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WIEN / Jüdisches Museum: LESSING ZEIGT LESSING

26.05.2015 | Ausstellungen, KRITIKEN

Lessing zeigt Lessing~1 
Fotos in der Ausstellung fotografiert von Heiner Wesemann

WIEN / Jüdisches Museum / Museum am Judenplatz:
LESSING ZEIGT LESSING
29. April 2015 bis zum 6. September 2015 

Künstler und Chronist zugleich 

2015 ist auch ein Gedenktag für das Jahr 1955, und wer an den Staatsvertrag denkt, hat das legendäre Foto vor sich, wo Leopold Figl auf dem Balkon des Schlosses Belvedere dieses Dokument hoch hält und der Wiener Bevölkerung zeigt. Ein Foto für die Geschichtsbücher wie viele, die Erich Lessing schuf. Der 91jährige ist noch am Leben und lebende Legende zugleich. Eine kleine, aber sehr feine Auswahl aus seinen berühmten Fotos hat nun seine Tochter für das Jüdische Museum in Wien zusammengestellt. Gezeigt werden sie in der Dependance am Judenplatz.

Von Heiner Wesemann

Lessing, der Weise     Es ist natürlich Zufall im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Ausstellung, dass am Judenplatz das Denkmal eines Mannes steht, der Lessing hieß: Gotthold Ephraim Lessing, selbst kein Jude, aber Schöpfer der schönsten Judenfigur der deutschen Literatur mit seinem Nathan dem Weisen. Weisheit scheint auch jenen Erich Lessing zu durchdringen, der 1929 in Wien geboren wurde, als Zehnjähriger nach Israel ging (ein Kind!), dessen Familie ermordet wurde, der 1947 – schon Fotograf von Beruf – nach Wien zurückkehrte und keine böse Worte für seine Landsleute fand. Im Gegenteil, seine Aussagen zeichnen sich durch Ausgewogenheit in jede Richtung aus. Und er hat, neben vielem anderem, gerade Österreich zu seinem Thema als Fotograf gemacht.

Lessing Hrdlicka und Staatsvertrag~1

Künstler mit der Kamera     Das Jüdische Museum hat Hannah Lessing, die 1963 in Wien geborene Tochter des Künstlers, eingeladen, aus der Fülle seines Werks eine Ausstellung zusammen zu stellen. Sie hat hoch interessante Aspekte gewählt – wenn etwa neben dem Staatsvertragsbild als Blickfang gleich links daneben die schlichte „Schneiderwerkstätte Hrdlicka“ zu sehen ist, mit einem ebenso schlichten Mann in kurzen Hosen und Hosenträgern in der Tür, zweifellos dieser Herr Hrdlicka: Lessings unvergleichliches Auge für den Alltag, wobei er in vielen Schwarzweißfotos, die eigene Magie haben, vor allem das Nachkriegs-Österreich dokumentierte.

Lessing golda und Kreisky~1

Weltgeschichte und ihre Protagonisten    Man weiß, dass Golda Meir und Bruno Kreisky nicht die besten Freunde gewesen sein konnten – ein Bild, das beide gemeinsam zeigt, ist auf jeden Fall eine Rarität, und die verschlossene Miene beider auf einem Lessing-Foto von 1973 vermittelt deutlich, dass sie eben eine nicht gerade amikale Unterredung hinter sich hatten. Lessing arbeitete für Associated Press und war – wie die Größten seiner Zunft – Mitglied bei Magnum Photos, der legendären Agentur. Dann ist man ebenso bei Chruschtschow dabei wie bei Willy Brandt, aber neben der Dokumentation gelingt dann auch manches Kunststück: Etwa Adenauer 1951 in Frankreich, wie er (an der Seite von Frankreichs Hochkommissar für Deutschland, Poncet) quasi als Silhouette vor dem Eiffelturm steht… Aber ein Magnum Fotograf war auch bei anderen Großereignissen eingeladen, zum Beispiel den Dreharbeiten von „Moby Dick“ 1954: Ein besseres Foto von Kapitän Ahab als jenes, das Gregory Peck in das Seil seiner eigenen Harpune verstrickt zeigt, hat man nie gesehen…

Lessing Damen von hinten~1

Girls of the Sixties    Aber Hannah Lessing, die sich bei der Auswahl auf tatsächlich eine geringe Zahl von Bildern beschränkt, hat auch Humor. Ihr Vater hat natürlich auch Frauen der Zeit fotografiert, nicht nur jene kokette Berliner Striptease-Tänzerin vor dem Auftritt, die ihn so lasziv anlächelte und den Katalog zur Ausstellung ziert. Auch die „Schönen“ von damals mit ihren Hüten und Sonnenbrillen im Liegestuhl – und wenn er sie von hinten erwischte, weiß man wenigstens, dass der Schlankheitswahn unserer Zeit in den „Fifties“ noch nicht das Denken der Frauen (und Männer) beherrschte…

Lessing Jüdisches Leben~1

Jüdisches Leben      Immer wieder ist Erich Lessing in das Land zurückgekehrt, das ihm als Kind zu überleben half: Die Bilder aus Israel sind im Gegensatz zu den anderen farbig, es sind berückende Landschaften, hier hat der Künstler abgedrückt, nachdem er ein Motiv vermutlich lange ausgekundschaftet hat. Ganz schlichte, frühere, noch schwarzweiße Bilder aus dem jüdischen Alltag zeigen hingegen einen Rabbi in der Synagoge, eine Bar Mizwa-Feier 1956 in Krakau. Erich Lessing hat Zeit und Lebensgefühl festgehalten – das ist seine ganz große Leistung, nicht zuletzt für Österreich.

Museum am Judenplatz, bis 6. September 2015, täglich außer Samstag 10 bis 18 Uhr

Katalog im Residenz Verlag

Buch Lessing zeigt Lessing jpg

 

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