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WIEN / Kammeroper: LA CLEMENZA DI TITO

13.04.2014 | Allgemein, Oper

 Titus vier
Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Kammeroper des Theaters an der Wien: 
LA CLEMENZA DI TITO von W.A. Mozart
Premiere: 13. April 2014

Frage: Warum Mozarts „Titus“ in der Kammeroper? Die Antwort kann nur eine pragmatische sein: Weil fünf Mitglieder des hier tätigen „Jungen Ensembles“ Rollen finden, die ihnen geradezu punktgenau entsprechen, und für einen sechsten Part stellt man eine Dame vor, die nächste Saison zur Truppe stößt.

Dennoch nochmals Frage: Warum Mozarts “Titus” in der Kammeroper?  Spielpläne schweben ja nicht in der Luft. „Titus“ wird von der Staatsoper gezeigt, im Mai aktuell wieder, also parallel zu dieser Serie (natürlich, wer gerne vergleicht…). Aber „Titus“ ist nun neuerdings alles andere als ein selten gespieltes Werk, wer Lust hatte, konnte es vor nicht überlanger Zeit im Kino aus der Met sehen und vor knapp zwei Monaten aus München als Livestream. Das Repertoire der Opernwelt ist unendlich groß – wem nützt es, wenn man nun eine Kammeropern-Version des Vielgespielten anbietet? Zumal, wenn diese wirklich nicht aufregend ausfällt.

Titus_CigdemSoyarslan hinter Mauern  Titus_AndrewOwens in Hoehle 

Auf zweieinhalb Stunden zusammengestutzt (was auch möglich war, weil man den Chor eliminierte), vom Dirigenten auf eine reduzierte Orchesterfassung eingerichtet, ist auch das Bühnengeschehen minimalistisch. Vor der Pause eine Art „Marmor“-Rundbau, möglicherweise leicht „römisch“ angehaucht (kann von den Darstellern selbst herumgedreht und dann auch, beim Aufstand, andeutungsweise demoliert werden). Nach der Pause eine Art „Höhle“, wo sich die verwundeten Seelen – also sowieso fast alle Beteiligten – zurückziehen können. Diese Bühne von Tiziano Santi ist schlicht ausgefallen.

Dafür die Kostüme (Nina Hörner) umso seltsamer und von einer evidenten Sinnlosigkeit – Sesto als kleiner Punk, Tito im Mantel, mit Mütze und goldfarbenem (!) Gesicht, als ob er der König Midas wäre, Annio mit einem Fechtwams (!),Vitellia in einem schrägen Abendkleid, Servilia in etwas Sackartigem, was sie glatt hätte verweigern sollen. Wofür all das steht… wer weiß das?

Vielleicht der Regisseur Alberto Triola, der auch nur einen Einfall hatte: Masken, weil sie, wie man im Programmheft erfährt, das Sinnbild für Betrug und Täuschung sind. Nun laufen alle mit weißen Stoffmasken in der Hand herum, die quasi mit Tüchern verdeckte Gesichter zeigen, und wenn man es genau nimmt, besteht die Inszenierung darin, sich die Masken mal vors Gesicht zu halten, mal wegzuwerfen und sonstiges damit zu treiben. Als Konzept für irgendetwas kann man das schwerlich nehmen…

Titus_GaiaPetrone_CigdemSoyarslan und Maske  DSC3713_awalekPlewniak_Soyarslan_Akselrod

Immerhin wissen die Sänger, was sie in ihren verkürzten Partien zu tun haben, und agieren ihre Emotionen nicht nur in den Arien, sondern auch in den Rezitativen aus. Und das Multi-Kulti Jung-Ensemble ist mit einigen Einschränkungen (einige sind technisch eben doch noch nicht fertig) sehr gut.

Vor allem Titelheld Andrew Owens beherrscht seinen schönen Tenor souverän, in delikater lyrischer Reflexion und leidend dramatischem Ausbruch (dass er in einer Szene Sesto eindeutig schwul umgarnt, ist allerdings seltsam). Gaia Petrone lässt als Sesto wieder einmal ihren vor allem in der Tiefe wunderschön leuchtenden Mezzo hören (der in höheren Lagen dann nicht mehr ganz so schön ist). Çigdem Soyarslan ist die Hochdramatische des Ensembles und eine Vitellia mit echter Power und starker Höhe (bis zur Schärfe), sie hat nur schwere Probleme in der Tiefe, die ihr faktisch wegbricht. Gan-ya Ben-gur Akselrod als Servilia war das Stiefkind des Abends und  durfte ihren leichten Sopran kaum zur Geltung bringen. Igor Bakan klang als Publio diesmal etwas weniger grobschlächtig als sonst, was einen erfreulichen  Fortschritt darstellt. Und als Annio stellte sich Natalia Kawalek-Plewniak vor, ein lyrischer Mezzo aus Polen, die sich sehr vielversprechend anhörte.

Rubén Dubrovsky am Pult des Bach Consort Wien erzeugte etwas, das ein bisschen nach Harnoncourt schmeckte, die im Programmheft versprochene „Durchsichtigkeit des Klanges“ hörte man nicht unbedingt, aber es war über weite Stellen ein wirklich packender, dramatischer Mozart.

Im Zuschauerraum dürften viele junge Freunde des jungen Ensembles gesessen sein, die Zustimmung mit Radau-Machen verwechselten. Aber alle hatten ihren Applaus verdient. Dennoch, wenn man offen sein darf: Man hätte gerne etwas – Interessanteres gehört. Na, nächstes Mal gibt’s Birtwistle…

Renate Wagner

 

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