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WIEN / Kammerspiele – ORF III: DIE DREIGROSCHENOPER

26.04.2021 | KRITIKEN, Theater

die dreigroschenoper szene
Fotos: Theater in der Josefstadt

WIEN / Kammerspiele der Josefstadt:
DIE DREIGROSCHENOPER von Bertolt Brecht / Kurt Weill
Premiere im TV, ORF III, 25. April 2921

Die Verzweiflung in der Theaterwelt ist groß, nicht nur die Staatsoper stellt ihre Premieren ins Fernsehen, das Volkstheater tat es schon, nun zog die Josefstadt nach. Nicht gerade mit einer Novität – „Die Dreigroschenoper“, Brecht / Weills immer wirkungsvoller Klassiker aus der Unterwelt, wurde in Wien immer wieder gespielt. Zuletzt 2016 mit Tobias Moretti, Angelika Kirchschlager und Anne Sophie von Otter im Theater an der Wien. Den Darstellern, die nun in den Wiener Kammerspielen zusammen kommen, ist das Werk auch schon begegnet, sie haben nur (as time goes by…) die Rollen gewechselt. Herbert Föttinger, 2004 in der Josefstadt in der Regie von Hans Gratzer noch Mackie Messer, ist nun zum Jeremiah Peachum gereift. Susa Meyer und Maria Bill, 2011 in Schottenbergs Volkstheater die Mrs. Peachum und die Jenny, haben nun, in den Josefstädter Kammerspielen, die Rollen getauscht. An tiefsten ist der Fall von Marcello de Nardo: Vor zehn Jahren im Volkstheater noch Mackie Messer, ist er (auch noch zum Erschrecken weißhaarig geworden) zu Hochwürden Kimball abgerutscht… Was beweist: Weder Schauspieler noch Publikum entkommen auf die Dauer der „Dreigroschenoper“.

Nun muss sich jeder Regisseur wirklich etwas einfallen lassen, damit man über das alte Stück, aus dem nichts Neues mehr herauszuholen ist, wieder spricht. Für die Josefstädter Kammerspiele ging das bekannte Team Torsten Fischer und Herbert Schäfer (der mit Vasilis Triantafillopoulos für die bescheidene Ausstattung sorgt und selbst noch die Dramaturgie übernimmt) ans Werk. Es ist aus der Mode gekommen, für diese Show bunte, realistische Bettler / Nutten / Gefängnis-Kulinarik zu bieten. Hier ist von Anfang an düster-skelettierte Abstraktion auf einer Bühne der schrägen Ebenen angesagt. Kein Musical (was auch nie gemeint war), sondern eine echte Moritat. Immerhin sagt ja Bettlerkönig Peachum gleich zu Beginn, dass etwas Neues geschehen muss. Man probiert’s.

die dreigroschenoper ehepaarpbeachum
Herbert Föttinger, Maria Bill

Dass die Musik von Kurt Weill hier (Christian Frank leitet eine kleine Band) meist misstönend erklingt, ist ebenso Konzept wie ein demonstrativ-ausgestellter Spielstil, den Herbert Föttinger als zynischer Peachum (dem man zusätzliche Kilos umgeschnallt hat) und die grandiose Maria Bill als seine Gattin, die so phantastisch singt, am besten exekutieren. Im übrigen siegt die Lady nach Punkten: Wann immer sie auftritt, beherrscht sie die Szene.

Dafür ist die eigentliche Hauptfigur eine Enttäuschung, denn der Mackie Messer passt keinen Zoll zur Persönlichkeit von Claudius von Stolzmann, der sich hier clownesk gerieren muss. Dieser „Held“ der anderen Art hat nicht genügend Kontur für den coolen halbseidenen Gentleman des Brecht’schen Originals, der in der Polly von Swintha Gersthofer eine entsetzlich schrille Gattin bekommt (es ist auch bei Weill kein Fehler, wenn man singen kann…). Polizeichef Brown, von Mackie mit innigen Kuß begrüßt, ist bei Dominic Oley glatter und eleganter als üblich und seinem Freund in eindeutig schwuler Liebe verbunden. Nicht wirklich differenziert sich die Bande rund um Macheath, weil die Hochzeitsszene inszenatorisch nicht wirklich gelungen ist.

Die Hurenschar ist auf die Jenny der Susa Meyer reduziert, gegen deren machtvolle Erscheinung Mackie fast mikrig wirkt. Ihren großen Song muss sie nicht als souveräne Nutte, sondern eher wie eine leidende Heilige darbieten (die zelebrierte Tragik wirkt nicht nur retardierend, sondern auch larmoyant, was nicht hierher passt). Die schulmädchenartige, hysterisch-kämpferische Lucy heißt im wirklichen Leben Paula Nocker und ist folglich die Tochter von Maria Happel, wenn man nicht irrt (und hat wohl von der Mama Gesangsunterricht bekommen): ein überzeugendes Debut.

Am Ende, das dann doch zu ausgewalzt wirkt, erscheint eine Dame in Rosa, die wohl an die Queen erinnern soll, und vielleicht hat sie den reitenden Boten ausgeschickt, der für ein Happyend sorgt, das diese schräge Geschichte auch nicht unbedingt unterhaltender macht.

Die „Dreigroschenoper“ hat ihre – wenn auch vor allem historischen – Meriten, am überzeugendsten in dem Brecht / Weill’schen Zynismus, der vielfach heute noch ins Schwarze trifft. Die Kapitalismus-Satire allerdings greift seit den hundert Jahren, die das Stück bald auf dem Buckel hat, nicht mehr wirklich. Und ehrlich – eine Geschichte, die bereits so abgegriffen ist, interessiert letztendlich nur noch geringfügig und offenbart immer wieder ihre Längen, auch wenn sie in sich gut gemacht ist.

Renate Wagner

 

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