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WIEN / Jüdisches Museum: SALONS ALS ORTE DER EMANZIPATION

30.05.2018 | Ausstellungen, KRITIKEN

WIEN / Jüdisches Museum Wien:
THE PLACE TO BE
SALONS ALS ORTE DER EMANZIPATION
Vom 30. Mai 2018 bis zum 14. Oktober 2018

Kulturgeschichte
von A bis Z

Der Titel klingt flockig-heutig: „The Place to Be“ – dort, wo man sein sollte, wenn man dazugehören wollte. Aber die „Salons“ jüdischer Damen, die das Jüdische Museum Wien nun dokumentiert, gibt es in dieser Form nicht mehr. Ihre Jahrhunderte, bis in die Welt Mozarts zurückreichend, endeten 1938. Der Versuch, diesbezüglich ein bisschen in die Gegenwart zu blicken, mit Videos über weibliche Round-Tables und Gastgeberinnen, zeigt nur, dass das, was sich einst von A – Z (von Arnstein bis Zuckerkandl) abspielte, nicht zu wiederholen ist. Ein glanzvolles Stück jüdischer Kulturgeschichte ersteht in den Räumen des Jüdischen Museums im Palais Eskeles auf.

Von Renate Wagner

Treffpunkt: Salon     Die Gastgeberinnen waren in den Anfängen hauptsächlich die jüdischen Gattinnen reicher jüdischer Männer, Frauen, die ihren Freiraum geistigen Interessen zuwandten – und sich in einer Welt, die von Männern beherrscht wurden, ihren eigenen Platz eroberten. Dass es (teils geadeltes) jüdisches Großbürgertum war, das in Wien (aber auch Berlin und anderen großen Städten) die Salonkultur pflegte, mag auch mit der unglaublichen (auch verwandtschaftlichen) Vernetzung dieser Welt zusammen hängen (derzeit übrigens auch im Literaturmuseum zu besichtigen und geradezu tabellarisch zu erfassen). Da das Jüdische Museum gerne mit aktuellem Vokabular arbeitet, werden die Jüdischen Salons auch als Orte einstigen „Networkings“ bezeichnet. Orte der Emanzipation – für Frauen, für Juden und auch für ein selbständig denkendes Bürgertum – waren es auf jeden Fall.

 
Salon Arnstein

Wer und wo? Am Beispiel von Fanny von Arnstein     Zwei Damen stehen am Beginn der Ausstellung: Fanny von Arnstein (1758-1818) und Rahel Varnhagen (1771-1833), die in Wien und Berlin als die ersten und berühmtesten Salonièren galten und die noch etwas gemeinsam hatten: Zwei prominente Jüdinnen des 20. Jahrhunderts, Hilde Spiel und Hannah Arendt, widmeten ihnen Basis-Biographien. Der Salon der aus Berlin nach Wien verheirateten Fanny Arnstein befand sich im Palais Arnstein am Hohen Markt 1 – es brannte nach einem Bombenangriff 1945 aus und wurde 1952 demoliert, sehr zum Schmerz von Danielle Spera, der Direktorin des Jüdischen Museums, dass sich nicht die geringste Erinnerung an diesen glanzvollen Ort mehr findet. Fanny Itzig war als Gattin von Nathan Adam Arnsteiner (der zusammen mit Eskeles u.a. die Geschäfte der Rothschilds besorgte) 1776 nach Wien gekommen. Ihr „Salon“ war nicht nur ein Dichtertreff, hier fand sich auch durchreisende Prominenz aller Art ein – und hier sprach man (vor allem während des Wiener Kongresses) auch über Politik. Das war überhaupt charakteristisch für diese Salons – das sich das geistige Leben auf allen Ebenen hier vernetzte.

Wie und was?      Es gab an einem Tag der Woche ein „Open House“ in den angesagten Salons, wo natürlich nicht jedermann hereintrampeln konnte. Man musste schon zu einem Kreis der Eingeladenen zählen, wobei die Gäste natürlich ihrerseits prominente Gäste, die in Wien durchreisten, mitbringen konnten. Zweifellos konnten sich hier auch Leute zwanglos treffen, deren Gespräche anderswo als verdächtig registriert worden wären (Metternichs Geheimpolizei hatte ohnedies immer ein scharfes Auge auf die Salons) – obwohl die Ausstellung auch die Kaffeehäuser als Orte der Begegnung nennt, die allerdings auf ganz anderer Ebene funktionierten (weil dort jeder Zutritt hatte).

