Fotos: Theater in der Josefstadt
WIEN / Kammerspiele der Josefstadt:
DER TOLLSTE TAG von Peter Turrini
Premiere: 5. September 2026,
besucht wurde die Generalprobe
Ihr da oben, wir da unten!
In seiner Jugend, als Peter Turrini wirklich noch rabiat war, reichte ihm das berühmteste „Revolutionsstück“, nämlich „Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit“ von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais bei weitem nicht aus. Viel zu freundlich, zu versöhnlich, wo doch die Revolution vor der Tür stand.
In seiner Karriere als Dramatiker war der „Tollste Tag“, den er aus dem „Tollen Tag“ des Originals machte, für den damals 28jährigen Turrini seine erste Bearbeitung einer Vorlage, beileibe nicht die einzige, Goldoni, Moliere, auch Büchner folgten. Aber die Radikalität, mit der der auf die Geschichte von Figaro, aber vor allem des Grafen Almaviva losging, bewährt sich bis heute auf den Bühnen.
Denn der hier dargestellte skrupellose Machtmißbrauch und auch die Käuflichkeit der Gerichtsbarkeit (der er sich besonders ausführlich widmet), sind Themen, die eigentlich immer verfangen, auch wenn wir – zumindest noch nicht – zum finalen Gemetzel neigen, wenn es gilt, die total korrupten Verhältnisse zu ändern…
Im Theater in der Josefstadt der Marie Rötzer ist der „Tollste Tag“ die zweite Premiere, die erste in den Kammerspielen, realisiert von der deutschen Regisseurin Anna Stiepani, die schon einmal in Vestibül des Burgtheaters arbeiten durfte, aber sonst an deutschen Bühnen zuhause ist. Ihr Konzept überzeugt schon durch die schlichte, zwar nicht neue, aber hier sehr einleuchtende Idee, das Bühnenbild (Jenny Schleif) zweizuteilen, die Herrschaft oben, die Dienerschaft in den Kellerlöchern. Als amüsantes Detail nimmt man ein Cembalo links unten wahr, das stets ganz von selbst zu spielen beginnt, weniger einleuchtend ist ein Trampolin im Hintergrund, auf dem immer wieder gehüpft wird. Das bringt wenig.
Klug und fast mutig in einer Zeit, wo fast alles in Jeans und T-Shirts stattfindet, ist es, tatsächlich Kostüme im Stil des 18. Jahrhunderts zu wählen (Thurid Peine), denn auch Turrinis Stück ist dort verortet, und das Gefühl historischer Distanz (Motto: Das geht uns nichts an) stellt sich bei Menschen, die so heutig sprechen und agieren, keinesfalls ein.
Abgesehen davon, dass die Figuren sich und ihre Situation selbst analysieren (wie Figaro zu Beginn), gibt es anfangs noch (stark geraffte) Ähnlichkeiten mit dem Original, wobei man sich immer drastischer davon entfernt. Turrini hat eine Vernichtungs-Komödie geschrieben, und Regisseurin Anna Stiepani bedient in eindreiviertel pausenlosen Stunden Spielzeit die Schnelligkeit des Geschehens, die Gnadenlosigkeit, schließlich die Brutalität. Das ist keine psychologische Komödie, sondern ein wild tobendes Wut-Stück, genau, wie es der Autor wollte.

Schon bei Turrini geht es vor allem darum, den Grafen Almaviva erst durch alle (nicht zuletzt sexuellen) Nöte dann in den Tod zu jagen. Schonungslos mit der Figur stellt Raphael von Bargen einen ebenso dümmlichen wie brutalen Popanz auf die Bühne, ein Zerrbild all der Schlechtigkeit, die in der zügellosen Macht ihren Ausdruck findet. Dagegen ist Claudius von Stolzmann ein zwar kluger und witziger, aber fast zu liebenswürdiger Figaro.

Von beinahe feinsinniger Nobelesse erscheint die Gräfin der Alexandra Krismer, von der man meinen könnte, sie macht sich wirklich etwas aus Cherubin – nicht ganz verständlich, denn Marcello De Nardo stellt alles andere als ein liebenswürdiges Geschöpf auf die Bühne. Johanna Martini, neu an der Josefstadt, kann noch nicht sonderlich überzeugen, aber Turrini hat auf die Figur der Susanne keinen übertriebenen Wert gelegt.
Weit schärfer sind die Nebenfiguren konturiert, wobei er einen Intriganten namens Bazillus (Dominic Oley) erfunden hat, der für den Grafen gewissermaßen das Denken übernehmen soll.

Als die beabsichtigten, geradezu „gruftigen“ Groteskfiguren stellen Maria Köstlinger die Marcelline und Paul Matić den Dottore Bartholo auf die Bühne, die sich hier nicht versöhnend als Figaros Eltern herausstellen. Die Szene rund um den bestechlichen Richter wird von Oliver Rosskopf und De Nardo als Schreiber Zettelkopf ausgekostet und stößt auf großes Verständnis im Publikum.
Ein wenig unklar wird am Ende die Ermodung von Almaviva: Hier ist es Susanne, die ihn würgt, und da steht auch plötzlich die Gräfin mit einem Messer in der Hand da… ein Ende, das ein wenig „verhatscht“ wirkt, während es der ganze Abend durchaus nicht an Überzeugungskraft fehlen ließ.
Renate Wagner

