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WIEN / Josefstadt: ZEMLINSKY

So viel Talent, so viel Unglück

19.03.2026 | KRITIKEN, Theater

 

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Fotos: Theater in der Josefstadt

WIEN / Theater in der Josefstadt: 
ZEMLINSKY von Felix Mitterer   
Uraufführung                                                                            
 Premiere: 19. März 2026.
besucht wurde die Generalprobe 

So viel Talent, so viel Unglück

Wenn eiii Künstler von den eigenen Kollegen, die es am besten wissen müssen, jegliche Anerkennung erfährt und dennoch zeitlebens (und auch „nachlebens“) in der Öffentlichkeit nicht wirklich ankommt, was ist er dann? Eine tragische Erscheinung. Und als solche hat Felix Mitterer den Komponisten Alexander Zemlinsky (1871-1942) auf die Bühne des Theaters in der Josefstadt gebracht. Mitterer und Turrini, die treuen Wegbegleiter von Herbert Föttinger: Sie bieten nun zum Ende seiner Josefstadt-Ära jeweils eine Uraufführung.

Wo das breite Publikum fehlt, gibt es Institutionen, und der Alexander Zemlinsky-Fonds hat 2021, anlässlich des 150. Geburtstags des Komponisten, ein Theaterstück bestellt. Man muss nicht darüber nachdenken, warum es erst 2026 gespielt wird. Das Stück ist wie der Mann, um den es geht  – voll Talent, aber es setzt sich nicht durch.

Die Gründe dafür ergeben sich schnell. Das Leben Zemlinskys, der total und akzeptiert in der Wiener Kunstszene „um 1900“ verankert war, blieb stets am Rande. Für das Theater ergeben sich nur zwei „interessante“ Aspekte – der erste ist seine Beziehung  zu der jungen Alma Schindler (später Mahler-Gropius-Werfel), der er Kompositionsunterricht gab und in die er geradezu irrsinnig verliebt war, während sie mit dem „Cretin“, der sie dennoch faszinierte, nur spielte. Zemlinsky hat seine Größe bzw. Kleinheit (keine 1.60 Meter) und seine Hässlichkeit für die Abweisung verantwortlich gemacht.

Und Autor Felix Mitterer flicht dazu eine poetische Ebene ein – denn Zemlinskys Oper „Der Zwerg“, nach dem Text „Der Geburtstag der Infantin“ von Oscar Wilde, den er immer wieder einfließen lässt, erzählt von dem hässlichen kleinen Geschöpf, das nur zum Spaß der Prinzessin gedacht ist.. Eine schöne Idee, die nur zu lange ausgereizt wird.

Das andere so tragische wie einst sensationsträchtige  Ereignis in Zemlinskys Leben war die Ehe seiner Schwester Mathilde mit seinem Freund Arnold Schönberg, den sie mit dem Maler Richard Gerstl betrog, der sich auf schreckliche Weise umbrachte. Schönberg nahm Mathilde zwar zurück, behandelte sie bis zu ihrem Tod allerdings wie ein Stück Dreck.

Als Schönberg in Mitterers Stück den alten Gefährten, dem er so viel an Wissen, Können und Beziehungen verdankte, im Exil in den USA besucht, kann der Autor hier die Gegensätze aufzeigen – Zemlinsky, der „Wiener“, der in der Fremde seelisch zugrunde geht und nichts anderes will, als dass seine Asche nach Wien gebracht wird (was mit der erklecklichen Verspätung von Jahrzehnten geschah…), und Schönberg, der in den USA regelrecht aufgeblüht ist…

Wenn sich Richard Gerstl auf der Josefstadt-Bühne auch mit roter Farbe beschmiert – so sind ja doch selbst die „reißerischen“ Elemente in Zemlinskys Biographie hier ziemlich brav und unspektakulär aufbereitet. Und es gibt ja auch nicht viel zu erzählen, wenn alle anderen so ungleich berühmter wurden als er – Gustav Mahler schon zu Lebzeiten, Arnold Schönberg zumindest heute (wenn seine Musik auch nur wenige hören wollen), andere wie Krenek („Johnny spielt auf“) oder Korngold („Die tote Stadt“) zumindest mit einem Opernerfolg, der ein Begriff geblieben ist. Nichts davon bei Zemlinsky.

