
WIEN / Kammerspiele der Josefstadt:
DER GROSSE DIKTATOR von Charlie Chaplin
Für die Bühne bearbeitet von Dominic Oley
Uraufführung
Premiere: 6. Oktober 2022 .
besucht wurde die Generalprobe
Für viele war Charlie Chaplin der beste Hitler, den es je gab. Er hat seinen Film „Der große Diktator“ 1940 gedreht, als bereits Krieg herrschte, und damit nicht nur Filmgeschichte, sondern auch Geschichte geschrieben – und gezeigt, wie die Kunst mit dem Horror der Fakten umgehen kann. In diesem Fall als Satire auf Hitler als Person.
Nun leben wir wieder in einer Zeit, wo die Unberechenbarkeit eines Einzelnen die ganze Welt ins Unglück stürzen kann, aber zum Lachen über Putin war noch niemandem zumute. Also, zurück zu Hitler. Wobei sich in den Josefstädter Kammerspielen wieder einmal erweist (aber Direktoren und Dramaturgen wollen es einfach nicht glauben), dass Filme auf der Theaterbühne nicht unbedingt reüssieren müssen.
Immerhin ist Dominic Oley, den man in der Josefstadt bisher immer nur als Schauspieler begegnet ist, mit viel Liebe und Respekt zu Werk gegangen, das filmische Original möglichst auf die Bühne zu übersetzen – mit ein paar nötigen Strichen, so dass das Ganze gerade so lange dauert wie ein Spielfilm, etwas mehr als eineinhalb Stunden ohne Pause.
Chaplin ist überall, nicht nur im Handlungsverlauf seines Drehbuchs, sondern auch im Stil – sehr viel Stummfilm-Slapstick waltet (ungeachtet dessen, dass „Der große Diktator“ 1940 natürlich ein Tonfilm war), und auch die Bühnenlösung (Kaja Dymnicki) wirkt mit viel schnell verschiebbaren Kulissenteilen und ausgeklügelter Lichtregie (Sebastian Schubert) höchst filmisch. Man geht dem Original nach – und hofft, dass es heute noch so greift wie vor mehr als 80 Jahren.
Nun ist, was im Kino seinen heute historischen Reiz hat, für die Bühne eine dürftige Geschichte – ein paar Szenen mit dem jüdischen Barbier, ein paar Szenen mit dem Diktator Anton Hynkel, von ein- und demselben Schauspieler gespielt, kaum Handlung im Ghetto, etwas mehr beim Politiker – seine Kauderwelsch-Reden, sein weltberühmter, legendärer „Tanz“ mit dem Ballon), der ein Globus der Welt sein soll (was auf der Bühne nie dieselbe „Anmut“ haben kann wie im Film), seine Ordenverleihung an Herring (alias Göring), die Konfrontation mit Mussolini, der hier „Napoleon“ heißt.
Und natürlich das berühmte Ende, wo die große humanitäre Botschaft verkündet wird – wenn der jüdische Barbier für Hynkel gehalten wird und für ihn eine Rede halten soll. Das Finale des „Großen Diktators“ ist legendär, die Rede, die nicht von Gewalt und Haß handelt, sondern von Nächstenliebe, Frieden und Demokratie. Das wirkt (mit ein paar Einsprengsel für heute) noch immer.
Foto: Theater in der Josefstadt
Aber sonst zieht sich die Geschichte trotz ihrer Kürze einigermaßen infolge ihrer Substanzlosigkeit. Immerhin, der Retter heißt Alexander Pschill, der in der zentralen Doppelrolle ein Meisterstück vollbringt, als Barbier mit slapstickartiger Pantomime am besten, als Hynkel köstlich, wenn er dessen sinnloses Gebrabbel vermittelt – letzteres einfach virtuos.
Dennoch ist Autor Dominic Oley als Regisseur manches zu lang geraten, vor allem die Verleihung der Orden an Herring und der Eiertanz mit Napoleon, ein Herumgeblödel ohne Variationen. Beide Mal ist Oliver Huether der Gegenspieler, der auch noch andere Rollen spielt, ebenso wie Ljubiša Lupo Grujčić und Tamim Fattal, die vielfach eingesetzt sind, während Daniela Golpashin (auf den Spuren von Paulette Goddard,) Matthias Franz Stein (der edle Nazi kommt nicht ganz herüber), Siegfried Walther (als alter Jude) und Martin Niedermair (als Goebbels alias Garbitsch) nur jeweils eine Figur verkörpern. Besondere Möglichkeiten bekommt keiner von ihnen.
Keine Frage, es ist eine sorgfältig und liebevoll gemachte Produktion, die mit Verve darüber hinwegzuspielen sucht, dass ihre Substanz doch sehr dünn ist. Ihre schlichte, geradlinige Wirkung verfehlt sie allerdings ebenso wenig wie der Film von einst.
Renate Wagner

