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WIEN / Kammeroper: HÄNSEL UND GRETEL

14.05.2016 | KRITIKEN, Oper

Hänsel und Gretel x
Foto: Kammeroper

WIEN / Kammeroper des Theaters an der Wien: 
HÄNSEL UND GRETEL nach
Engelbert Humperdinck
Musikalische Fassung: Helga Pogatschar
Premiere: 12. Mai 2016,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 14. Mai 2015 

Stellen wir uns folgende Szene vor.

Da kommt eine junge Regisseurin zu einem Intendanten und präsentiert ihm ihr Konzept für „Hänsel und Gretel“.

„Also, der Peter ist kein Besenbinder, sondern Staubsaugerverkäufer. Eigentlich aber ist er ein Bankräuber, das heißt, er will mit zwei Komplizen unterirdisch in die Bank kommen, dafür buddeln sie Schächte, so wie in Rififi, ja?“

„Okey. Und?“

„Also, Hänsel und Gretel sind eigentlich keine richtigen Kinder, na ja, mehr oder weniger, sie treiben sich im Büro vom Papa herum, bis die Mama kommt – die schaut aus wie eine typische US-Blondine, à la Doris Day, ja? – und sie hysterisch hinausschmeißt. Die beiden gehen aber jetzt nicht in den Wald, sondern geraten in die Schächte…“

„Und wenn sie von Bäumen und Vöglein singen?“

„Das darf man nicht so eng sehen.“

„Und ‚Ein Männlein steht im Walde’?“

„Das ist eine Verkehrsampel! Und weil es ein ‚purpurrotes Mäntlein’ anhat, also auf Rot steht, müssen die Kinder stehen bleiben…“

„Aha. Und was ist mit dem Sandmännchen?“

„Das ist einer von den beiden Ganoven, die mit dem Papa zusammen arbeiten, der betäubt die Kinder im Schacht. Und dann geraten sie in eine Modeboutique, ganz chic, und schlafen dort wieder ein. Und bevor Sie mich fragen – die Schutzengel gibt es nicht, die braucht heute wirklich keiner mehr, und bevor Sie weiterfragen, am Ende sind da natürlich auch keine Lebkuchenkinder, denn mein Konzept läuft auf etwas ganz anderes hinaus.“

„Und das wäre?“

„Na, auf eine Kapitalismus-Satire. Hänsel und Gretel geraten dann tatsächlich in den Tresorraum der Bank, und dann knuspern sie nicht…“

„Ich wollte schon fragen, was es dort zu essen gibt?“

„Na Geldscheine! Bündelweise! Und Goldbarren!“

„Und wo kommt die Hexe her?“

„Na, das ist der Wachmann, der schon ein paar Mal da war und den Vater freundlich gegrüßt hat. Er will eigentlich nur mit möglichst viel Geld abhauen, dafür hat er schon zwei Riesentaschen gepackt, mit Strandzeug und so, aber vor allem schaufelt er Goldbarren hinein…“

„Und dass er Hänsel aufessen will…“

„Das darf man alles nicht so eng sehen. Jedenfalls sperren ihn die Kinder ein – da muss halt neben den kleinen Tresorfächern noch ein großes sein, in das man ihn hineinschieben kann… Ja, und wenn dann die Eltern kommen, wird weiter Geld gerafft. Auch noch beim ersten Applaus. Damit auch wirklich klar wird, worum es geht.“

Unser Theaterdirektor ist ein Mann von heute. Er stellt nicht die einzige richtige Frage, die lauten würde: „Und was hat das alles mit ‚Hänsel und Gretel’ zu tun?“

Und er sagt auch nicht: „Junge Frau, gehen Sie nach Hause und suchen Sie sich einen anderen Beruf.“

Nein, er sagt: „Na, dann machen Sie mal.“

Und so sieht die Aufführung von Humperdincks „Hänsel und Gretel“, inszeniert von Christiane Lutz, in der Kammeroper  auch aus. Wobei nicht einmal die Musik dieselbe geblieben ist: die „Kammermusikfassung“ von Helga Pogatschar arbeitet mit neuen Instrumenten (da gibt es Harmonium, Akkordeon, Celesta und anderes mehr) und erzielt neben zusätzlichen Geräuscheffekten so viel an Volumen (Vinzenz Praxmarer dirigiert dazu das Wiener KammerOrchester), dass man auf elektronische Hilfe schwören würde. Aber nein – alles „echt“, sofern in diesem Zusammenhang davon die Rede sein kann.

Was Sänger heutzutage mitmachen müssen –  es ist alles Chimäre, hoffentlich unterhält es sie. Viktorija Bakan lässt als Gretel ihren schönen Sopran hören (damit könnte sie an größeren Häusern reüssieren), Hänsel ist diesmal ein Counter, der immer durchdringende Jake Arditti. Der Tenor von Thomas David Birch wackelt stimmlich eine seltsame Hexe, Julian Henao Gonzalez darf das Sandmännchen singen (recht gefühlvoll), Natalia Kawalek ist eine hysterische Mama, Tobias Greenhalgh ein schönstimmiger krimineller Papa. Was sie alles spielen müssen… wow!

Im Publikum viele kleine Kinder. Was passiert, wenn diese Gott bewahre einmal in eine „richtige“ Aufführung von „Hänsel und Gretel“ (sagen wir in der Volksoper?) geraten? Fragen die dann die Eltern: „Mama, wieso rauben die nicht die Bank aus?“

Renate Wagner

 

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