus“ („Apostel Paulus vor König Agrippa“), aus der Literatur wie den Metamorphosen des Ovid („Vertumnus naht Pomona als Winzer“), „Die zwölf Monate“ („Merkur mit dem Zeichen des Krebses“), „Die sieben Tugenden“ (die würdevolle „Fortitudo“), „Die sieben Todsünden“ („Die Trägheit“) – die Beispiele sind zahlreich, die Spannweite interessant. Nie ging es nur ums Dekorative, stets haben die Meister, die das Werk entwarfen, an sich wie „Darsteller“ agiert. Etwas Besonderes ist der „Thronbaldachin“, der zeigt, wie schnell man „Kaiserliches“ aufbauen konnte, wenn man über die richtigen Tapisserien verfügte.

Moderne Kommentare     Wenige Häuser wagen es heutzutage, Historisches auszustellen, ohne Bezüge zur Gegenwart herzustellen. Drei moderne Arbeiten sind allerdings nicht direkt mit den alten Stücken, sondern in Vor- und Nebenräumen zu sehen: Nives Widauer nahm ein Stück  Tapisserie und projizierte darauf. Margret Eichers Werke wirken auf den ersten Blick „alt“, erweisen sich aber bei genauem Hinsehen als Überarbeitungen und Überschreibungen.

Diptychon Margarete x~1
Diptychon mit Margarete von Österreich in Anbetung der Madonna mit Kind

Und noch Margarete….     Das KHM pflegt seit einiger Zeit bereits die Partnerschaft „Flandern zu Gast“: Zweimal schon haben flandrische Museen (bisher aus Brügge und Mechelen) längerfristige Leihgaben nach Wien geschickt. Nun ist in der Kunstkammer, aus dem  Museum Voor Schone Kunsten in Gent kommend, das „Diptychon mit Margarete von Österreich in Anbetung der Madonna mit Kind“ zu sehen, kleinformatig, aber von hoher Aussagekraft, nicht nur über die damals, um 1500, übliche pietistische Frömmigkeit. Auf dem linken Flügel des winzigen Altars erblickt man die Madonna mit Kind auf einem Thron, Engeln fliegen über ihr, rechts kniet Margarete in kostbarem Gewand auf einem Betschemel. Diese Margarete (1480-1530) war auch im Zusammenhang mit den Tapisserien wichtig, hielt sie doch in ihrer Eigenschaf als Statthalterin der habsburgischen Niederlande in Mechelen einen wahren Musenhof, wo Erasmus von Rotterdam aus und ein ging und sie nicht nur die Musik, sondern auch die Kunst pflegte, Kunst sammelte und zweifellos selbst Tapisserien in Auftrag gab. Als Tochter von Kaiser Maximilian I. war sie die Tante des Erzhzerogs Karl, des späteren Karl V., und als dieser 1506 sechsjährig quasi beide Eltern verlor (nach dem Tod von Philipp dem Schönen, Margaretes Bruder, wurde dessen Gattin, Johanna „wahnsinnig“), war sie es, die den jungen Karl erzog. (Niederländisch war angeblich von den vielen Sprachen seines Reichs jene, die er am besten beherrschte…)

Achtung, nur kurz zu sehen!      Nur etwas über zwei Monate lang werden die Tapisserien ausgestellt – in leicht abgedunkelten Räumlichkeiten. Es geht darum, dise heiklen Textilien auch für die Nachwelt zu erhalten. Damit man bei den Riesenwerken auch Details ansehen kann, die viele Meter in der Höhe schweben, bietet das KHM hier Ferngläser an. Die nachhaltigste Betrachtung allerdings vermittelt der außerordentliche, im Eigenverlag des Museums erschienene Katalog (in aufwendigem Schuber): Hier findet man nicht nur jeweils (in ausklappbaren Seiten) das ganze Werk abgebildet, sondern auch viele Details – Gesichter, Ornamente, Szenen -, die in ihrem Reichtum und ihrer Kunstfertigkeit schlechtweg faszinierend sind.

Alle Fotos mit Ausnahme des ersten © KHM-Museumsverband

 FÄDEN DER MACHT
14. Juli 2015 bis 20. September 2015
Kunsthistorisches Museum Wien   Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien
Öffnungszeiten
Juni bis August täglich 10 – 18 Uhr Do bis 21 Uhr
September bis Mai Di – So, 10 – 18 Uhr Do, 10 – 21 Uhr

 

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