Seine Opern werden selten als „Rarität“ hervorgeholt, seine Lieder selten gesungen, seine Kammermusik selten gespielt. Er war ja auch, nach Anfängen als brillanter Pianist, vor allem Dirigent – in Wien an allen Häusern, lange in Prag, schließlich in Berlin, bis die Nazis auch ihn vertrieben. Erzählen kann Mitterer noch die Liebesgeschichte mit seiner zweiten Frau, die geduldig warten musste, bis die erste verstorben war, um dann treu an seiner Seite durch die schwersten Zeiten zu gehen. Sonst gibt es Berichte über Karrierestufen, die nur die Fachleute interessieren.

Regisseurin Stephanie Mohr lässt den pausenlosen zweistündigen Abend (der viel länger wirkt…) auf einem stufigen Orchesterpodium (Bühnenbild: Miriam Busch) spielen, das den Vorzug hat, dass sich während des Abends und seiner Szenenfolge immer ein Großteil des Riesen-Personals des Stücks hier aufhalten kann, ohne sich allzu sehr zu drängeln (was bei einer flachen Bühne der Fall gewesen wäre). Dass die meisten Darsteller viele Rollen spielen, wird – obwohl Mitterer dafür sorgt, dass man sich zur Information möglichst mit dem Namen anspricht – immer wieder verwirrend wirken, zumal man ja nur die „Berühmten“ kennt.

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Als jüngerer und mitteljunger Zemlinsky, noch voll Hoffnungen auf eine substanzielle Karriere, ist Martin Vischer glänzend, dennoch hätte man gerne mehr von dem alten Zemlinsky in der eindrucksvollen Gestalt von Günter Franzmeier gesehen, der eigentlich nur das tragische Absterben des Mannes zeigen darf, der in der Emigration zugrunde ging, weil er sich so sehr gegen sie wehrte.

Ein herrliches Luder ist Ulli Maier als Alma fast aller Altersklassen, nur kurz vor dem Ende blamiert sich die Aufführung noch nachdrücklich, wenn die alte Alma Mahler-Werfel Zemlinsky zu seinem 70. Geburtstag in New York besucht. Da ist sie nämlich zu Robert Joseph Bartl (bisher eigentlich der dickliche Franz Werfel) in Frauenkleidern geworden, eine übliche Charley‘ Tante-Einlage, schlechtweg blamabel. Ulli Maier ist ja nach wie vor da und hätte die alte Alma unter dem Riesenhut mit dicker Schminke genau so spielen können. Ist der Regisseurin da plötzlich eingefallen, dass man als langweilig und zu „brav“ gilt, wenn man nichts für die Wokeness tut? Man sollte sich genieren.

Die Figuren wechseln, wenn sie jünger sind und älter werden, ihre Identität, aber die jeweiligen Schauspieler auch, sind plötzlich wer anderer  – mal mehr, mal weniger überzeugend. Schlank und schön beeindruckt die junge Melanie Hackl. Stark präsent in jeder Rolle (zumal als Politikerin Masaryková) agiert Susa Meyer, standhaft ist Martina Ebm unterwegs, ziemlich unglückliche Schicksale sind Alexandra Krismer und Kimberly Rydell auferlegt. Die des Singens mächtigen Damen des Hauses (Meyer, Rydell, Hackl) dürfen unter der Bezeichnung „Nornen“ (Zemlinsky war schließlich ein Wagner-Verehrer) Lieder des Komponisten anstimmen. (Musikalische Leitung:  Wolfgang Schlögl)

Einige unabdingbare berühmte Musiker sind auch noch dabei, Martin Kofler eindrucksvoll als Schönberg, Ulrich Reinthaller steif und unfreundlich als Mahler, Michael König als Brahms. Mehr Effekt als sie alle macht Julian Valerio Rehrl als exzentrischer Richard Gerstl und geradezu amüsant im Priesterrock als Almas Geliebter Johannes Hollnsteiner (mit dem signifikanten Satz: „Der Zölibat gilt nur, solange man die Soutane anhat.“)

Alles in allem ist das Schicksal des Alexander Zemlinsky extrem tragisch, und so wird es auch erzählt. Es schleppt sich nur leider vom Anfang bis zum Ende schrecklich mühsam dahin.

Renate Wagner

 

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