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WIEN / Jüdisches Museum: KABBALAH

05.11.2018 | Ausstellungen, KRITIKEN

 

WIEN / Jüdisches Museum:
KABBALAH
Vom 31. Oktober 2018 bis zum 3. März 2019

Ach, wie schön ist die Magie

Hätte sich nicht Madonna (berühmter kann man wohl nicht sein) für die „Kabbalah“ begeistert, vielleicht wäre dieser mystische Zweig des Judentums das geblieben, was er war – nämlich ziemlich geheim. Dass man „Kabbalah“ nun nicht als Mode-Erscheinung missversteht, dafür tritt die Ausstellung im Jüdischen Museum Wien an, die in Gemeinschaftsarbeit mit dem Jüdischen Museum in Amsterdam entstanden ist. Darin geht es um den historischen Aspekt ebenso wie um den gegenwärtigen. Und außerdem hat das Haus zeitgenössische Künstler eingeladen, ihre „Kommentare“ zu dem Thema zu erstellen. Das Ergebnis ist vielschichtig, vielfältig, erhellend – und trotzdem geheimnisvoll.

Von Heiner Wesemann

Es geht nicht ohne Esoterik   Es sind Geheimnisse, die vielleicht den größten Reiz auf Menschen ausüben. Religionen haben ihre Überlieferungen. Und sie haben ihre mysteriösen Ecken, wo über das Sachliche, Faktische hinaus das Geheimnisvolle lebt. Gerade weil das Judentum keine so starre Doktrin besitzt wie andere Weltreligionen, ist darin fluktuierend viel möglich. Erste Dokumente über das „Kabbalah“ genannte Geheimwissen gehen bis ins 12. Jahrhundert zurück, auf den provencalischen Mystiker Isaak den Blinden. Die Ausstellung bietet Jahrhunderte alte Dokumente, die reich mit bildlichen Elementen geschmückt sind – unter anderem Kreise, Symbole wie Bäume, Hände, auch der traditionelle siebenarmige Leuchter ist zu finden. Vieles erinnert vergleichsweise an fernöstliche Mandalas, an Bilder, über die man in Versenkung geraten kann. Zahlreich sind auch die rätselhaften Gerätschaften, die zu dieser Lehre gehören. Als ultimative Autorität der Kabbalah gilt das Buch „Zohar“. Es gibt „Pforten“ der Kabbalah und „mystische Reisen“, die sich – laut Zeichnungen – in gefährlichen Labyrinthen verlieren können, und auch „Himmelsreisen“. Da kann die Ausstellung auch Gemälde von William Blake heranziehen. Man findet in dieser Welt zwar Engel und Dämonen, aber kaum Konkretes oder Handfestes – das würde den Prinzipien der Kabbalah widersprechen. Sie hat vor allem die Phantasie angeregt und Gedankengebäude errichtet.

Geschichte der Kabbalah   Was in Südfrankreich und Spanien begann, verlagerte sich nach der Vertreibung der spanischen Juden nach Galiläa. Die „Lehre“ verbreitete sich nicht nur unter Juden im Osmanischen Reich, auch das Christentum fand daran Interesse. Eine alchemistische Tischglocke vom Hof Kaiser Rudolfs II. zeigt mögliche Berührungspunkte mit anderen esoterischen Zirkeln. Einzelne jüdische Gruppen entwickelten ihre Sonderformen und anerkannten die der anderen nicht. Einzelne „Propheten“ traten hervor, „falsche Messiasse“ standen auf, es gab skurrile Gestalten wie jene Eva Frank, Tochter des aschkenasischen Juden Jakob Joseph Frank, dessen „Bewegung“ wohl auf die Gutgläubigkeit armer Leute abzielte und Tochter Eva (mit der er sogar eine Audienz bei Kaiser Joseph II. erhielt) als Aushängeschild benützte. Auswüchse gibt es auf dieser Welt immer.

 

Madonna in jüdischem Look     Moderne Kabbalah-Literatur (etwa bei dem britischen Okkultisten Alasteir Crowley) oder Kabbalah-Tarot-Karten belegen schon die Popularisierung der Thematik. Man findet sie in der Malerei, der Bildhauerei, dem Design, der Literatur, dem Film, mit Beispielen von kabbalistischen Zeitschriften in unserer Zeit. Und natürlich auch in der Musik, ob klassisch, ob im Entertainment. In einem der Räume steht Madonna, lebensgroß wie bei Madame Tussaud, mit großem schwarzem Hut, in schwarzem Anzug. Sie ist das Aushängeschild für jene Menschen, denen „Kabbalah“ eine Art Lebenshilfe dafür bedeutet, ein besserer Mensch zu werden. Freilich, dem orthodoxen Judentum ist jenes Kabbalah-Center, das Philip Berg (mit seinem „Holy Grail“-Manifest) gründete und das durchaus auch verächtlich als „Hollywood-Kabbalah“ bezeichnet wird, verdächtig. Aber, wie man in der Ausstellung ja sieht – der Begriff ist breit und groß, und vieles hat darin Platz. Und die modernen Kunstwerke, die in der Ausstellung großzügig verstreut sind, zeugen von der ungebrochenen Faszination des Geheimnisvollen.

Jüdisches Museum Wien, Dorotheergasse 11, 1010
Kabbalah
Bis 3. März 2019, Sonntag bis Freitag 10 bis 18 Uhr

 

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