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WIEN / Kammeroper: BAJAZET


Fotos Theater an der Wien © HerwigPrammer 

WIEN / Kammeroper des Theaters an der Wien:
BAJAZET von Antonio Vivaldi
Premiere: 26. September 2020

Hier der osmanische Sultan Bayezid I., dort der legendäre Mongolenkaiser Timur Lenk – als „Bajazet“ und „Tamerlano“ standen sie sich in der Barockoper immer wieder gegenüber, auch Antonio Vivaldi hat das Libretto von Agostino Piovene 1735 vertont (sechs Jahre vor seinem Tod in Wien, begraben auf dem nicht mehr existierenden Friedhof der Karlskirche).

Es war ein „Pasticcio“, das heißt ein sorglich gestaltetes Stückwerk aus eigener und fremder Musik. Dass Vivaldi, der Protagonist der venezianischen Oper, mit seinen Melodien die Osmanen bedachte, die Mongolen dagegen mit Stücken von Komponisten der rivalisierenden neapolitanischen Oper – für Musikhistoriker ist es interessant, für das Publikum weniger.

Das möchte sehen, wie sich die beiden Potentaten auf der Bühne machen – nun, wie zu erwarten, in einer zeitgenössischen Interpretation ist nicht „Orientalismus“ angesagt, sondern Verfremdung total. Wobei die Rahmenhandlung, die der polnische Regisseur Krystian Lada gefunden hat, ziemlich auf Anhieb einleuchtend ist (solange man noch nicht das Programmheft gelesen hat – dort verwirren seine Aussagen dann mehr als sie klären):

Ein junges Ensemble befindet sich offenbar in einem Tonstudio (Bühne Didzis Jaunzems), sie beschäftigen sich mit Geräuschen, dann nehmen sie – angeblich als Hörspiel, obwohl sie natürlich singen… – die „Bajazet“-Geschichte auf. Da kann man auch ins Textbuch blicken, da hantiert die Aufnahmeleiterin mit den Mikrophonen. Und obwohl die jungen Leute in ihren Alltags-Fetzen zur Aufnahme gekommen sind (Kostüme Natalia Kitamikado), steigern sie sich hie und da ein bisschen in ihre Rollen hinein – begreiflich.

Wenn dann die Inszenierung diesen vernünftigen Rahmen verlässt, jede Menge exzessiver Blödsinn ausbricht (warum muss Irene ihre Stöckelschuhe ausziehen und die meiste Zeit bedrohlich in der Hand halten???), dann steht man einem willkürlichen Chaos gegenüber, und nichts, was man nachher in der U-Bahn als Erklärung über das Verhalten der „privaten“ Protagonisten im Programmheft liest, hat sich auch nur andeutungsweise logisch auf der Bühne realisiert.

Man merkt dann nur, dass jemand der eigentlich Tamerlano (und als solcher eine Persönlichkeit?) sein soll, mit Brille, Pollunder und ausgesprochen knieweich-dümmlicher Körpersprache herumsteht, und man fragt sich, ob das ebenso als Parodie gedacht ist wie die „Ermordungsszene“ (die dann nicht stattfindet), wo lächerlich mit dem Krummsäbel gefuchtelt wird… Nein, als Inszenierung ist das so unbefriedigend wie vieles davor.

Musik und Interpreten machen den Abend trotzdem hörenswert. Es ist ein Stück, das sich um Macht dreht, der eine (Bajazet) hat sie in der Schlacht verloren, der andere (Tamerlano) will sie brutal ausleben, indem er die Tochter des besiegten Rivalen (Asteria) in die Ehe zwingt. Da ist noch ein griechisch / byzantinischer Prinz-Adlatus (Andronico), der von Tamerlan ein Stückchen Macht will, aber auch die Prinzessin Asteria. Während die Prinzessin von Trapezunt (Irene) aus dynastischen Gründen ihrerseits Tamerlan heiraten möchte, reicht der (anderwärts interessiert) sie an Andronico weiter (der ja bekanntlich Asteria fest ins Auge gefasst hat). Wozu die Regie noch „Bajazets Ungeheuer“ auf die Bühne gebracht hat (und immer wieder surreale Projektionen) als ob nicht schon genug passierte … wer weiß schon, was im Kopf von Regisseuren vorgeht?

Dieses übliche Barockopern-Kuddelmuddel sei nur deshalb angedeutet, um klarzustellen, dass Vivaldi hier wirklich zum allergrößten Teil eine hoch dramatische Musik verfassen musste – und es auch getan hat. Mit Kehlkopfkunststücken für Damen und Herren, mit bewegtem Orchester, man bekommt etwas zu hören von dem Bach Consort Wien unter der Leitiung Roger Díaz-Cajamarca (wie lieblich sind vergleichsweise die „Vier Jahreszeiten“!). Und die sechs jungen Sänger liefern erstaunlich Kompetentes ab.

Bajazet, der Titelheld, ist Kristján Jóhannesson, der isländische Prachtkerl mit dem großen, so interessant kratzigen Bariton. Rafał Tomkiewicz macht mit seinem angenehmen Counter gesanglich eine stärkere Charakterleistung aus dem Tamerlan als darstellerisch. Andrew Morstein als Andronico blickt zwar die meiste Zeit trotzig drein, aber sein Tenor kann sich wirklich hören lassen.

Es gibt zwei große Frauenrollen, und die Mezzosopranistin Sofia Vinnik als Asteria (sie verwandelt sich optisch von Kohlhiesels Tochter zur femme fatale) konkurriert mit schönem Timbre mit der etwas schrilleren, aber nachdrücklichen Sopranistin Valentina Petraeva als Irene. Welche Funktion in der Oper die Figur der Idaspe haben soll (sie agiert jedenfalls als Aufnahmeleiterin beim Hörspiel), wird absolut nicht klar. Man hat die für einen Countertenor geschriebenen Part der Sopranistin Miriam Kutrowatz anvertraut, und niemand muss an diesem Abend so hohe Töne singen wie sie. Dass das gelegentlich scharf wird, mindert nichts am eindrucksvollen Effekt.

Obwohl der Abend (zwei Stunden zehn Minuten ohne Pause, mit durchgehend „Maske“ fürs Publikum) vergleichsweise kurz war, zog es sich bis zum Happyend. Abgesehen davon, dass Bajazet sich selbst tötet, um seine Ehre zu retten, beugt sich sogar ein Mongolenfürst der Dramaturgie der Barockoper, die besagt, dass Herrscher am Ende mild und einsichtig werden müssen (wer’s glaubt). Dem Publikum hat es jedenfalls sehr gefallen.

Renate Wagner

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Neuproduktion des Theater an der Wien in der Kammeroper
Premiere: Samstag, 26. September 2020

Bajazet

Tragedia per musica in drei Akten (1735)
Musik von Antonio Vivaldi
Libretto von Agostino Piovene

Musikalische Leitung Roger Díaz-Cajamarca
Bach Consort Wien

Inszenierung Krystian Lada
Bühne Didzis Jaunzems
Kostüme Natalia Kitamikado

Bajazet Kristján Jóhannesson
Tamerlano Rafał Tomkiewicz
Asteria Sofia Vinnik
Andronico Andrew Morstein
Irene Valentina Petraeva
Idaspe Miriam Kutrowatz

 

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