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WIEN / Jüdisches Museum: ALLE MESCHUGGE?

18.03.2013 | Allgemein, Ausstellungen

 

WIEN / Jüdisches Museum:
ALLE MESCHUGGE?
Jüdischer Witz und Humor
Vom 20. März 2013 bis zum 8. September 2013 

Groß, tief, frech, unerschöpflich

Wer jüdische Freunde hat (oder solche, die des Jüdischen geistig und sprachlich mächtig sind), kennt die Situation: mit einem Witz beginnt’s, ein Witz gibt den anderen, und das kann dann nächtelang so weitergehen – a never ending story. Diese Erfahrung machten auch die Kuratoren Marcus G. Patka und Alfred Stalzer, als sie im Auftrag von Direktorin Danielle Spera im Jüdischen Museum Wien die Ausstellung: „Alle MESCHUGGE? Jüdischer Witz und Humor“ gestalteten. So viel sie auch hineinbrachten, es hätte immer noch mehr gegeben. Es ist eine große Geschichte. Eine tiefe. Eine unerschöpfliche. Aber man sollte sie als Besucher im Jüdischen Museum wenigstens am Schopf packen…

Von Renate Wagner

Am Anfang ist Gott    Was ist der jüdische Humor? Noch bevor er eine jüdische Überlebensstrategie wurde, war er angeblich eine Auseinandersetzung mit Gott. Der einzige Gott übrigens, der lachen kann, wenn wir uns in der Religionsgeschichte der Welt umsehen. Bei den Juden hat das Lachen darüber hinaus mit der Verzweiflung zu tun, mit  Selbsterkenntnis auch, aber es sind keine Witze, die auf Kosten der anderen gehen. Man hat genügend damit zu tun, sich selbst auf die Schaufel zu nehmen. Zusammen mit jener Brillanz und virtuosen Beherrschung der Sprache, die in so vielen ihrer Köpfen wohnt, ist der jüdische Witz keine Insider-Geschichte unter Juden allein – er hat die größten Fans auch bei den „Gojim“. Die müssen auch – in Ermangelung eines jüdischen Publikums, es ist nicht mehr jeder zehnte Wiener Jude wie vor Hitlers Zeiten! – die Besucher der Großausstellung im Jüdischen Museum sein.

Wie es begann     Dieser jüdische Witz hat viele Möglichkeiten, sich auszudrücken, aber weil er natürlich nicht nur ein literarisches, sondern vor allem ein lebendig-kommunikatives Element ist, ist er ausgiebig in der Welt der Unterhaltung anzutreffen. Die Kuratoren Marcus G. Patka und Alfred Stalzer beginnen die Ausstellung im ersten Stock des Hauses mit dem Versuch einer historischen Übersicht – der Komödiant könnt’ einen Pfarrer lehren, heißt es bei Goethe, und die Rabbiner wussten dies (als geborene Showmenschen) schon lange: Wer eine Gemeinde bei der Stange halten will, muss sie unterhalten, muss seinen Vortrag humoristisch gestalten… eine alte Tradition. „Der Rebbe lacht“, dann lacht auch die Gemeinde. Und außerdem kann man über den tieferen Sinn eines Witzes auch manche echte Lebensweisheit vermitteln, die sonst auf taube Ohren stieße… Über das Wesen dieses Witzes haben sich Berufene und Unberufene den Kopf zerbrochen, von Sigmund Freud bis zu den Nationalsozialisten.

 

 Der Weg über die Sprache     In zahlreichen übersichtlichen Themengruppen, die schlicht und einfach gestaltet sind – Wissen und die bildliche Veranschaulichung dazu finden sich jeweils auf einer freistehenden „Wand“ – , geht man Stationen des jüdischen Humors nach. Vom „Städtel“ des Ostens kommend, landeten die Juden mit ihren Wünschen und Hoffnungen, ihrem Wesen und ihrem Können vor allem in jenen Großstädten, aus denen ihre Sprache, das Jiddische, stammte (wenn sich dieses auch seit dem Mittelalter nicht mehr verändert hatte): in Berlin und Wien. Es gab „jiddisches“ Theater, aber da man sich ja nicht nur an die Glaubensgenossen, sondern auch an die „Christen“ wandte (um die Nichtjuden mit diesem Begriff zu subsummieren), kehrten sie zur deutschen Sprache zurück, mit dem für sie charakteristischen „Jargon“ (der dem Antisemitismus dann zur Waffe eines verzerrten Judenbildes wurde).

