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WIEN / Kammerspiele: MORD IM ORIENTEXPRESS

22.11.2019 | KRITIKEN, Theater


Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Kammerspiele der Josefstadt:
MORD IM ORIENTEXPRESS von Ken Ludwig nach Agatha Christie
Deutschsprachige Erstaufführung
Premiere: 21. November 2019

„Mord im Orientexpress“ ist jener Agatha-Christie-Krimi mit dem (neben „Tod auf dem Nil“) vielleicht höchsten Filmruhm. Immerhin wurde Richard Widmark 1974 von Ingrid Bergman, Sean Connery, Vanessa Redgrave, Lauren Bacall, Jacqueline Bisset, Anthony Perkins, John Gielgud, Wendy Hiller und noch ein paar schauspielerischen Schwergewichten erstochen – das vergisst man nie. Da war man nur mit der Besetzung des Hercule Poirot mit Albert Finney (auch wenn er noch so ein Klasseschauspieler war) nicht ganz zufrieden. Die ideale Besetzung der Rolle für die große Leinwand fand man erst ab 1978 in Peter Ustinov… Nach weniger gelungenen Versionen versuchte es Kenneth Branagh 2017 erneut. Er hatte (trotz Michelle Pfeiffer, Judi Dench, Johnny Depp oder Derek Jacobi) weniger Besetzungsluxus, war aber seinerseits ein Poirot der besonderen Art.


Siegfried Walther als Poirot

Was soll der Filmexkurs? Zweierlei: Man kann voraussetzen, dass viele Leute die Geschichte kennen. Und: Man muss sie ganz besonders besetzen. Wenn man sie aufs Theater bringt, muss man sie außerdem straff bearbeiten und kinomäßig inszenieren (das ist schließlich Unterhaltung par excellence und nichts anderes). Was soll man sagen? Ziemlich gut gelungen in den Josefstädter Kammerspielen.

Das dankt man zuerst Ken Ludwig, der sein feines Händchen für Theaterspaß mit „Othello darf nicht platzen“ und anderen gelungenen Stücken über das Theater bewiesen hat. Er schmolz das Personal auf ein Minimum ein, behielt aber die besten Rollen (Lady Agatha ist ja, wie man weiß, gerne ausgeufert). Er setzt Poirot zu Beginn und Ende quasi als Erzähler ein, konzentriert aber die Handlung – nach einem kurzen Beginn in Istanbul – auf den Orientexpress: Vor dem Zug, im Salonwagen und in drei Luxusabteilen. Einzige Schwäche: Man hat nicht so viel Zeit wie im Kino, an den Charakteren zu feilen. Bis auf die raumgreifende Mrs. Hubbard bleiben sie alle eher flach. Aber da müssen dann Besetzung und Regie einschreiten.

Noch einer hatte an diesem Abend ein “Händchen”: Regisseur Werner Sobotka: Mit Hilfe von Walter Vogelweider und Elisabeth Gressel als geschmackssicheren Ausstattern (nostalgische Eleganz im Salonwagen, chice Zwischenkriegszeit in den charakterisierenden Kostümen), hat er mit dem nötigen Augenzwinkern den Abend so kinomäßig gestaltet wie möglich, mit Eisenbahndampf, Schneegestöber und vorbeiziehender Landschaft, wenn der Zug fährt.

 

 

Es ist ein Abend der (verbliebenen) Damen: Ulli Maier als scheinbare vielfach verheiratete, vollmundige Amerikanerin reißt das Steuer an sich und gibt es nicht mehr ab. Da muss selbst Marianne Nentwich in die zweite Reihe weichen, die ihre Prinzessin Dragomiroff weniger als alten Drachen als vielmehr dauerbesorgt um ihre lästige Begleiterin gestaltet: Therese Lohner spielt, wie es geht, um das unvergeßliche Vorbild von Ingrid Bergman herum und ist auf ihre Art sehr komisch. Michaela Klamminger, die schon in “Der Vorname” auf Anhieb stark auffiel, wiederholt ein Beispiel starker Bühenpräsenz in der Rolle der Gräfin Andrenyi, wenn sie auch nicht ganz so geheimnisvoll ist, wie sie sein könnte (wie gut ihr Ungarisch ist, mögen jene beurteilen, die es können). Da ist für Alexandra Krismer dann nicht mehr ganz so viel Platz in Gefüge geblieben.

Die Herren haben es weniger einfach, sie können leicht in Bedeutungslosigkeit versinken, selbst Johannes Seilern als (an der Mordsache unbeteiligter) Chef des Zuges und Markus Kofler als Schaffner, sicher Martin Niedermair als gänzlich unauffälliger Sekretär des Ermordeten. Diesen stellt Paul Matic (solange er noch lebt…) als überzeugendes Ekelpaket dar. Warum er noch einen Obersten spielen muss, ist wirklich nicht einzusehen: Hat die Josefstadt so wenige Schauspieler? (Dass der Schaffner davor in Istanbul noch kurz der Kellner war, kann man durchgehen lassen.)

Ja, und Hercule Poirot, die “Seele” des Ganzen? Ustinov, aber auch der hinreißende David Suchet in den vielen Fernseh-Abenteuern haben unsere Vorstellung des eitlen, peniblen, klugen und bezaubernden Detektivs – Belgier, bitte! – geprägt, aber diese Figur muss jeder selbst finden. Dass er seinen eigenen Weg geht, beweist Siegfried Walther schon damit, dass er auf abgezirkelte schwarze Haar- und Barttracht verzichtet und eigentlich, bis auf den französisierenden Akzent, ganz er selbst bleibt. Nett, sympathisch, liebenswert. Kein Poirot, den man ins goldene Buch seiner Interpreten einschreiben wird. Aber gut für die Kammerspiele, die nicht zuletzt dank der Inszenierung einen amüsanten Abend zu bieten haben. Das Publikum hat das wohl gerochen – viele Vorstellungen waren schon lange vor der Premiere ausverkauft.

Renate Wagner

 

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