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WIEN / Kammerspiele: SOPHIA ODER DAS ENDE DER HUMANISTEN

KI auf zwei Beinen

27.02.2026 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Theater in der Josefstadt

WIEN / Kammerspiele der Josefstadt:
SOPHIA ODER DAS ENDE DER HUMANISTEN von Moritz Rinke
Uraufführung
Premiere:  26. Februar 2026.
besucht wurde die Generalprobe 

KI auf zwei Beinen

Humanoide? Kennen wir! Die gibt es seit ewigen Zeiten im Kino. Die Roboter, die man von Echtmenschen nicht mehr unterscheiden kann. Sie sind bloß die besseren (oder schlechteren?) Menschen. 2021 gab es den hervorragenden Film von Maria Schrader, „Ich bin dein Mensch“. Da bekam die Heldin einen Herren ins Haus geliefert, der so höflich, freundlich, gut erzogen war, dass er gar nicht wahr sein konnte. Ja, im wahren Leben nicht – aber wenn der attraktive Mann richtig programmiert wird… Und da steht die Frau am Ende vor der Frage, ob sie diesen „Roboter“, der ihr so ans Herz gewachsen ist, abschalten will… denn er ist doch ein Mensch, oder?

Die Kehrseite hat der herrlich böse Film „Companion“ im Jahr 2025 gezeigt. Da muss die schöne Iris sich von ihrem Freund Josh sagen lassen, dass sie eigentlich kein Mensch ist, sondern von ihm als Begleiterin gekauft wurde, und dass er ihrer jetzt müde ist. Wie sich die Dame, die ihre eigenen Einstellungen optimieren kann, hier rächt, das gibt einen Krimi – aber was, wenn man die Humanoiden vielleicht tatsächlich nicht mehr abschalten kann?

Also, wir kennen das Thema, das der deutsche Autor Moritz Rinke jetzt auf die Bühne bringt – ohne neue Aspekte, aber interessant genug für ein Theaterpublikum, dem diese Problematik vielleicht noch nicht untergekommen ist. „SOPHIA oder Das Ende der Humanisten“, in den Josefstädter Kammerspielen uraufgeführt, geht das Thema humoristisch bis boulevardesk an, macht aber dennoch betroffen.

Dabei ist die Ausgangssituation lustig: Helena und ihr Freund Jonas kommen zum 60. Geburtstag ihres Vaters Wolfgang, der sich von seiner Ehefrau getrennt hat, die nicht mehr bereit war, endlos über  humanistische  und philosophische Themen rund um Theodor Mommsen zu diskutieren. Die neue Freundin, die man nun kennen lernen soll, ist, wie Papa Professor  schwärmt, in all seinen Fachgebieten  total beschlagen und bereit, grenzenlos auf ihn einzugehen…

Doch als Sophia erscheint, so adrett, so übertrieben freundlich, so fast unerträglich reizend, ist innerhal kürzester Zeit klar: Die ist nicht echt. Und das wird auch bald zugegeben – sie ist ein sehr teures Humanoiden-Modell, an dem Wolfgang nur vermißt, dass der sexuelle Teil der Beziehung offenbar nicht richtig eingestellt worden ist. Welch ein Glück, dass Jonas Computerfachmann ist. Welch ein Pech, wenn er sich beim Umprogrammieren vergreift…

Bis zur Pause gibt das Stück, bei aller Komik, zu denken. Danach wirbelt es so wild herum, dass man nicht mehr weiß, was der Autor eigentlich noch sagen will, da machen die Pointen kaum noch Sinn. Kurz gesagt, es ist Rinke nichts mehr zum Thema eingefallen, es muss nur hudriwudri erledigt werden. Und so erlebt man am Ende, wie Marcel Reich-Ranicki Bert Brecht so gern zitiert hat, den Vorhang zu und alle Fragen offen…

Aber diese Fragen sind zu stellen, und zwar nicht irgendwann, sondern vermutlich sehr bald. Die Humanoide stehen vor der Tür, und man wird sich damit auseinander setzen müssen. So lustig wie auf dem Theater wird es wahrscheinlich nicht werden…

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Regisseurin Amélie Niermeyer, die an der Josefstadt Entsetzliches zu Tschechow verbrochen hat, erkannte in diesem Fall, dass man ein solches Stück  relativ klar auf die Bühne bringen muss. Das geschieht pointenreich und zufriedenstellend und lebt von der exzellenten Besetzung. Joseph Lorenz als anfangs so begeisterter, nach und nach an seiner Sophia verzweifelnder Intellektueller, hat mehr zu geben als Alma Hasun als erst widerstrebende, dann von Sophia gewonnene Tochter und Nils Arztmann als der von der Technik des Humanoiden-Geschöpfs faszinierter Informatiker, der dabei eigentlich in die analoge Welt zurück will!

Aber natürlich schießt Silvia Meisterle als Kunstfrau, die sich ganz unerwartet entwickelt, den Vogel ab – anfangs köstlich in der spürbaren Unechtheit, am Ende von Wolfgang als „KI auf zwei Beinen“ regelrecht gehasst, ist sie die Verkörperung des Problems, um das es geht.

Hier auf dem Theater darf man noch lachen. Warten wir ab, ob uns das Lachen nicht vergeht…

Renate Wagner

 

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