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WIEN / Kammerspiele: EINE FRAU

29.03.2019 | KRITIKEN, Theater


Fotos: Josefstadt © studio@prammer.com

WIEN / Kammerspiele der Josefstadt:
EINE FRAU – MARY PAGE MARLOWE
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 28. März 2019
Anfang der 90er Jahre schrieb Edward Albee ein bemerkenswertes Stück: „Three Tall Women“ (damals sogar 1991 in Vienna’s English Theatre uraufgeführt!). Da konfrontierte er eine alte Frau auf ihrem Totenbett (unvergesslich in der Londoner Aufführung: Maggie Smith) mit ihrem „mittleren“ und ihrem „jungen“ Ich – und hält Abrechnung. Mit dem eigenen Leben, mit den verschiedenen Frauen, die man einmal war, mit den Konzessionen, die man gemacht hat. All das auf höchster dichterischer Ebene, ausgezeichnet mit dem Pulitzer Prize for Drama im Jahre 1994.

Warum erinnert man sich daran? Weil auch Dramatiker Tracy Letts (ungeachtet des Namens keine Frau) seine Heldin, Mary Page (die Nachnamen wechseln) in vierfacher, eigentlich fünffacher Gestalt auf die Bühne bringt, wenn man das ein paar Monate alte Baby im Kinderwagen dazu rechnet. Dann ist sie ein Kind, eine Studentin, in ihren mittleren Jahren (die Hauptrolle) und schließlich die alte Frau im Krankenhaus, die sich mit ihrem nahen Ende abfindet. Hinweise auf einer Tafel sagen dem Publikum, in welchem Jahr man sich befindet und wie alt Mary Page gerade ist (sie ist Jahrgang 1946) – das erspart das Rechnen oder gar das Spekulieren, wo man mit der Handlung gerade sei.

Denn diese wird bunt durcheinander gewürfelt. Wenn man Mary Page zuerst begegnet, befindet sie sich in einer schwierigen Phase ihres Lebens – später weiß man, dass es offenbar fast nur schlimme Zeiten für sie gibt. Da muss sie ihren Kindern, dem Schuljungen und dem High-School-Mädchen, erklären, dass sie sich von ihrem Mann getrennt hat und man nun die Schwierigkeiten eines getrennten Familienlebens auf sich nehmen muss. Und dann… ja dann erfährt man (stückerlweise, damit es spannender wird – wird es aber nicht), was dieser armen Mary Page so alles passiert ist im Leben.

Und da hat Tracy Letts (der von dem Ruhm lebt, dass sein Stück „August: Osage County“, wir haben es 2009 auch hoch besetzt im Akademietheater gesehen, mit Meryl Streep und Julia Roberts verfilmt wurde) nun nichts weiter zu bieten als „das tragische Frauenschicksal der Woche“ in irgendeinem bunten Familienblatt.

Die arme Mary Page hat wirklich Pech: Der Vater (Nikolaus Barton) ist offenbar so verstört aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekehrt, dass er zu keiner normalen Beziehung fähig ist, die Mutter (Silvia Meisterle) egoistisch genug, die Tochter wegzuschieben, um ihr eigenes Leben zu führen. Die glücklichsten Jahre hatte Mary Page vielleicht im College (mit ihren Freundinnen Swintha Gersthofer und Gioia Osthoff), und damals gab es auch noch Ambitionen für das künftige Leben: nein, nicht heiraten, in Paris leben… Nichts daraus geworden.

Die junge Mary Page (Johanna Mahaffy) ist verheiratet, ist aber doch dem einen oder anderen Sexabenteuer, etwa mit dem Chef (Roman Schmelzer), nicht abgeneigt. Dann muss sie den Kindern (Lisa-Carolin Nemec als Tochter) die Trennung von Gatten Nr. 1 beibringen. Später erfährt man von der größten Tragödie ihres Lebens: der Sohn ist mit 16 ein Drogentoter. Von da an trinkt sie. Mit Halskrause und Krücke vorgeführt,  hat sie einen Unfall überlebt, ihre Promille bringen sie ins Gefängnis, Gatte Nr. 2 (Marcus Bluhm) kommt nicht damit zurecht. Die alte Mary Page (Babett Arens) hat mit dem dritten Mann (Martin Zauner) ein kurzes Glück gefunden und lange darauf gewartet, dass ihr die Rechtsfolgen ihrer Strafe nachgelassen werden. Dann als Witwe im Krankenhaus (mit Martina Ebm als schwangerer Krankenschwester) ist sie mit ihrem Leben nicht mehr ganz unzufrieden – und bereit, es gut sein zu lassen.

