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WIEN / Kammerspiele: DIE TANZSTUNDE

Auf dem Klischee-Reißbrett

17.01.2026 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Theater in der Josefstadt

WIEN / Kammerspiele der Josefstadt: 
DIE TANZSTUNDE von Mark St.Germain
Premiere: 17. Jänner 2026,
besucht wurde die Generalprobe

Auf dem Klischee-Reißbrett

Er hat in seiner Jugend lieber Einstein statt Comics gelesen und ist Professor für Geowissenschaften. Sie war professionelle Tänzerin aus Leidenschaft. Beide wohnen im gleichen Haus in New York, und beide sind behindert. Er ist Autist, sie kann nach einem Unfall wahrscheinlich nie wieder tanzen. Und ausgerechnet von der unglückseligen Senga (eine Tante hat den Namen Agnes im Geburtsregister verkehrt geschrieben…) will dieser Ever (auch ein seltsamer Name) eine Tanzstunde und bietet ihr dafür ein Vermögen…

Welch eine Ausgangsposition für eine Geschichte, die im Josefstädter Kammerspiele-Publikum offenbar die höchsten Erwartungen geweckt hat, sonst wären die Vorstellungen nicht schon vor der Premiere ausverkauft. „Die Tanzstunde“ ist schließlich ein Titel, der beschwingte Unterhaltung erwarten lässt. Aber mitnichten.

Was Autor Mark St.Germain (trotz des an Frankreich gemahnenden Namens ein Amerikaner) hier in einer Routinearbeit aus dem Jahr 2014 bietet, ist einerseits zähe Psychologie, andererseits Klischee, wie man es quasi auf dem Reißbrett entwirft, um ein schnelles, billiges Stück – zwei Personen, mehr oder minder eine Dekoration, mitsamt Pause weniger als zwei Stunden – konstruiert.

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Alles verläuft, wie man es voraussagen kann. Der autistische Mann hat reale Berührungsängste, muss aber bei einer Feier einen Tanz hinlegen, möchte das lernen. Die behinderte Frau ist schroff, nimmt aber das Geld, will ihren Job machen. Selbstverständlich geht es nun um die Stadien der Annäherung, bis die beiden vor der Pause miteinander im Bett landen.

Für nach der Pause ist dem Autor dann gar nichts mehr eingefallen, als das Paar in einer Art irrealer „Kinoszene“ tatsächlich eine Tanznummer à la Fred Astaire / Ginger Rogers hinlegen zu lassen (was für die Darsteller möglicherweise die schwerste Übung des Abends war). Ein vages Happyend wird angedeutet, und das war es auch schon. Ein theatralisches Minimal-Angebot.

Gewiß, Regisseur Folke Braband hat in einer Routine-Ausstattung (Stephan von Wedel) alles getan, um das Publikum zu rühren (die beiden sind ja so arm!) und gelegentlich zum Lächeln zu bringen. Viel kommt dabei nicht heraus.

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André Pohl hat sich mit Visagisten-Hilfe ein paar Jahrzehnte seines realen Alters weggeschminkt und steht nun als eine Art mittelalterlicher Woody Allen auf der Bühne. Ein Schauspieler seines Könnens und seiner Souveränität spielt alle erkennbaren Nuancen von Schüchternheit, Betroffenheit, Seltsamkeit, dabei  fragloser Überlelgenheit aus dem Handgelenk.

Katharina Klar wird, wie man hört, in der nächsten Direktion nicht mehr im Ensemble des Hauses sein, Bekannt für herausfordernde Persönlichkeiten, meist mit politischem Impakt. mag sie sich eine andere Abschiedsrolle gewünscht haben als die erst abwehrende und dann ach so seelenvolle, verständnisinnige Tänzerin, die den Autisten „aufknackt“ (als ob dergleichen wirklich möglich wäre)..

Das Publikum nahm den geronnenen Kitsch für Realität und klatsche.

Renate Wagner

 

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