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WIEN / Kammerspiele: THE PARISIAN WOMAN

02.10.2021 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Theater in der Josefstadt

WIEN / Kammerspiele der Josefstadt:
THE PARISIAN WOMAN von Beau Willimon
Deutschsprachige Erstaufführung
Premiere: 2. Oktober 2021
Besucht wurde die erste Voraufführung am 21. Juni 2021

Mit „House of Cards“ kann man immer werben. Sex and Crime in Politics, das war eine brisant-giftige Mischung für die Bezahl-Sender. Wenn nun ein Autor, der unter den Ideenträgern dieser Serie fungierte, ein Theaterstück „zum Thema“ schreibt, sollte nichts schiefgehen. Kann aber doch. Und ist passiert.

Die Josefstadt spielt „The Parisian Woman“ (warum der englische Titel? Ein bisschen affektiert) von Beau Willimon als Deutschsprachige Erstaufführung in den Kammerspielen. Das Stück hat nach der Uraufführung 2013 keine sonderliche Karriere gemacht, selbst die Besetzung der weiblichen Hauptolle  mit Filmstar Uma Thurman hielt es 2017 weniger als ein halbes Jahr am Broadway. Und das hat gute Gründe.

Denn wenn da in Washington politische Intrigen gesponnen werden, zieht sich das die längste Zeit wie Strudelteig und bietet nur langweiliges Geschwafel. Bei einer Spieldauer von eineinhalb Stunden braucht es mehr als eine Stunde, bis im „dramatischen“ Sinn etwas „passiert“. Die Pointe ist lau, aber man will sie nicht verraten. Dass zu manipulativem Sex auch noch Erpressung dazu kommt, um jemandem ein Amt zu verschaffen, wen wundert’s?

Es fängt scheinbar so unbeschwert boulevardesk an (das alles spielt in einem ebenso eleganten wie praktischen Bühnenbild von Walter Vogelweider, das durch eine Schiebetür in der Mitte geteilt wird und folglich schnell verwandelt werden kann). Man ist bei den Reichen und Schönen, und wenn ein Mann einer attraktiven Frau eine Eifersuchtsszene macht, denkt man an Ehekalamitäten – aber nein, Pointe, da kommt ihr Angetrauter, es ist der Liebhaber, der so lästig ist.

Sie alle leben rund um das Zentrum der Macht, im Mittelpunkt steht Chloe, die einstige „Pariserin“, die in der Jugend dort das Leben genoß, bevor sie zur Gattin eines reichen Mannes und Society-Pflanze wurde. Sie will ihren Teil dazu beitragen, ihren Ehemann (einen hoch bezahlten Steueranwalt) in die Position des Obersten Richters zu hieven, und Liebhaber Peter, ein Berater des Präsidenten, soll dabei helfen. Gleichzeitig – Frauenpower, Gemauschel unter sich – wird die Dame angespitzt, die ebenso in Präsidentennähe agiert.

Dieser Präsident ist, es wird auch ausgesprochen, Donald Trump und ein mieser Kerl, für den man eigentlich nicht arbeiten sollte, aber wer lässt sich schon einen Polit-Job entgehen? Und wer tut nicht alles, alles, alles, um ihn zu bekommen?

Und – ist es nicht überall so? Folglich wird man das Gefühl nicht los, das Stück steht auch auf den Spielplan, weil es wieder einmal die Gelegenheit gibt, dem höchsten Mann im Staate entgegen zu schreien, er solle die Politik sauber halten und sich anständig verhalten. Dann ist, wie bei solchen Predigten in der Föttinger-Josefstadt immer, wieder einmal die gegenwärtige Regierung gemeint, denn es ist ja so tapfer, gegen diese los zu gehen, wenn man absolut nichts zu befürchten hat. In anderen Ländern, nicht allzu fern, käme da möglicherweise die Polizei und löste die Vorstellung auf… „Wenn ich der Bei von Tunis wäre,. Schlüg ich bei so zweideut’gem Vorfall, Lärm“, heißt es schon bei Kleist.

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Regisseur Michael Gampe bekam die Luxusbesetzung, die „die kenn ich aus dem Fernsehen“ Maria Köstlinger („Hat die nicht im ‚Tatort’ genau so eine Hexe gespielt?“) und den Chef des Hauses persönlich. Die Köstlinger muss alle Register der hintergründigen, rücksichtslosen Intrigantin ziehen, die verlogen auf der Gefühlsskala spielt. So etwas nennt man eine Bombenrolle, eigentlich ist es nur das Bedienen des Klischees. Gar zu viel hat Herbert Föttinger als ihr ehrgeiziger Gatte Tom nicht zu tun, wenn er plötzlich einen moralischen Koller bekommt, kann man ihm das glauben oder nicht. Eine seltsame Figur ist der masochistische Liebhaber Peter, den Michael Dangl versucht, unter statuarischer Haltung möglichst schillernd zu machen. Als junge Karrierefrau mit dem möglicherweise echtestem Gefühl geht Katharina Klar burschikos über die Bühne, und Susa Meyer liefert die wohl beste Leistung des Abends: Sie hat sich die typischen Washington-Politikerinnen gut angeschaut, man kann sich vorstellen, dass sie genau so elegant intrigieren, so vorsichtig bröckchenweise Information fallen lassen – und vielleicht auch mal die Nerven verlieren, wenn’s ans Eingemachte geht.

Dennoch, spannend ist das Ganze, so kurz es ist, keinen Moment, lang oft tut man sich schwer, bei dem endlosen Herumgelabere überhaupt bei der Stange zu bleiben. Polit-Boulevard mit Pfeffer und Galle? Schön wär’s,

Renate Wagner

 

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