 
Der Salon Wertheimstein

Die Wohnungen    Von Fanny von Arnsteins biedermeierlich eingerichtetem Salon gibt es in der Ausstellung „nur“ ein Aquarell. Da die Orte als Treffpunkt natürlich von großer Bedeutung waren, hat das Jüdische Museum als Besonderheit den Salon der Wertheimstein (normalerweise in der Villa Wertheimstein, heute Bezirksmuseum Döbling, zu finden) für diese Ausstellung mit ihren wichtigsten Möbelstücken in die Innere Stadt transportiert – das ist dann schon der üppige Historismus. Wenn man (per Großfotos) in die Wohnung von Berta Zuckerkandl (1864-1945) blickt, dann herrscht da schon die Moderne… Accessoirs der Schauplätze sind mitunter ganz drollig: So gibt es von der Familie Szeps-Zuckerkandl ein Porzellanservice, auf dem einige Familienmitglieder in Porträts verewigt sind. Und ein Schaukelstuhl aus dem Palais Lieben-Auspitz (dort, hinter dem Burgtheater, hat Berta Zuckerkandl auch residiert) hängt von der Museumsdecke herab… Ein duftiges, das Korsett verschmähende „Reformkleid“ des Modesalons Emilie Flöge (die Gefährtin von Gustav Klimt) gehört auch zur Welt der „modernen“ Frauen, der Zuckerkandls und auch von Eugenie („Genia“) Schwarzwald (1872-1940)…

 
Die Damen Wertheimstein und Franz Lenbach

Die gebildeten, wohltätigen Damen     Die „Salonièren“, die hier im Mittelpunkt stehen – Arnstein, Josephine und Franziska von Wertheimstein (Mutter und Tochter) mit ihren tragisch-umschatteten Schicksalen, Berta Zuckerkandl und Eugenie Schwarzwald mit ihren „Reformsalons“, wo vor allem im Fall Zuckerkandl aktive Kulturpolitik gemacht wurde – , sind allerdings nicht die einzigen, es gab noch viele andere. Viele reiche jüdische Damen waren organisiert auch mit Wohltätigkeit befasst, etwa Julie Schlesinger, Therese Auspitz oder Josephine von Königswarter aus der Bankiers-Dynastie. Es gab Salons bei Cäcilie Eskeles (sie war die Schwester von Fanny Arnstein und heiratete den Wiener Bankier Eskeles – im Palais Eskeles befindet sich heute das Jüdische Museum), wo der Schwerpunkt auf Musik lag, bei Fannys Tochter Henriette Pereira (unser ehemaliger Salzburger Festspielchef und heutige Chef der Mailänder Scala stammt aus dieser Familie), bei Sophie von Todesco (die Schwester von Josephine von Wertheimstein). Vor der Zäsur von 1938 haben moderne Jüdinnen noch ihre Salons geführt – bei Helene Scheu-Riesz (1880-1970) traf sich in ihrer von Adolf Loos erbauten Villa in der Larochegasse 3 in Hietzing die damalige Moderne von Berg bis Kokoschka. Verlegersgattin Yella Hertzka versammelte die prominenten Komponisten von Mahler bis Schönberg bei sich. Am Ende führt die Ausstellung bis in die Emigration – für jene, denen die Flucht in die USA gelungen war, wurden die Zusammentreffen Gleichgesinnter (wo man auch Deutsch sprechen konnte) zur essentiellen geistigen Überlebensstrategie.

Jüdisches Museum Wien, Palais Eskeles, Dorotheergasse
The Place to Be. Salons als Orte der Emanzipation
Bis 14. Oktober 2018 (täglich außer Samstag 10 bis 18 Uhr)

Fotos: Wagner, in der Ausstellung fotografiert

 

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