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WIEN / Kammerspiele: GEMEINSAM IST ALZHEIMER SCHÖNER

20.09.2020 | KRITIKEN, Theater

WIEN / Kammerspiele der Josefstadt:
GEMEINSAM IST ALZHEIMER SCHÖNER von Peter Turrini
Uraufführung
Premiere: 19. September 2020,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 20. September 2020 nachmittags

Eigentlich hat man gemeint, dass nur „Traumspiele“ es Dramatikern ermöglichen, das, was man im Theater „Dramaturgie“ nennt, erlaubterweise außer Acht zu lassen. Aber Peter Turrini ist noch etwas eingefallen: Alzheimer. Gehirne, die bröckeln und gleiten, mal hier sind und mal dort. Dann kann man das auch so auf die Bühne bringen, sprunghaft, chaotisch, verwirrend – und es als höhere Wahrheit bezeichnen. Eine Paar-Geschichte, denn „Gemeinsam ist Alzheimer schöner“. Uraufgeführt in den Josefstädter Kammerspielen, Lachtheater ist es keines.

Er und sie sind nicht dauernd im Rollstuhl, sie können sich schon noch bewegen, und sie tun es zwischen mobilen Wänden (Bühnenbild Florian Etti), wobei man es wohl symbolisch nehmen soll, wie diese sich bewegen, einmal Raum geben, dann beengen. Jedenfalls leben die beiden in einer recht luxuriösen Seniorenresidenz (wobei am Ende die Frage im Raum steht, ob der Sohn nicht die blühende Firma des Vaters so herunter gewirtschaftet hat, dass er das Appartement nicht mehr bezahlen kann).

Penetrant sind die Stimmen der Heimleitung, die aus dem Lautsprecher kommen und die Insassen belehren – Roman Schmelzer tut es mit aufgedrehter Fröhlichkeit, Michael Dangl mit unübertrefflicher Schnöseligkeit, man möchte beide zum Mond schießen. Aber sie bleiben (ebenso wie der kleine Enkel in einer nicht wirklich nötigen Szene) am Rande.

Es geht um die beiden, um das alte Paar, Helga und Johannes. Er hat sehr erfolgreich eine Firma geleitet, Geld gemacht und Ehrungen gesammelt, sie hat ihr Studium aufgegeben, um sich dem Kind zu widmen. Das ist alles lang her. Wissen sie im Hier und Heute immer, was mit ihnen los ist? Turrini stückelt Szenen zusammen, in wilden Brüchen wird geturtelt oder getobt, so richtig glücklich waren sie in ihren 40 und mehr Ehejahren wohl nicht, aber geliebt dürften sie sich doch haben, auch wenn er seine Frau vermutlich dauernd betrogen hat. Da brüllen sie sich auch schon noch an – in Erinnerung an aufgestauten Grimm. Was nicht heißt, dass sie nicht küssen und walzen. Und ein bißerl Politik der frühen Jahre muss auch noch hinein – Gott, waren wir wild! Alles drin, bunt gemischt, durcheinander. Besondere Leben waren es nicht, der Autor ist ja der Apologet des Durchschnittlichen. Ausgesagt wird nur, wie man alltäglich war und ist und bald zugrunde gehen wird. Aber es ist keine „einfache“ Geschichte – es wäre nicht Turrini, wenn er sie nicht immer wieder überspitzen und überdrehen würde.

Johannes Krisch und Maria Köstlinger   Fotos: Theater in der Josefstadt

Der Mann ist eine Bombenrolle für Johannes Krisch. Ihm gibt Turrini schier grenzenlose Nuancen und damit die Möglichkeiten, unglaublich viele Töne anzuschlagen. Krisch meistert sie alle gleich virtuos, er darf das Handwerk des Schauspielers hinauf und hinunter spielen. Und man glaubt ihm immer.

Weit weniger gelungen ist die Figur der Frau, die dann auch – Regisseur Alexander Kubelka wusste sich diesbezüglich offenbar nicht anders zu helfen – jede Menge unglaubwürdige Aktionen setzen muss. Es wäre nicht Turrini, wenn er nicht seine Unappetitlichkeiten servierte – etwa wenn sich Helga lang und breit über die Genitalien von italienischen Kellnern auslässt und was sie angeblich damit angestellt hat… Das ist nicht viel für eine Rolle, und Maria Köstlinger wird durch eine weiße Perücke vielleicht (wenn die Haare lang herabhängen) hexenhaft, aber nicht wirklich älter. Dass sie sich die Figur nicht anziehen konnte, liegt aber weniger an ihrem Alter als daran, dass dem Autor zu ihr wenig eingefallen ist.

Das Publikum der Kammerspiele, selbst zum großen Teil silberhaarig, wirkte fast betroffen, klatschte aber sehr beeindruckt.

Renate Wagner

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Premiere: 19.09.2020
Kammerspiele der Josefstadt

Peter Turrini
Gemeinsam ist Alzheimer schöner
Uraufführung

Regie   Alexander Kubelka
Bühnenbild   Florian Etti
Kostüme   Elisabeth Strauß
Musikalische Leitung   Patrick K.-H.

Er   Johannes Krisch
Sie   Maria Köstlinger
Der kleine Enkel   Moritz Hammer / Stanislaus Hauer
Stimmen     Roman Schmelzer, Michael Dangl

 

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