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WIEN / Kammerspiele: HAROLD UND MAUDE

27.01.2017 | KRITIKEN, Theater

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WIEN / Kammerspiele der Josefstadt: 
HAROLD UND MAUDE von Colin Higgins
Premiere: 26. Jänner 2017 

Man kann kaum behaupten, dass „Harold und Maude“ ein besonders gutes Stück ist. Tatsächlich schrieb Autor Colin Higgins (1941 -1988) zuerst das Drehbuch für den Film (1971), der auf Anhieb zuerst wenig Erfolg hatte, den er aber dennoch bald danach in ein Theaterstück und dann auch noch in einen Roman umarbeitete.

Man holt das Stück immer hervor, wenn man „Futter“ für eine sehr alte Schauspielerin braucht – im Original ist Maude 79 (und Harold 19). Wenn die Josefstadt nun in den Kammerspielen „Harold und Maude“ zum 90. Geburtstag von Erni Mangold spielt, dann ist die Dame noch ein bisschen älter geworden. Macht nichts. Es gilt schließlich jemanden zu ehren, der vorbildlich das hohe Alter nicht resigniert im Altersheim, sondern ungebrochen auf der Bühne verbringt…

Das macht den schwarzen Humor von „Harold und Maude“ nicht besser. Gleich zu Beginn hängt der jugendliche Held von der Decke in einem Seil, in der  Folge wird er sich vor dem Publikum erschießen, Harakiri begehen und sich die Hand abhacken. Wer das lustig findet, nur zu – komisch ist höchstens die Ungerührtheit der Mutter, die die Extravaganzen ihres abwegigen Sohnes gar nicht mehr wahrnimmt, während die Dienstmädchen noch die natürlichen Reaktionen zeigen, hier entsetzt aufzukreischen…

Vor allem ist es eine Außenseitergeschichte. Warum Harold so spinnt, wird nie klar, weder der Psychiater noch der Pfarrer noch sonst jemand (also schon gar nicht das Publikum) bekommt es heraus. Maude hingegen ist eine typische Streunerin mit lockerer Moral, die sich auf Friedhöfen herumtreibt und offenbar eine lebhafte Geschichte hinter sich hat, wobei auch die KZ-Vergangenheit sie nicht daran hindert, unbeschwert in den Tag hinein zu leben.

Die beiden, die üblicherweise von ihrer Mitwelt kein Verständnis erhoffen dürfen, finden sich nun – letztendlich sogar als Paar. Wenn Maude nicht den Anstand hätte, ihren runden Geburtstag (ursprünglich der 80., bei der Mangold der 90., und das auch noch am Premierenabend!) als Anlaß zu nehmen, um freiwillig aus dem Leben zu scheiden, würde Harold sie doch glatt heiraten…

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Erni Mangold,  Meo Wulf / Martina Stilp   (Fotos: Barbara Zeininger)

Könnte man hier nicht, wie es die Wiener gerne tun, eine „alte“ Schauspielerin feiern (1998 im Burgtheater Gusti Wolf, 2011 im Volkstheater Elfriede Irrall), man wüsste nicht, was man mit dem Ganzen anfangen sollte. Erni Mangold setzt ihren trockenen Humor ein und ist als fröhlich-ruppige „Alternative“ goldrichtig besetzt. Weniger überzeugt Meo Wulf, junger Mann mit weißen Haaren, als Harold, denn er wirkt nicht wirklich jung, sondern nur langsam, autistisch, beschwert und wie eine alte Seele. Der Schock, den der Film ursprünglich bereitet hatte, als eine Liebesgeschichte aus der Distanz von 60 Lebensjahren angesprochen wird, findet hier absolut nicht statt.

Überhaupt bleibt die Inszenierung von Fabian Alder komplett trocken, sie wird durch ein unglückseliges, mühsam zu verwandelndes Bühnenbild von Hans Kudlich noch langsamer (Kostüme: Erika Navas), und wenn da nicht Martina Stilp als Harolds Mutter wäre, die aus allen Klischees ihrer Rolle wenigstens noch prallen Humor klopft, man wüsste gar nicht, was den Abend vorantreibt.

Oliver Huether und Silvia Meisterle, die alle Herren- und Damenrollen abdecken, sicher nicht, auch nicht Tany Gabriel als unnützer, an sich gar nicht vorgesehener zweiter Polizist (in der Besetzung übrig geblieben, nachdem sein Vater Michael Schottenberg die Regie zurück gelegt hatte, würde man einmal vermuten).

Aber da sich in Wien alles um die Schauspieler dreht… also, Gratulation, Erni Mangold!

Renate Wagner

 

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