Fotos: Theater in der Josefstadt
WIEN / Kammerspiele der Josefstadt:
LETZTE RUNDE von Peter Danish
Bernstein und Karajan im Hotel Sacher
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 15. Oktober 2026,
besucht wurde die Generalprobe
Ein Wiener Schmankerl
Ein amerikanisches Zwei-Personen-Stück, das mit zwei weltberühmten Protagonisten aufwartet und weltweit gespielt wird, gehört natürlich vor allem nach Wien. Nicht nur, weil es im Blauen Salon des Hotels Sacher spielt, sondern weil sich die Herren, um die es hier geht, in Wien geradezu hymnischer Anbetung erfreut haben,
Zu Recht natürlich, denn wer war seinerzeit größer, besser und berühmter als Herbert von Karajan und Leonard Bernstein, die auch von einem Hauch von Rivalität umwittert waren? Trotzdem, wer vernünftig war, spielte sie nicht gegen einander aus, sondern liebte und bewunderte beide. Basta.
Und das tat auch Autor Peter Danish in seinem Stück „Last Call“, ein Titel, der mit „Letzte Runde“ gar nicht schlecht übersetzt ist. Denn die Sache spielt im Jahr 1988, als der achtzigjährige Karajan noch ein Jahr, der siebzigjährige Bernstein gerade noch zwei Jahre zu leben hatte. Sie sind in der Realität vor allem aneinander vorbei gegangen, sich nur gelegentlich begegnet (Fotos von beiden gemeinsam sind extrem selten), haben mehr nebeneinander als mit einander in der Musikwelt gelebt. Für eine große Auseinandersetzung, die es nie gegeben hat, wäre da für eine Schlußrunde gerade noch Zeit gewesen. Und Peter Danish hat sich das subtil, sensibel und kenntnisreich ausgedacht.
Er lässt die beiden zwar auf einander los gehen, tut es aber nie brutal, nie wirklich unter der Gürtellinie, auch wenn sich die Thematik politisch auf Jude gegen Ex-Nazi zuspitzt, auch nicht, wenn Karajan sich als Vertreter eines hehren Musikverständnisses über den Musical-Komponisten Bernstein erhebt. Gerade, dass sie sich nicht gegenseitig ihre Fernsehauftritte vorhalten. Nicht immer bleiben sie sanft – Bernstein meint, der Kollege dirigiere gewissermaßen wie ein Metronom, Karajan findet Bernsteins Mahler unerträglich verkitscht, Zweifellos werden hier auch Emotionalität (Bernstein) und Zerebralität (Karajan) gegenüber gestellt.
Doch einmal werden sie auch beide sentimental, wenn im Hintergrund ganz zart die „Lucia di Lammermoor“ erklingt und sie sich beide an die Genialität der Callas erinnern, die sie überwältigt hat – eine unvergleichliche Künstlerin, die nur die Unverschämtheit hatte, immer das letzte Wort haben zu wollen… Das alles ist boulevardesk, aber nicht billig, und läuft eineinhalb Stunden wunderbar logisch und für ein Wiener Publikum zutiefst verständlich ab.
Und natürlich haben wir mehr Glück als die New Yorker Uraufführung am Off Broadway im März 2025 und die Aufführung der Hamburger Kammerspiele, die diese Produktion einfach nach Europa holten. Denn dort wurden die Rollen von zwei Damen gespielt, was heute so üblich ist, dass niemand ein Wort dagegen verlor.
Aber in Wien hat sich Regisseur Guy Ben-Aharon glücklicherweise dafür entschieden, ein liebevolles Wiener Schmankerl aus dem Stück zu machen, die Blaue Bar des Sacher annähernd (und jedenfalls nobel – Bühnenbild: Cristina Todesco) auf die Bühne zu stellen – und zwei Schauspieler dazu zu verpflichten, den Originalen möglichst ähnlich zu sein.

Und so sieht man Karajan mit seiner grauen Haarschmolle, dem locker über die Schulter gehängten Kaschmir-Pullover (Kostüme: Charles Schoonmaker) und dem steifen Gang, den er infolge seines Rückenleidens in seinen letzten Jahren hatte. Und „Lenny“, dauer-rauchend und dauer-saufend, wildes Weißhaar und wilde Aktionen, ganz so stürmisch und temperamentvoll, wie man ihn kannte. Michael Dangl und Günter Franzmeier haben sich die Originale gut angesehen.
Und sie machen auch aus dem Gespräch, der Auseinandersetzung, der Abrechnung der beiden keine Virtuosen-Show (wie Videoaufnahmen der New Yorker Damen naheliegen, ist es dort darauf hinaus gelaufen), sondern dank der Regie eine doch sehr fein abgestimmte Psychologisierung der beiden Persönlichkeiten, wenn sie natürlich auch ihre reichen Pointen nicht liegen lassen, sondern genußvoll, aber gewissermaßen nobel ausspielen.
Da steht der stürmische Franzmeier dem erst ganz zurückhaltenden Dangl gegenüber, bevor auch dieser aus sich herausgeht, „der Gegenstand reißt ihn so hin“, wenn man ihn ewig auf seine Vergangenheit im Dritten Reich anspricht, wo doch niemand, der nicht dabei war, wissen kann, wie es damals war. Und doch – wirklich bitterböse-giftig wird es nie.
Und das ist natürlich sehr klug, denn nirgends sieht man heikler auf das Thema als hier in Wien, wo beide so wichtig waren, wo der ältere Teil des Publikums die beiden ja noch gekannt hat und jede Diffamierung kaum akzeptieren würde.
Der Sacher-Kellner von Alexander Strömer muss zu Beginn nur die absolute Unglaubwürdigkeit überwinden, dass er angeblich beim Eintritt in die Blaue Bar den Herrn mit Partitur in einer Ecke nicht erkennt (!) und erst von Leonard Bernstein darauf hingewiesen werden muss, dass es sich um Herbert von Karajan handelt. (Ein Kellner im Sacher, der Karajan nicht erkennt? Das allein zu denken, ist Blasphemie!) Na ja, es sei verziehen, so schön spielt Strömer die Figur zwischen Diskretion, Devotion und echter Bewunderung bei sensiblem Eingehen auf die Herren…
Und es sei auch der allzu kitschig triefende Schluß verziehen, dass Karajan sich ans Klavier setzt und Bernsteins „Somewhere“ aus der „West Side Story“ spielt, Lenny zurückkehrt und „There’s a Place for Us“ anstimmt – das ist einfach zu dick. Es wäre besser gewesen, die beiden einfach Arm in Arm abgehen zu lassen…
Die Wiener haben Herbert von Karajan und Leonard Bernstein leidenschaftlich geliebt. Sie werden sie auch in den Kammerspielen in Gestalt von Michael Dangl und Günter Franzmeier lieben. Verdientermaßen.
Renate Wagner

