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WIEN / Kammerspiele: MONSIEUR CLAUDE UND SEINE TÖCHTER

09.09.2016 | KRITIKEN, Theater

Kammerspiele Plakat~1

WIEN / Kammerspiele der Josefstadt: 
MONSIEUR CLAUDE UND SEINE TÖCHTER
Nach dem gleichnamigen Film von Philippe de Chauveron und Guy Laurent
Uraufführung der Bühnenfassung von Stefan Zimmermann
Premiere: 8. September 2016,
besucht wurde die Generalprobe 

Es beginnt mit der eben abgeschnipselten Vorhaut des kleinen jüdischen Enkels, die vom Hund gefressen und durch eine Wursthaut ersetzt wird; und es endet mit der Verbrüderung eines möchtegern-stolzen Franzosen und eines echt stolzen Schwarzafrikaners beim Angeln, Suff und Polizisten-Beschimpfen: Das ist das Niveau, auf dem sich schon der französische Film „Monsieur Claude und seine Töchter“ im Jahre 2014 bewegt hat.

Aber er traf offenbar den Nerv der Zeit, erzählt von einer Welt, in der die „monochromen“ Gesellschaften von einem gewaltigen Multi-Kulti-Schub erschüttert werden – ein nicht rückgängig zu machender Vorgang, mit dem zu leben ist. Philippe de Chauveron als Regisseur und Drehbuchautor (unterstützt für die Story von Guy Laurent) haben das ihren Landsleuten mehr als gefällig angerichtet, mit dem Ergebnis, dass mehr als 12 Millionen Franzosen das im Kino sehen wollten. In Österreich waren es fast 400.000 Zuschauer, das ist hierzulande sehr viel.

Und wenn nun – in der weit verbreiteten Tendenz, Filme aufs Theater zu bringt – die Josefstadt in ihren Kammerspielen „Monsieur Claude und seine Töchter“ in der Bühnenfassung von Stefan Zimmermann zur Uraufführung bringt, dann kann sich der Direktor des Hauses direkt einreden, er mache in der Rotenturmstraße „politisches Theater“… und natürlich goldrichtig „korrekt“.

Tatsächlich macht er Kitsch, Verniedlichung, Verlogenheit, woran Regisseur Folke Braband (in einem Nullspiel-Bühnenbild von Tom Presting) auch heftig Anteil hat – wie hübsch, mit Gesang und Tanz vom Prolog bis zum Finale. Da werden erst, hoch folkloristisch in Musik und Tanz, die „Ethno“-Hochzeiten gefeiert – jüdisch, islamisch, chinesisch. Dann findet schon die Beschneidung des einen Enkels statt, und wir können endlich hören, dass Monsieur Claude, der alte Gaullist, davon nicht begeistert ist. Und von den drei so andersartigen Schwiegersöhnen schon gar nicht. Mama hingegen weiß gar nicht, wie sie sich verbiegen soll, um in jedem Detail politisch korrekt zu handeln…

Monsieur Claude_Ensemble
Fotos: Barbara Zeininger

Der Film (ebenso wie das Stück) setzt auf einen Trick: Schau, schau, die Schwiegersöhne sind ja auch rassistisch, Jude, Moslem, Chinese halten im Grunde nicht viel von den jeweils anderen, und das französische Publikum, das (wie es ja auch hierzulande der Fall ist) den Mund halten muss, wenn sie nicht Faschisten genannt werden wollen, durfte sich freuen – nicht nur wir sind Rassisten, die anderen auch! Aber nein, natürlich, niemand ist Rassist (einige meiner besten Freunde sind Juden… so hieß es doch früher?), man meint ja nur.

Was übrigens an die schöne Anekdote über Barbra Streisand erinnert. Da war die ganze arabische Welt empört, als Vorzeige-Araber Omar Sharif in „Funny Girl“ die Jüdin Streisand küsste. Darauf Barbra: „Sie hätten erst hören sollen, was meine Großmutter dazu gesagt hat!“

So viel zu Rassismus. Und es ist ja auch alles nicht „so“ gemeint. Uns wird es zwar nicht vor patriotischer Rührung beuteln, aber in Frankreich ist vielleicht mancher aufgesprungen vor Glück, als Jude, Moslem und Chinese ganz perfekt und mit Leidenschaft die „Marseillaise“ sangen, nicht „Lala“, sondern den richtigen Text. Nein, nein, seht Ihr es nicht, dass man nur lieb zueinander sein muss, und das ganze Multi-Kulti ist absolut kein Problem mehr? Und wir sind ohnedies alle Franzosen (Deutsche, Österreicher…)!

Dann ist da noch die vierte Tochter. Welch ein Scherz – sie kann verkünden, dass sie einen Christen heiratet. Große Erleichterung. Er ist zwar Schauspieler… na ja, es gibt Schlimmeres. Dass er Schwarzafrikaner ist … Monsieur Claude und seine Madame dürfen wieder kräftig durchatmen und gute Miene machen. Dass der Schwiegervater in Abidjan (Elfenbeinküste, tief unten in Afrika) auch nicht glücklich ist, dass der Sohn eine Weiße heiratet – also, wir haben’s ja gesagt. Aber, wie schon erwähnt, beim Fischen, Saufen und Polizisten-Beschimpfen gibt’s die große Harmonie der zwei älteren Herren, die sich anfangs gar nicht grün waren. Nicht vergessen  – die afrikanische Hochzeit am Ende. Wenn da das Publikum angesichts der flotten Rhythmen nicht wie verrückt klatscht, verstehe man auf dem  Theater nichts mehr von Manipulation.

Monsieur  Claude_FelixKama_SiegfriedWalter

Siegfried Walther steht als Monsieur Claude gegen Christian Clavier im Kino, das ist nicht so ganz einfach. Ob Susa Meyer an die Josefstadt gekommen ist, um eine silberhaarige Mama ohne Ecken und Kanten zu spielen? (Im Film gibt es wenigstens herrlich peinliche Szenen, wie sie sich gewaltsam mit der politischen Korrektheit abplagt wie mit einer zu schwierigen Schulaufgabe.)

Drei Töchter – Michaela Kaspar, Silvia Meisterle, Daniela Golpashin – geben sich alle Mühe, haben aber weder Figuren noch Rollen, sind bestenfalls Dekoration. Und Martina Ebm, die in der Josefstadt schon einiges Starke spielen durfte, hat Besseres verdient als die vierte Tochter mit ihrem Afrikaner.

Die Schwiegersöhne: Ljubiša Lupo Grujčić als Moslem, Martin Niedermair als Jude, Vincent Bueno als Chinese, Peter Marton als Schwarzafrikaner, da schaut bei keinem viel heraus. Dafür ziehen Félix Kama und Ida Ouhé-Schmidt als Schwiegereltern von der Elfenbeinküste jeden Schmiere-Jokus ab, den sie sich ungestraft erlauben dürfen. Und Markus Kofler spielt Rabbi, Pfarrer, Kellner, Psychologen und Polizist – ja, mit Perücken und Kostümen geht so was.

Wenn nun ein Teil des stockkonservativen Publikums herzlich gelacht hat und infolgedessen den Abend in dem wohligen Gefühl verlässt, wie großartig liberal man doch ist – ja, das ist dann politisches Theater auf Josefstädtisch.

Renate Wagner

 

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