Fotos: ©Herwig Prammer
WIEN / Kammeroper des MusikTheaters an der Wien:
MEDEA
Musiktheaterprojekt von Corinna von Rad und Benjamin Bayl
Zur Musik von Georg Friedrich Händel, Marc-Antoine Charpentier u. a.
Premiere: 17. März 2026
Medea. Mord. Kammeroper
Medea ist eine der tragischsten antiken Frauengestalten der Literatur. Von Euripides bis Grillparzer zbd darüber hinaus haben große Dichter ihr Reverenz erwiesen (das „Medeamaterial“ von Heiner Müller kann man ausklammern). Und sie wurde auch vielfach Opernheldin, in der Cherubini-Fassung erscheint sie immer wieder einmal auf den Opernbühnen.
Angeblich geht es auch in einem Abend der Kammeroper des MusikTheaters an der Wien, der sich als „Musiktheaterprojekt“ definiert, um Medea. Als Komponisten werden genannt: „Georg Friedrich Händel, Marc-Antoine Charpentier u. a.“ (Wobei Händel, nebenbei gesagt, gar keine explizit „Medea“ genannte Oper geschrieben hat, sie ist eine Figur in seinem „Teseo“ bei anderer Handlung…)
Besagtes „u.a.“ umfasst laut Programmheft des Abends Henri Desmarets, Jean-Baptiste Lully, Marin Marais, Jean-Philippe Rameau und sogar Johann Sebastian Bach. Um es gleich zu sagen: Sinn ergibt dieser musikalische Eintopf nicht. Und die szenische „Idee“ des Abends schon gar nicht.
Sie stammt von dem australischen Dirigenten Benjamin Bayl (an diesem Abend am Pult des Bach Consort Wien) und der deutschen Regisseurin Corinna von Rad, denen allerlei Unsinn zum Thema eingefallen ist, das für die „Medea“-Geschichte rein gar nichts bringt und von albern-geschmäcklerischen „Ideen“ nur so wimmelt. Immerhin stellen sie Medea mehrfach vor Gericht stecken sie in Glaskäfige und Glaskisten – ungemein „zeitnah“, nicht wahr?

Medea ist bei ihnen eine Sprechtheater-Schauspielerin (die wenige Male auch in Gesang ausbrechen muss, was ziemlich schlimm ausfällt). Was an dem Gebotenen Medea, wie behauptet, als „Urfeministin“ auszeichnet, bleibt unklar (selbst die überzeugtesten Feministinnen bringen wohl nicht ihre Kinder um – und wenn, dann wäre Magda Goebbels auch eine gewesen. Man sollte solche unsinnigen Zuschreibungen lassen.)
Die Schweizer Schauspielerin Lisa-Katrina Mayer mag eine eindrucksvolle Biographie vorweisen, in der Kammeroper reüssiert sie nicht. Auf einer Bühne, die für Gesang bestimmt ist, dringt sie sprachlich nicht durch (man versteht sie die meiste Zeit gar nicht), und lange Beine schwingen, sich in konventioneller Verzweiflung winden und in Glaskisten stecken zu lassen, gibt noch keine Figur – und keinen Sinn, der dem ganzen Abend sowieso entschieden abgeht.
Da stehen rund um Medea ihre klassischen Begleiter – Medeas Amme und Getreue, Jason, der ungetreue Ehemann, Kreon, der König von Korinth, Kreusa, dessen Tochter, die Jason eine viel bessere Partie erscheint als Medea, die in ihrer Heimat alles, absolut alles für ihn aufgegeben hat und nun, zurück in Griechenland, am besten entsorgt werden soll. Die vier (und ein paar Statisten) stehen in einigermaßen „modernen“ Kostümen (Sabine Blickenstorfer) auf der von Ralf Käselau ohne besonderen Ideenreichtum gestalteten Bühne und brechen immer wieder in irgendeinen Gesang aus, dessen Zusammenhang sich für das Publikum kaum erschließt.
Johannes Bamberger lässt als Jason seinen Tenor hören, Felix Pacher seinen Baß als Kreon, und Johanna Rosa Falkinger als Kreusa bohrt sich über die Maßen schmerzhaft in die Ohren der Opernbesucher.
Und da ist noch Alois Mühlbacher, der vor Jahren noch als Florianer Sängerknabe unglaublich viel Publicity erntete und nun, erwachsen, als Counter seine Karriere macht. Wobei er, eher dunkel timbriert und auch mit beachtlicher Tiefe, fast wie ein Altus klingt. Jedenfalls eine erfreuliche Begegnung an einem unerfreulichen Abend, dessen Regisseurin wirklich nicht klar machen konnte, was da warum passiert. Die Feminismus-Fahne schwenken und automatisch Lob ernten? So einfach ist das nicht.
Am Ende der seltsamen Begebenheiten dieses Abends erscheint die „Spusi“ in ihren Schutz-Monturen, wie man sie aus den Fernseh-Krimis kennt. Spurensicherung? Ist ein Mord geschehen? Eindeutig ja. An einer großen Gestalt.
Auf der Toilette der Kammeroper hängt ein Plakat: „Rettet die Kammeroper!“ Ach ja? Nach einem Abend wie diesem?
Renate Wagner