   

Die Welt des Entertainments    Die Juden traten mit ihrem Witz in die Welt theatralischer Unterhaltung ein, und das flächendeckend – als Interpreten und Autoren, als unverzichtbare Musiker, mit Stücken, Kabarett, Operetten, Shows, es gab kein Genre, für das sie nicht besondere Begabung gezeigt hätten (und mit Stücken wie „Die Klabriaspartie“ lieferten sie Longseller, an denen sich das Publikum nicht sattsehen konnte). Waren es in Deutschland noch die Revuen gewesen, die sie opulent über die Bühnen schickten, so ging ihnen im Exil das Broadway-Musical ebenso souverän von der Hand… Es ist eine nicht zu bändigende Flut von Information aus der Monarchiezeit, der Zwischenkriegszeit, aber auch aus der Nachkriegszeit, die auf den Betrachter einstürzt: Mit Karl Farkas vor allem (nachdem der Kabarett-König Fritz Grünbaum in Dachau gestorben war), aber auch Gerhard Bronner waren nach dem Zweiten Weltkrieg Persönlichkeiten aus dem Exil zurück gekommen, die das Wiener Kabarett noch einmal zur Blüte führten, und mit Georg Kreisler hatte man den großen, bösen Außenseiter.

Was wäre Hollywood ohne die Juden?      Es ist grotesk, den Horror solcherart zu interpretieren, aber fest steht doch: Wenn die Nazis nicht die jüdischen Künstler vertrieben hätten und viele von ihnen in Hollywood gelandet wären, könnte man sich eine Glanzzeit des amerikanischen Films ohne sie vorstellen? Die Ausstellung ist naturgemäß auch ganz im Kino, und weil im 1. Stock ohnedies überall Filmausschnitte flimmern (oder man sich per Kopfhörer Tonbeispiele von Songs oder Kabarettnummern holen kann), wird mancher Besucher Lust bekommen, auch am Sonntagnachmittag um 14 Uhr zu kommen und sich einen der „Klassiker“ (die hier mit Kurzszenen angerissen werden) anzusehen – das reicht von Ernst Lubitsch bis Woody Allen, von Ephraim Kishon bis zu Dany Levi, dem deutschen jüdischen Filmemacher unserer Tage, der Hitler in der Badewanne zeigen „darf“…

 

Kishon und die anderen     Natürlich widmet man Ephraim Kishon, der Österreich so verbunden war (und ein Lieblingsautor dieser Nation gewesen ist), einen eigenen kleinen Schwerpunkt, sein Sohn Rafi Kishon kam zur Eröffnung, man hat „Memorabilien“ aus seinem Leben zu bieten, darunter zwei Golden Globes, die er für seine Filme erhielt, oder das Schach-Computerspiel, das Kishon programmiert hat – man sollte nicht vergessen, bei all den Talenten, die er besaß, dass er auch ein Meister-Schachspieler war… Andere Literaten wie Scholem Alejchem oder Karl Kraus, Kurt Tucholsky oder Jurek Becker, George Tabori oder Friedrich Torberg finden übrigens auch ihren Platz, es gibt schließlich auch ein ganz breites Angebot jüdisch-humoristischer Literatur.

 

Hall of Fame    Im zweiten Stock geht es weiter, hier ist die Ausstellung dann personalisiert, unsere „Hall of Fame“ nennen es die Kuratoren. Dabei ist man den bekannten Juden der Unterhaltung auf der Spur, widmet sich auch spezifisch Wienerischem (wie etwa Stella Kadmon), würdigt Kabarettisten, und ist unendlich reich im Angebot der großen jüdischen Hollywood-Stars, die sich dem Witz verschrieben haben – die Marx Brothers, Jerry Lewis, Peter Sellers, Danny Kaye, Mel Brooks, Woody Allen, Barbra Streisand und Sacha Baron Cohen, der aggressive britisch-jüdischen Komiker von heute. Und natürlich darf „unser“ Billy Wilder nicht fehlen. Aber man vergisst auch nicht auf die Welt der Comics – „Dieser Superman ist ein Jude“, soll Goebbels gesagt haben, und tatsächlich kämpfte dieser in Kriegszeiten in seinen „Strips“ auch gegen die bösen Deutschen…

Begeistert und erschlagen    Am Ende schwirrt dem Besucher der Kopf, er möchte das noch sehen und jenes, hier genauer nachlesen und dort noch etwas anhören… da gibt es nur zwei Möglichkeiten, am besten beide: Wiederkommen und den voluminösen Katalog kaufen, der mit Sicherheit alle Informationen enthält, die in dieser Ausstellung ausgebreitet werden.

So-Fr 10-18, Sa geschlossen
Jüdisches Museum Dorotheergasse 11

 

 

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