Wer ist Mary Page nun? Wenn sie, symbolträchtig, in einer Putzerei (Igor Karbus hört ihr zu) von einem Quilt spricht, der aus vielen verschiedenen Teilen besteht, verschiedene Stoffe, verschiedene Muster, ist das nicht das einzige Stück Küchentisch-Psychologie, das man – mit allen Banalitäten inbegriffen – serviert bekommt. Irgendwann im Verlauf der Handlung gibt es eine zentrale Szene, in der ein Therapeut (Raphael von Bargen) nicht ganz geschickt in ihrem Leben bohrt. Und Mary Page erklärt ihm, dass man als Frau eben die Rollen spielt, die auf einen zukommen – und man gar nicht so schrecklich viele Möglichkeiten der Entscheidung hat… Und, so wendet sie ein: Was soll eigentlich das ganze Hinterfragen, warum man was getan hat? Will man es so genau wissen?

Im Programmheft, das durchaus lohnend zu lesen ist, gibt es Artikel über Identität, Individualität, Rollenspiele, Selbstachtung, Selbstentfremdung, aber so hoch darf man nicht greifen – Tracy Letts liefert einfach ein trauriges, nur teilweise selbst verschuldetes Frauenschicksal ab (er hätte es sich für das Drehbuch eines B- bis C-Movies aufheben sollen). Auf der Bühne der Kammerspiele dauert es zwar nur pausenlose eindreiviertel Stunden, die aber schwer auf einem lasten und den Zuschauer trostlos heimschicken…

Zumindest, was das Stück betrifft. Die Aufführung hat erst einmal Sandra Cervik als „die“ zentrale Mary Page, mal tapfer, mal zerstört, sicher nicht dumm, aber auch keine Intellektuelle. Sie macht das unbemerkenswerte Geschick wenigstens zu einer Rolle, bei der man ihr gefesselt zusieht, wenn sie auch ein gerütteltes Maß an Pathos  abliefern muss. Aber sie tut es mit der Souveränität einer guten Schauspielerin – für die man halt auch solch ein Stück spielt. (Es sollte allerdings auch bessere Rollen geben…)

Dass der Abend dennoch einigermaßen funktionierte, liegt auch an der Regie von Alexandra Liedtke, die in der Ausstattung von Volker Hintermeier logistisch bemerkenswert gut funktioniert. Wenn man sich fragt, warum das Bühnenbild riesige Leinwände und Monitore zeigt, die stets leer bleiben, ist das letztendlich für das arme Leben der Mary Page aussagestärker als alle Videos, die man hätte einspielen können (etwa vom öden amerikanischen Alltag).

Dass von allen Seiten Scheinwerferbatterien das Bühnengeschehen mit diffusem Licht überziehen, tut den Augen der Zuschauer aber nicht gut. Schließlich muss man ja auch dauernd „Schauspieler-erkennen“ spielen: Da sind, meist für nur eine Szene, so viele erstrangige Josefstadt-Protagonisten eingesetzt, dass man es für Verschwendung halten würde. Aber es hilft natürlich auch völlig unwichtigen Szenen (wer achtet schon auf eine Krankenschwester?), wenn man sie hochgradig besetzt, und die Interaktion aller Beteiligten ist gelungen. Der Beifall zeigte letztlich, dass das Publikum zu beeindrucken war. (Vielleicht liest es solche Geschichten auch gern in den Illustrierten…)

Trotzdem: Am Ende blieb das Kopfschütteln über so viel Aufwand für so wenig. So anspruchsvoll, wie sich die Föttinger-Josefstadt gibt, sollte sie über so schlichtes Gebrauchsstück-Material erhaben sein.

Renate Wagner

 

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